Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenchronik → Empfehlungen 1954
2012-10-15

Empfehlungen zur Erneuerung der deutschen Rechtschreibung

«Stuttgarter empfehlungen»

Die Arbeitsgemeinschaft, die sich aus Vertretern der Sprachpflege in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammensetzt, unterbreitet den amtlichen Stellen der beteiligten Länder die folgenden Empfehlungen. Die Arbeitsgemeinschaft ist sich darüber einig, daß die geplante Rechtschreibreform unsere Rechtschreibung wesentlich vereinfachen soll. Damit werden dringende Forderungen erfüllt, die seit mehr als einem halben Jahrhundert von weiten Kreisen der beteiligten Länder immer wieder erhoben worden sind. Vor allem im Interesse der Schule, der Verwaltung und der Wirtschaft, insbesondere des Verlags- und Druckereiwesens, empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft nachdrücklich, die Reform in einem Zuge zu vollziehen, um auf lange Sicht hinaus in Rechtschreibfragen eine feste Grundlage zu schaffen und eine allgemeine Befriedung herbeizuführen.

Die Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft lauten:

1 Gemäßigte Kleinschreibung

Die Arbeitsgemeinschaft versteht darunter die grundsätzliche Kleinschreibung aller Wortarten. Die großen Anfangsbuchstaben sollen beibehalten werden für den Satzanfang, für Eigennamen (z. B. Personennamen; Namen von Amtsstellen, Organisationen und Betrieben; geographische Namen, Namen von Straßen und Gebäuden; Titel im Schriftwesen), für die Fürwörter der Anrede und für bestimmte Abkürzungen (z. B. MEZ, NO, H2O). Auch der Name Gottes (und andere Bezeichnungen für ihn) wird weiterhin groß geschrieben.

2 Vereinheitlichung der Buchstabenverbindungen

Die Arbeitsgemeinschaft schlägt vor:

  1. tz wird z (z. B. spitzen — spizen)
  2. ß wird in Antiqua zu ss (z. B. er schloss)
  3. wenn drei gleiche Konsonanten zusammenstossen, werden wie bisher nur zwei geschrieben und es tritt bei Silbentrennung der dritte Konsonant wieder auf (z. B. Schiffahrt — Schiff-fahrt; Schlammasse — Schlamm-masse; Papplakat — Papp-plakat). Dagegen werden aus Gründen der Deutlichkeit drei aufeinanderfolgende s immer geschrieben (z. B. Grossstadt; Flussstahl — Flusstal).

3 Beseitigung rechtschreiblicher Doppelformen

Die Arbeitsgemeinschaft empfiehlt den Schriftleitungen der Wörterbücher, überall dort, wo ein Wort einheitlich ausgesprochen, aber verschieden geschrieben wird, nach Möglichkeit eine Schreibform festzulegen (z. B. Quarg —Quark, so dass — sodass).

4 Angleichung der Fremdwörter an die deutsche Schreibweise

Die Arbeitsgemeinschaft empfiehlt, in der Angleichung der Fremdwörter an die allgemeine Schreibweise weiterzugehen als bisher, zumal der praktische Gebrauch der jetzt gültigen Festlegung vielfach vorausgeeilt ist. In Zukunft soll ersetzt werden:

Auch in anderen Fällen soll bei Fremdwörtern die Schreibung weitgehend der Aussprache angepaßt werden. Es entspricht dann:

Fachausdrücke in wissenschaftlichen Werken können von dieser Regelung ausgenommen werden.

In der Schweiz wird bei der Schreibung von Fremdwörtern Rücksicht auf die drei anderen Landessprachen geübt werden.

5 Getrennt oder Zusammenschreibung

Die Getrenntschreibung ist in sehr vielen Fällen der Zusammenschreibung vorzuziehen, weil sie die Geltung der einzelnen Wörter unterstreicht, die Gefahr der Zusammenballung zu Wortungetümen mindert und so den Leseablauf fördert. Mit Rücksicht auf die zahlreichen Einzelfälle, über die entschieden werden muß, legt die Arbeitsgemeinschaft eine Beispielsammlung vor.

Übersichtliche Zusammensetzungen und Zusammensetzungen mit eingliedrigen Namen sollten wie bisher in einem Wort geschrieben werden (z. B. Bahnhofstrasse, Waldstrasse, Goethehaus, Karlsschule).

Entgegen der bisherigen Regelung soll bei Zusammensetzungen mit Ruf- und Familiennamen der Bindestrich nur vor dem Grundwort gesetzt werden (z. B. Albrecht Dürer-Platz). In diesem Zusammenhang empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft, bei Benennung von Strassen, Plätzen usw. nach Personen nur den Familiennamen, nicht aber den Vornamen und Titel zu verwenden; Bildungen wie „Philipp II. Monument“ sollten vermieden werden, weil, sie sprechwidrig sind.

6 Silbentrennung am Zeilenende

Ein einzelner Konsonant kommt auf die folgende Zeile, von zwei oder mehreren Konsonanten nur der letzte. Das gilt auch für die Konsonantenverbindung st wie bereits für sp (z. B. Kas-ten, Has-pel). Wie schon sch und ch, so soll auch ck ungetrennt auf die nächste Zeile kommen (z. B. lo-cken, wie schon: lo-chen, aus-lö-schen). Auch Wörter wie hinaus, daran u. ä. sollen künftig nach diesem Grundsatz getrennt werden (z. B. hi-naus; da-ran). Zusammengesetzte Wörter werden nach ihren erkennbaren Bestandteilen getrennt (z. B. Schul-pflicht). Fremdwörter werden wie die in diesem Abschnitt genannten deutschen Wörter behandelt (z. B. Pä-da-go-gik).

7 Vereinfachung der Zeichensetzung

Der Punkt soll nur noch am Satzende, nach der Ordnungszahl und nach Abkürzungen gesetzt werden, die man im vollen Wortlaut spricht (z. B. vgl., usw.) nicht aber nach Überschriften, Buch- und Zeitungstiteln. Ohne Punkt schreibt man die übrigen Abkürzungen (z. B. Hapag, Unesco, GmbH, AG, SPD usw.; vergleiche auch die bisher schon ohne Punkt geschriebenen Abkürzungen im Bereich der Maße, Gewichte, Formeln usw. (z. B. mm; kg; Ca).

Der Beistrich (das Komma) soll sparsamer als bisher gesetzt werden. Da der Beistrich ein wichtiges Mittel für die persönliche Gestaltung des Textes ist, muß in seiner Anwendung größere Freiheit gewährt werden als auf anderen Gebieten der Rechtschreibung. Danach soll z. B. im Gegensatz zum bisherigen Gebrauch der Beistrich vor „und“ und „oder“ zwischen gleichgeordneten Hauptsätzen sowie vor allen Infinitivgruppen (zu, um zu, ohne zu usw.) wegfallen, soweit die Eindeutigkeit des Ausdrucks und die stilistische Absicht nicht darunter leiden.

Der Gebrauch des Apostrophs ist möglichst einzuschränken. Anführungszeichen werden nur am Anfang und am Ende der Rede gesetzt. Kurze eingeschobene Sätze werden durch Beistrich von der Rede getrennt; bei langen Einschüben wird wie bisher verfahren.

8 Behandlung der Namen

Vor- und Familiennamen sowie Ortsnamen bleiben von diesen Vorschlägen unberührt.


Kennzeichnung langer und kurzer Vokale

Ober die in den Punkten 1–7 empfohlenen Vorschläge hinaus hat die Arbeitsgemeinschaft besonders eingehend geprüft, wie die verschiedenen Schreibungen des langen Vokals (z. B. mir, Tier, ihr; Tod, Boot, ohne) vereinheitlicht werden können.

Die Kennzeichnung der Vokalkürze durch mehrere Konsonanten soll beibehalten werden, da sie schon in der gegenwärtigen Rechtschreibung fast ausnahmslos durchgeführt ist. Dadurch wäre es möglich, in bestimmten Fällen auf eine besondere Kennzeichnung der Vokallänge zu verzichten. Bei der Durchführung dieses Grundsatzes wird empfohlen:

  1. Doppelvokale bleiben im allgemeinen erhalten. Sie sind zur rechtschreiblichen Unterscheidung gleichklingender Wörter nötig (z. B. Meer — mehr) und im Wortauslaut unentbehrlich (z. B. Klee, See)
  2. Das Dehnungs-h bleibt nach e bestehen (z. B. dehnen — denen); nach den anderen Vokalen ist es, abgesehen von Fällen wie ihm — im, ihn — in, entbehrlich. Das Dehnungs-h bleibt außerdem bei gleichem Wortstamm erhalten (z. B. empfehle, empfahl, empfohlen)
  3. ie wird zu i, ausgenommen vor ss (z. B. vergiesst, aber vergisst zu vergessen).

Die Arbeitsgemeinschaft hat in ihren Empfehlungen nur die wichtigsten Reformwünsche berücksichtigt, die in den letzten Jahrzehnten in Aufsätzen, Denkschriften und Entschließungen geäußert worden sind. Ihre Annahme durch die zuständigen Behörden würde gleichwohl zu einer Erleichterung des Unterrichts, zu einer Stärkung des Deutschen im internationalen Austausch und zu einer Verringerung des Minderwertigkeitsgefühls führen, das in der Vergangenheit die Kluft zwischen den „Gebildeten“ und „Ungebildeten“ so verhängnisvoll vertieft hat. Die Arbeitsgemeinschaft ist sich im Klaren darüber, daß jede Änderung der Rechtschreibung Widerstand und Mißbehagen in einzelnen Bevölkerungskreisen hervorrufen wird; sie ist indessen davon durchdrungen, daß das schließliche Ergebnis der vorgeschlagenen Reform nach einer verhältnismäßig kurzen Übergangszeit die segensreichsten Wirkungen für Schule und Haus, für Stadt und Land, kurzum für die große Gemeinschaft aller Deutschsprechenden haben und auch die Bedeutung des Deutschen als Verkehrssprache im internationalen Leben steigern wird. Alle Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft haben beträchtliche Opfer gebracht, um einen einstimmigen Vorschlag unterbreiten zu können; sie erwarten deshalb auch, daß verwaltungstechnische und andere Bedenken hinter dem großen Ziel einer echten Neuordnung unserer Rechtschreibung zurücktreten werden. Eine weitere Verschiebung der Reform — das haben die Tagungen in Konstanz, Salzburg, Schaffhausen und Stuttgart klar ergeben — ist nicht mehr möglich; es könnte sonst der Augenblick kommen, in dem Teile der deutschen Sprachgemeinschaft ihre eigene Wege gehen müßten, und dadurch könnte die geistige Stellung Mitteleuropas ernstlich erschüttert werden.


Die vorstehenden Empfehlungen wurden auf der vierten Sitzung der Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege am 15. und 16. 5. 1954 endgültig formuliert und von den nachstehenden Damen und Herren unterzeichnet:

Von deutscher Seite

Dr. phil. Otto Basler

o. Prof. der deutschen Philologie und Völkerkunde an der Universität München; Mitglied der Kommission für Sprachpflege b. d. Bayer. Akademie der Wissenschaften

Dudenredaktion:

Dr. phil. Wolfgang Ebert, Leipzig

Dr. phil. habil. Paul Grebe, Wiesbaden

Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Theodor Frings,

Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, ord. Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und Leiter des Instituts für deutsche Sprache und Literatur bei der gleichen Akademie

Dr. Hermann Gieselbusch,

Verlagsbuchhändler, Stuttgart

Dr. Werner P. Heyd,

Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft neue Rechtschreibung, Fellbach b. Stuttgart

Dr. Ruth Klappenbach,

wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin

Dr. phil. Walter Mitzka,

o. Prof. f. deutsche Philologie an der Universität Marburg und Leiter des Deutschen Sprachatlas

Universitätsprofessor Dr. phil. Hugo Moser,

Tübingen

Dr. phil. Dora Schulz,

Schriftleiterin der Zeitschrift „Deutschunterricht für Ausländer“, Mitarbeiterin des Goethe - Instituts, München

Franz Steiner,

Verleger, Wiesbaden

Professor Dr. Wolfgang Steinitz,

ord. Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Abteilungsleiter im Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Berlin

Dr. phil. Dr. rer. pol. Franz Thierfelder,

Generalsekretär des Instituts für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Univ.-Prof. Dr. Leo Weisgerber,

Direkter des Sprachwissenschaftlichen Instituts der Universität Bonn

Prof. Dr. phil. Walter Wittsack,

Leiter des Instituts für Deutsche Sprechkunde, Universität Frankfurt

Von österreichischer Seite

Hofrat Dr. Rudolf Dechant,

Direktor des Österr. Bundesverlags, Wien, Verleger des Österr. Wörterbuches

Landesschulinspektor Hofrat Dr. Albert Krassnigg,

Leiter der Abteilung I im Stadtschulrat für Wien. Mitverfasser des Österr. Wörterbuches, Wien

Universitätsprofessor Hofrat Dr. Anton Simonic,

Landesschulinspektor, Mitarbeiter am Österr. Wörterbuch

Ministerialrat Dr. Josef Stur,

Vorsitzender der Österr. Wörterbuchkommission, Mitarbeiter am Österr. Wörterbuch, Wien

Kommerzialrat Walter Wiedling,

Direktor und Gesellschafter des Verlages für Jugend und Volk in Wien, Verleger des Österr. Wörterbuches

Von Schweizer Seite

Dr. phil. Hans Glinz,

Privatdozent, Rümlang (Zürich)

Dr. Erwin Haller,

Vorsitzender des Bundes für vereinfachte Rechtschreibung, Aarau

Universitätsprofessor Dr. phil. Rudolf Hotzenköcherle,

Deutsches Seminar der Universität Zürich

Dr. phil. August Steiger †,

Deutschschweizerischer Sprachverein, Küsnacht/Zürich