Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenstichwort → unterscheidungsschreibung
nachgeführt 2018-5-16 , 2018-5-11

unterscheidungsschreibung

Definion

Unterschiedliche schreibung von gleich lautenden wörtern (homofonen) zwecks unterscheidung der bedeutung (semantisches prinzip).

Beispiele

wohlbekannt / wohl bekannt, morgen / Morgen, die drei / die Drei

Einzelfestlegungen: malen / mahlen, wider / wieder, Seite / Saite, Lärche / Lerche, greulich / gräulich, das / dass

Übertragene bedeutung, feste ausdrücke: sitzenbleiben / sitzen bleiben, grossschreiben / gross schreiben, frischgebacken / frisch gebacken, Schwarze Kunst, Schwarzes Brett

Pro und kontra

dafür

Tese: Unterscheidungs­schreibung erleichtert das lesen durch auf­lösung von mehr­deutigkeit (ambiguität) und er­möglicht dem schreiber eine grössere ausdrucks­vielfalt.

Johann Christoph Gottsched, Voll­ständigere und Neu­erläuterte deutsche Sprachkunst, 1775, s. 77

Eine andere Regel der Recht­ſchreibung entſpringt aus dem Unter­ſchiede der Wörter in ihren Be­deutungen. Denn da einer Sprache nichts nach­theiliger iſt, als die Zwey­deutigkeit der Wörter: ſo iſt auch nichts billiger, als daß man Wörter von zweyer­ley Sinne, doch ähnlichem Klange, wenigſtens in der Schrift, ſo viel als möglich iſt, unter­ſcheide. Der­geſtalt fallen ſie im Leſen, ſowohl Ein­heimiſchen als Aus­ländern, ganz anders in die Augen, und warnen vor dem Mis­verſtande, der bey einer­ley Buch­ſtaben leicht möglich wäre.

Facts, 10. 8. 2000

Schliesslich liegt hier eine fast einmalige Stärke der deutschen Sprache: Es ist ein Unter­schied, ob man «blaumacht» oder ob man ein Osterei «blau macht», es ist etwas anderes, wenn man «sitzen bleibt» oder in der Schule «sit­zenbleibt».

oll., Frank­furter All­gemeine Zei­tung, 6. 3. 2004, s. 1

[…] daß die angebliche Schreib­verein­fachung un­zählige Nuancen und Präzi­sierungen der deutschen Sprache zu beseitigen droht und das Verstehen von Texten erschwert, wenn nicht unmöglich macht […]

Remo Leupin, Basler Zeitung, 31. 7. 2006

Anders als der Duden hält die baz auch an der Unter­scheidung zwischen wört­licher und über­tragener Bedeutung von Begriffen fest. Denn es ist ein Unter­schied, ob man zum Beispiel in der Schule «sit­zengeblieben» oder auf einem Stuhl «sitzen geblieben» ist; ob «die Besuche­rinnen und Besucher stehen geblieben sind» (= weiterhin stehen) oder ob sie «stehenge­blieben sind» (= einen Halt machen).

Hans Zehetmair, Wahrig, die deut­sche Recht­schrei­bung, vorwort, 2006

Mehr semantische Differenzierungs­möglich­keiten […] erhöhen […] die Ausdrucks­vielfalt.

dagegen

(stand­punkt des Bundes für ver­einfachte recht­schrei­bung)

Tese: Gemäss dem durch die buchstaben­schrift vorgegebenen schichten­modell ist der transport von bedeutung allein aufgabe der sprache, nicht der schrift. Sie ist erschwert das schreiben, ohne beim lesen einen nutzen zu bringen.

neu Konrad Duden, Die Zukunfts­orthographie, 1876, s. 22

Vom Standpunkt der Theorie aus ſind natürlich jene Doppel­ſchreibungen gleich­lautender Wörter verwerflich. Denn wie kann man von der Schrift verlangen, daſs ſie genauer ſei als die Sprache, daſs ſie unterſcheide, was die Sprache nicht unterſcheidet! Von praktiſchem Nutzen würden ſie ſein, wenn unſre Sprache ſo reich an ſolchen Homonymen, gleich­lautenden Wörtern, wäre, daſs leicht Miſs­verſtändniſſe eintreten könnten. Das iſt aber keines­wegs der Fall. Und wenn man die oft Heiterkeit erregenden, mit einem Aufwand von kaſuiſti­ſchem Scharf­ſinn aus­getüftelten Beiſpiele betrachtet, in denen z. B. eine Ver­wechſelung von Ton und Thon möglich wäre, falls man ſie nicht ver­ſchieden ſchriebe; wenn ſich jeder fragt, ob er ſelbſt in ſeinem ganzen Leben bei all ſeiner Lektüre ſchon ein einziges mal auf einen Fall geſtoßen ſei, wo er die unter­bliebene Unter­ſcheidung z. B. in Thor (= Thür) und Thor (der Thörichte), oder in Strauß (Vogel), Strauß (Blumen­ſtrauß) und Strauß (Kampf) als einen zu Miſs­verſtändniſſen fürenden Mangel empfunden hätte wird man one Zweifel zu der Über­zeugung gelangen, daſs jene, überdies gar nicht konſequent durch­gefürte, nach reiner Willkür hier wol, dort nicht angewendeten Doppel­ſchreibungen eine ganz nutzloſe Er­ſchwerung unſerer Recht­ſchreibung ſind. Sie erſcheinen nur harmloſer und daher weniger als Objekt der Bekämpfung, weil ſie nicht eben häufig ſind.

Wilhelm Bleich, Der deutsche Schreibzopf und dessen not­wendige Beseitigung, 1900

Eine zwecklose Erschwerung des Schrift­ge­brauchs ist es, gleich­lautende Wörter ver­schiedener Be­deutung durch eine verschie­dene Schreibung zu unter­scheiden, da ja schon der Zusammen­hang im Satze jedes Miß­verständnis verhütet.

Gottfried August Bürger, Gedichte, 1778

Alle Sprachen ha­ben das an ſich, daß man oft nicht den Sin aus ein­zelnen Wörtern, ſondern dem ganzen Zuſammen­hange auf­greifen mus.

  1. Wo die unterscheidungs­schreibung nicht existiert, wird sie nicht vermisst: Gericht (engl. court / dish), Anzeige (advertisement / advice / notice / display / complaint), Kiefer (pinetree / jawbone), Bedeutung (meaning / importance / significance / acceptation / consequence / bearing), sein (früher sein / seyn).
  2. Wo sie existiert, wird sie primär als schreib­schwierigkeit wahr­genommen. Lärche/Lerche kann man sich kaum ohne esels­brücke merken.
  3. Sie wird inkonsequent angewandt und funktioniert un­zureichend (z. b. schwarzes Schaf nur so; 2 mögliche schreib­weisen für 3 bedeutungen: gross schreiben / grossschreiben für für Sehschwache gross schreiben / Substantive grossschrei­ben / Teamarbeit grossschrei­ben).
  4. Sie wird oft ignoriert oder falsch eingesetzt. Beispiele: für Sie und Ihn und Die Drei von der Tankstelle wird sehr häufig irreführend geschrieben, aber immer richtig verstanden. (Fundsachen.)
  5. Die insgesamt mangel­hafte funktion wird nicht wahrgenommen; vor allem laien halten die unterscheidungsschreibung für un­entbehrlich.

Hermann Unter­stöger, Süd­deutsche Zeitung, 26. 1. 1998

Jean-Marie Zemb (Paris) wertet Differenzierungen à la frei sprechen/freispre­chen als Zeugnisse ”einer zur Gewohnheit ge­wordenen Rationalität des Schreibens, das auf Bedeutungs­unterschiede Rücksicht nimmt”. Das ist schön gesagt und ehren­voll für die Schreiben­den. Anderer­seits herrscht am Collège de France, an dem Zemb lehrt, möglicher­weise ein höherer Alltag als hier, wo man selbst unter den be­dachtesten Schreibern öfter als eigentlich schicklich die Frage hören kann: ”Du, sag mal, schreibt man übelnehmen nun zusammen oder nicht?” Daraus läßt sich schließen, daß ziemlich viele weder die be­treffenden Regeln kennen noch sie für wichtig genug halten, um eine gründlichere Be­schäftigung mit ihnen in Betracht zu ziehen. Sie akzeptieren gemeinhin jeden der zwei möglichen Tips und kämen nie in Gefahr, Sätze wie ”Hillary hat Bill nichts übel genommen” in irgend­einer Weise miß­zuverstehen.

Rolf Landolt

Stellungnahme zu: Andreotti, Rechtschreibreform – eine ernüchternde Bilanz

Reformen

neu Bei jeder änderung der schreibung gibt es zwangs­läufig einen bereich, in dem grafische bedeutungs­differenzierungen wegfallen, wofür in jeder diskussion sofort bei­spiele präsentiert werden. Der drohende verlust von unterscheidungs­schreibungen spielt eine grosse rolle und führt zu einer über­bewertung dieser funktion der ortografie.

Da reformen oft nicht eine aufhebung, sondern eine verschiebung von ab­grenzungen bedeuten, können sie neue bedeutungs­differenzierun­gen schaffen. Inkonsequenter­weise ist die aussicht auf eine neue unterscheidungs­schreibungen nicht attraktiv. Die psychologische erklärung dafür ist die verlust-aversion (Frankfurter All­gemeine Zeitung, 2. 6. 2001). In einem argumentativen salto können die reformgegner sogar einem «Schleier der Uneindeutigkeit» etwas abgewinnen (Süddeutsche Zeitung, 30. 1. 1999).

Substantivgrossschreibung

Die eigennamengrossschreibung aus der sicht des lesers.

Reform von 1996

Unnötige unterscheidungs­schreibungen wurden bewusst eliminiert. Das wurde 2006 teilweise rückgängig gemacht, aber z. t. nicht durch wieder­herstellung der zwingenden unterscheidungs­schreibung, sondern durch umdeutung in varianten. (Auch in Icklers wörterbuch.)

Neue unterscheidungs­schreibungen: Stillleben, Betttuch/Bettuch.

Deutscher Hoch­schulverband, 2000

„Vor allem die mit der Recht­schreibe­reform voll­zogene Abschaffung der so­genannten Unter­scheidungs­schreibungen […] führt", wie der Präsident des Verbandes, der Kölner Völker­rechtler Hartmut Schieder­mair, in Bonn erklärte, „zu einer unerträg­lichen Verkürzung der sprachlichen Ausdrucks­möglichkeiten."

Max A. Müller, Bildung Schweiz, 1. 3. 2011

Noch nicht einmal die Abschaffung von Bedeu­tungs­tüfteleien wie «auf dem Trockenen sitzen» (nicht nass haben unter der Hose) und «auf dem trockenen sitzen» (kein Geld haben) dürfte die deutsch­schreibende Mensch­heit wirklich weiter­gebracht haben, da solchen Sinnen­taumel wohl schon vorher kein arbeitender Zeit­genosse beachtete.