Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenstichwort → I. ortografische konferenz
nachgeführt 2015-12-25

I. ortografische konferenz

jahr, ort

, Berlin

zweck

Expertentagung; vereinheitlichung und systematisierung der rechtschreibung. Diskussion der vorlage v. Raumers (regel- und wörterverzeichnis).


inhalt

Gemässigt fonologischer standpunkt. U. a.:

  • Verzicht auf längenkennzeichnung z. b. bei faren, mäne, boren, löne, stul;.
  • Ersetzung von <th> durch <t> (Tier).
  • Eindeutschung von lehnwörtern (vor allem <k> statt <c>, z. b. Akzent statt Accent).
  • Trennung von <s-t>.
  • <ss> nach kurzvokal, <ß> nach langvokal/difthong (Kuss/Küsse, Gruß/Grüße, weiß/weiße).

folgen

Akzeptanz der vorlage durch die konferenzteilnehmer. Schlechtes presseecho, öffentliche polemik. Keine politische durchsetzbarkeit der vorschläge.


presseartikel

Wolfgang Krischke, Die optimale Sprache dem Kint mit Leffeln eintrichtern, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. 8. 2011


Zitat

Konrad Duden, Rechtschreibung, in: Encyklo­pädisches Hand­buch der Pädagogik, 1898, band 5, s. 764

Diese Versammlung, die „Orthographische Konferenz“, der kein Vertreter der historisch-etymolo­gischen und kein Anhänger der streng phonetischen Schreibung angehörte, war dazu berufen, „eine größere Einigung in der deutschen Recht­schreibung“ herbei­zuführen. Es sollten also keine grund­stürzenden Neuerungen versucht, sondern nur die viel­fachen Verschieden­heiten der Schreibung, die thatsächlich vor­handen waren, möglichst beseitigt werden. Daß dabei auch die Beseitigung offen­barer Mängel, die die Hand­habung und besonders die Erlernung der Recht­schreibung in der Schule erschwerten, also eine Ver­einfachung der Schreibung, mit ins Auge zu fassen sei, be­trachtete man als selbst­verständlich.

Das Ergebnis der Beratungen der Ortho­graphischen Konferenz fand nicht den erhofften Anklang. Den einen gingen die Beschlüsse zu weit, den anderen nicht weit genug, andere wollten über­haupt von einer Regelung der Recht­schreibung durch die Regierung nichts wissen. Bei den abfälligen Urteilen ging man vielfach von einer ganz irrigen Vor­aussetzung aus. Man übersah, daß die Arbeit der Konferenz nur dazu bestimmt war, für die Schule die Grund­lage der Unter­weisung zu bilden und dem un­erträglichen Übel­stand, daß jeder Lehrer seine eigene Ortho­graphie hatte und bei seinen Korrekturen zur Geltung brachte, ein Ende zu machen, daß es aber keines­wegs die Absicht war, den der Schule Entwachsenen eine Änderung ihrer Schreib­weise aufzu­nötigen. Anderer­seits vergaßen die Anhänger einer rein phonetischen Schreibung, die mit allen Mängeln unserer Schreibung auf einmal gründlich auf­geräumt haben wollten, daß die Konferenz nicht die Aufgabe hatte, eine neue Recht­schreibung zu schaffen, sondern daß sie die vor­handene in der Richtung, in welcher sie sich seit langer Zeit ent­wickelt hatte, unter möglichster Schonung das Bestehende einen Schritt weiter­führen und die vielen schwankenden Fälle nach den die Schrift beherrschenden Grund­sätzen entscheiden sollte.

[…] Widerspruch der Tages­presse und einiger Schrift­steller, die zum Teil ohne jede Sach­kenntnis das Werk der Konferenz ihrer Kritik unterzogen […]