Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenstichwort → einheitlichkeit
nachgeführt 29. 10. 2012 , 15. 4. 2010

einheitlichkeit

Definition

geografisch

Das bestreben, im ganzen sprachgebiet in der schule die gleiche norm zu lehren. Problem: grosse sprachgebiete erstrecken sich über mehrere staaten; dazu kommt eine föderalistische organisation innerhalb der staaten, z. b. in Deutschland und in der Schweiz. Im deutschen sprachgebiet wurde die einheitlichkeit zu beginn des 20. jahrhunderts erreicht, allerdings mit ausnahme der verwendung des ß. Die neuregelung von 1996 hat daran nichts geändert.

anwendung der norm

Das bestreben, alle sprachteilnehmer dazu zu bringen, die schulnorm mit möglichst wenig spielraum anzuwenden. Damit wird die einheitlichkeit zum argument gegen

  • varianten von schreibungen
  • reformen
  • varianten von regelsystemen
vgl. auch

varianz

«… ist in der Tat alles, was man bei solchen Dingen suchen muß»

Georg Christoph Lichtenberg 1781 (nach Wortschatz und Orthographie in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 2000, s. 63)

Einigkeit ist in der Tat alles, was man bei solchen Dingen suchen muß, ja selbst mit einigem Verlust von Seiten der strengen Wahrheit erkaufen müßte, wenn Einigkeit nicht anders zu erhalten wäre.

Rudolf von Raumer, 1855

Auch eine minder gute Orthographie, wofern nur ganz Deutschland darin übereinstimmt, ist einer voll­kommeneren vor­zuziehen, wenn diese voll­kommenere auf einen Theil Deutschlands beschränkt bleibt und durch eine neue und keineswegs gleich­gültige Spaltung hervorruft.

Peter Eisenberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. 4. 2009

Einheitlichkeit der Schreibung bleibt das stärkste Band im vielfältig gegliederten deutschen Sprach­gebiet.

Horst Haider Munske, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. 7. 2000

Das war auch die größte Leistung Konrad Dudens: dass er in seinem Orthographischen Wörter­buch von 1880 - gegen eigene frühere Reformideen - der traditionellen Recht­schreibung in der Form der ver­einheitlichten preußischen und bayerischen Regeln zum Durchbruch verholfen hat.

neu Hans Krieger, Süddeutsche Zeitung, 14. 8. 1998

Einheitliche Geltung im gesamten Sprachraum aber ist zentraler Zweck jeder orthographischen Regulierung; wird sie preisgegeben, so hat die Normierung jeglichen Sinn verloren, und damit entfällt auch der Grund wie die Legitimierung für eine Reform dieser Normierung.

Gerhard Augst, zitiert von Alexander Smoltczyk, Der Spiegel, 25. 7. 2005

Die deutschen Lehrer haben im 19. Jahrhundert vom Staat eine einheitliche Rechtschreibung erbeten. Das war der Sünden­fall. Aus dem kommen wir jetzt nicht mehr heraus. Die Bürger wollen Regeln, der Duden antwortet mit Kasuistik und wird dick und dicker.

erziehungs­direktoren­konferenz, 1975

Ein Alleingang der Schweiz ist kaum zu verantworten.

Fred Sinowatz, österreichischer unterrichtsminister, 1976

Ich möchte betonen, daß ein Alleingang Österreichs nicht in Frage kommt.

«… gerade durch die Reform bedroht»

Christian Meier, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 8. 1997

Die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung ist also gerade durch die Reform bedroht. Denn es geht ja nicht nur darum, daß in den verschiedenen Bundes­ländern samt Österreich und den Schweizer Kantonen das gleiche gelehrt wird, sondern auch darum, daß die verschiedenen Teile der deutsch­sprachigen Gesellschaft und nicht zuletzt die Schrift­steller die gleiche Schrift schreiben.

Fernando Wassner, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. 12. 1997

Natürlich steht es diesem oder jenem Poeten, sagen wir Ernst Jandl, frei, alles groß oder alles klein zu schreiben und - das gibt es - mit der Rechtschreibung spielerisch musikalische Scherze zu treiben ("Dasdadur"). Aber das Leben wird - das ist ja nichts Schlechtes - zunehmend von Computern geprägt wie von Autos. Und da wird es dann brenzlig, denn die Programmierer müssen weithin dieselbe Sprache schreiben wie die Benutzer. Denn falls ein Auto­mechaniker-Lehrling ein "Kappel" für die Batterie sucht, um den Strom­speicher mit der Licht­maschine zu verbinden, dann gehen teure Arbeits­stunden verloren, wenn der Programmierer des Ersatzteil-Lager­verzeichnisses noch "Kabel" geschrieben hat. Woraus folgt, daß die Recht­schreibung gewiß langsame Wandlungen auch rechtlich verträgt, aber keine Revolutionen und keine Beliebigkeit.

Wenn der lehrling jetzt erkennt, dass es vorteile bringt, sich an schreibregeln zu halten, ist es ja nicht zu spät. Anders gesagt: Die schreibung ist auch ohne zwang so einheitlich, wie sie sein muss. Ein elektronischer suchvorgang ist im übrigen ein gutes beispiel – für die umgekehrte schlussfolgerung: Programmierer wollen uns gar nicht zu einheitlichkeit zwingen, ganz im gegenteil. Immer raffiniertere suchalgoritmen und frontend­techniken erleichtern den umgang mit varianten und tippfehlern.

Thomas Steinfeld, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. 7. 2000

Es gibt keine einheitliche deutsche Orthographie mehr.

Josef Kraus, Die Woche, 4. 8. 2000

Das eigentliche Ärgernis ist der Verlust der Einheitlichkeit der Schreibung.

Friedrich Denk, Tages-Anzeiger, 9. 8. 2003

«Errungenschaft» bezeichnet, «dass eine Sprach­gemeinschaft eine einheitliche Schreibung pflegt». Nur wurde diese dank Konrad Duden seit 1903 existierende Einheitlichkeit von den Rechtschreibe­reformern für lange Zeit zerstört.

Reiner Kunze, suedkurier.de, 15. 8. 2008

«Die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung ist zerstört, die Sprache wird eine lange Leidens­zeit haben.»

Axel Springer AG, pressemitteilung, 7. 3. 2006

Eine Einheitlichkeit existiert mit reformierter Rechtschreibung nicht mehr.

Romanus Otte, Welt am Sonntag, 30. 7. 2006, Editorial

Die Rechtschreibreform […] hat Verwirrung gestiftet, das Land gespalten und die Ein­heitlichkeit der Schreib­weise zerstört.

Jan Henrik Holst, www.janhenrikholst.de, 2. 2005

[…] heute ist die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung zerstört und unsere Schriftkultur dem Dahinsiechen preisgegeben.

Jens Jessen, Die Zeit, 3. 8. 2006

Was damit auf absehbare Zeit nicht zurückkommt, ist freilich die Einheitlichkeit der Schreibung jenseits der Schulen. Die Reformgegner, die das beklagen, müssen sich allerdings auch an die eigene Nase fassen: Sie haben mit ihren Blockaden den Zustand der neuen orthografischen Freiheit mit erzeugt. Das Ergebnis ist nicht ohne Ironie. Die Anhänger einer unwandelbaren Rechtschreibautorität haben diese Autorität durch partisanenhafte Abweichung ihrerseits beschädigt.

«… die Grundsatzfrage nach dem Stellenwert der Einheitlichkeit»

Matthias Wermke, Sprachspiegel, 4. 2001

Auch hinsichtlich der geschriebenen Sprache gibt es trotz der amtlichen Regelung von 1901 nur eine relative Einheit­lichkeit. Bis heute werden Leser mit Texten konfrontiert, die nicht der amtlichen Regelung von 1901 entsprechen.

Robert Nef, Schweizer Monatshefte, 11. 2003

Schliesslich stellt sich auch die Grundsatzfrage nach dem Stellenwert der Einheitlichkeit. Wie wichtig ist die rigorose Aus­schaltung von Streit­fragen und Grenz­fällen, wie schädlich ist eine Bandbreite, die regionalen Eigen­heiten und persönlichen Vorlieben Raum lässt?

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, 1964

Die Forderung nach völlig lückenloser Uniformität der Schreibung ist keineswegs zwingend; im Bereich der schönen, auch der wissen­schaftlichen Literatur, erheben sich sogar sehr ernst­hafte Einwände gegen eine ortho­graphische Einheits­tyrannei.

Rudolf Walther, die tageszeitung, 4. 12. 2006

Der Fetisch der Einheitlichkeit dient dazu, die mit der Rechtschreibreform (und zum Teil gegen deren ursprüngliche Motive!) gewonnene Freiheit der Wahl aus ver­schiedenen Schreib­varianten zu denunzieren.

Martin Walser, Der Spiegel, 14. 10. 1996

Soll doch jeder, auf eigenes Risiko, schreiben, wie er will. Er will ver­standen werden, soll er's versuchen auf seine Art. Wie gut und eigenartig hat das Goethes Mutter in den Briefen an ihren Sohn praktiziert.

Hans Magnus Enzensberger, Der Spiegel, 14. 10. 1996

Ich zitiere Ihnen einen beliebigen Satz aus Wielands "Gesprächen unter vier Augen": "Von einer Republik, die auf die Rechte der Menschheit gegründet seyn will, und mit den großen Zauber­worten, Freyheit und Gleichheit, Vernunft, Filosofie und Filanthropie, so viel Geräusch und Geklingel macht, sollte man doch wohl mit gutem Fug ein besseres Beyspiel erwarten dürfen." Wie viele "Schreib- und Komma­fehler" würden die Anbeter des Dudens in diesem Satz finden, je nachdem, welche Auflage ihrer heiligen Schrift sie gerade zu Rate ziehen? Sechs? Sieben? Acht? Dabei muß man schon ein ganz besonderer Trottel sein, um nicht zu begreifen, was Wieland meint und was niemand besser aus­drücken konnte als er.

Elisabeth Leiss, Die regulierte §chrift, 1997

Das zentrale Argument aller Rechtschreib­normierer ist, daß in der Moderne die Ein­heitlichkeit der Schrift­sprache höchste Priorität habe. Worauf sich diese Ein­heitlichkeit gründe, sei sekundär. […] Hauptsache, die Anzahl der konkurrierenden Schreib­varianten werde reduziert. Die Orthographie­reformer der Moderne hatten und haben tatsächlich regelrechte 'Ausrottungs­phantasien', was die Existenz von Varianten betrifft. Opfer sind dabei nicht nur die Buchstaben. Geopfert wurde und wird nicht nur die Regel­haftigkeit und Motiviertheit der Schrift. Die Vernichtung von Varianz ist eine Geistes­haltung, die viele Bereiche usurpiert. Das Prinzip der Vernichtung von Varianz ist ein 'Gedanken­gift', das nicht nur den Sprachen, den Dialekten und Soziolekten gefährlich werden kann.

Alfons Müller-Marzohl, 1973

Unser land darf nicht abwarten, bis sich sämtliche kultus­minister, erziehungs­direktoren, alle romantiker und alle rationalisten zu einheits­glauben an die klein­schreibung bekehrt haben: Jeder­mann und jedes land sollte den schritt vollziehen, wann es ihm beliebt.