Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenstichwort → sprachrichtigkeit
nachgeführt 23. 3. 2017 , 21. 6. 2016

sprachrichtigkeit

definition

Forderung, dass die rechtschreibung sich primär nach der herkunft eines worts und nach der grammatik richten muss. Eine rein synchronische analogiebildung zur erleichterung des schreibens wird abgelehnt. Der begriff wird von gegnern einer rechtschreibreform und ausschliesslich zur erhaltung des status quo gebraucht, nicht etwa von anhängern einer rein fonologischen schreibung.

Synchronische, «sprachwidrige» analogie­bildungen von 1996

tollpatsch

analog zu toll

von ungarisch talpas

belämmert

analog zu lamm

von niederdt. belemmeren, hindern, hemmen

quäntchen

analog zu quantum

von (veraltend) quent, sehr kleine menge

nummerieren

analog zu nummer, nummerisch (seit 1942)

von lat. numerare, analog numerisch

Frühere synchronische, «sprachwidrige» analogie­bildungen

spiel

analog zu tier

spiel in schweizer dialekt: [ʃpɪ:l]

tier in schweizer dialekt: [tɪɐr]

bahn

analog zu zehn

bahn mhd: ban[e]

zehn in schweizer dialekt: [tsæ:], [tsæxɐ]

gehen

analog zu sehen

gehen mhd: gān, gēn, in schweizer dialekt: [ga:], [gu:]

sicht, gesicht

bewertung

  1. «Sprachrichtigkeit» im sinne einer etymologischen schreibung lehnen wir ab (diachronie).

  2. Wer die «sprachwidrigen» analogie­bildungen von 1996 ablehnt, muss konsequenterweise auch die frühreren ablehnen, wie das Konrad Duden noch teilweise tat. Andernfalls muss man annehmen, dass es nicht um sprachrichtigkeit geht, sondern um die erhaltung des status quo.

verweis

Zitate

Eduard Blocher, Mit­teilungen des Deutsch­schweizerischen Sprach­vereins, 4. 1920

Die nichts­nutzige „Reform“ von 1901 hat uns sprach­widrige Neue­rungen gebracht, Schrei­bungen wie: zuungunsten, aufgrund, imstand, infolge.

 

Stefan Stirnemann, sok.ch

Bis ins Jahr 1996 hatten wir eine weitest­gehend ein­heitliche und sprach­richtige, also voll zweck­mässige Recht­schreibung. Dann haben die Bildungs­politiker der deutsch­sprachigen Länder mit einem zer­störerischen Ein­griff, genannt Reform, die Ein­heitlichkeit und Sprach­richtigkeit auf­gehoben; und die sind bis heute nicht wieder­gewonnen.

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Bayerische Staats­zeitung und Bayerischer Staats­anzeiger, 30. 1. 2004

Mit der Aus­hebelung der Grammatik, mit der Rückgängig­machung von Wort­bildungs­prozessen, mit der Ein­ebnung von Bedeutungs­unter­scheidungen, also der Ent­differenzierung der Sprache kann eine Kultur­nation nicht leben. Am 31. Juli 2005 soll die Übergangs­frist enden. Danach werden Schüler, die noch ein intaktes Gespür für die Sprache haben, gnadenlos bestraft, wenn sie sich den Zwang zu sprach­widrigem Regel­konformismus nicht beugen. Das Sprach­richtige wird ihnen als Fehler an­gekreidet, mit allen Folgen für die Noten­gebung und damit für das weitere Lebens­schicksal. Dahin darf es nicht kommen, denn das wäre - so klar und drastisch muß man es sagen - ein Ver­brechen an jungen Menschen.

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Rainer Wimmer, Süddeutsche Zeitung, 2. 7. 2004

Es gibt keine grammatisch korrekte oder inkorrekte Orthographie.

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