Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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nachgeführt 15. 12. 2015

prinzipien, ortografische

Helmut Glück (hrsg.): Metzler-Lexikon Sprache. 2. auflage, stichwort «Prinzipien der Orthographie».

Über die Prinzipien gibt es naturgemäß keine Einigung unter den Linguisten. Dies betrifft ihre Zahl, ihre Hierarchie, die Zuweisung der einzelnen graph. Phänomene zu den Prinzipien und nicht zuletzt die Terminologie. Dies liegt einerseits an unterschiedlich(en) gewichtet(en) Auffassungen über die Funktion(en) der Schrift wie auch an unterschiedlichen phonolog., syllab., morpholog. und syntakt. Modellen. Im allgemeinen unterscheidet man zwei Hauptprinzipien: Schreibung als Zeichen vom Zeichen, d. h. den Bezug auf die Lautebene: phonolog., syllab., intonator. Prinzip, und Schreibung als primäres Zeichen: morpholog. (etymolog.), syntakt., semant. (lexikal.), textuelles und pragmat. Prinzip.

Ronald Lötzsch, Utopie kreativ, 11./12. 1997

Die »Rechtschreibreform« und ihre »utopische« Alternative.

Elisabeth Leiss, Die regu­lierte §chrift, 1997, s. 59f.

Doch ist es nicht einfach euphemistisch, einen immensen Katalog an Ausnahmen als Auto­nomie der Alphabet­schrift hin­zustellen? […] Orthographie­theoretiker wissen auch darauf eine Antwort: Das Orthographie­system des Deutschen stelle ein System aus mehreren Prinzipien dar. Es sei eine Art Misch­system aus phonologischen, morphologischen und semantischen Prinzipien. Die Liste der Prinzipien, die genannt werden, ist bei den verschiedenen Ortho­graphie­theoretikern durchaus uneinheitlich. Das rechtschreib­schwache Kind hat ihrer Meinung nach noch nicht begriffen, daß es nicht nur das phonologische Prinzip gibt, sondern auch andere. Vermitteln die Lehrer diese Prinzipien nicht, oder sind rechtschreib­schwache Kinder eben doch einfach nur zu dumm, um mehr als nur ein Prinzip zu begreifen? Das phonologische Prinzip erwerben die Kinder sehr schnell. Es braucht dann aber Jahre, um ein ganzes Bündel an weiteren Prinzipien zu vermitteln. Hier erst beginnen die Schwierigkeiten. Soll man wirklich am erfolgreichen Erwerb dieser zusätzlichen zweifel­haften Prinzipien die Intelligenz der Kinder messen? Ganz bestimmt nicht, denn diese Behauptung von der Existenz weiterer ortho­graphischer Prinzipien oder Regeln stellt eine verantwortungs­lose Über­treibung dar. Von 'Prinzip' oder 'Regel' kann aus wissenschafts­theoretischer Sicht überhaupt nicht die Rede sein. […] 'Orthographische Prinzipien', die sich erst 'im Nachhinein' erkennen und nicht schon beim Schreiben anwenden lassen, sind keine Prinzipien.