Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenstellungnahmen → Zu: "Die wunderbare Anarchie der Sprache."
2014-2-14

Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Zu Sandman, «Die wunderbare Anarchie der Sprache», ,

Nachweis unter presse und internet

Die folgende stellungnahme wurde auf freiwilligfrei.info veröffentlicht, ist aber nicht mehr vorhanden.

Mit recht weist Sandman auf die sprache hin als ein wunderbares beispiel für eine norm, die auch ohne gesetzlichen zwang funktioniert. Das schöne bild wird etwas getrübt durch die rechtschreibung, die Sandman un­differenziert mit der sprache gleichsetzt: «Problematisch wird es erst, wenn der Gesetz­geber regelnd eingreifen will und eine Rechtschreibreform beschließt.»

Ja, gewiss, es ist problematisch, was der staat 1901 gemacht hat, und deshalb schreibe ich, wie ich will. Es freut mich, dass auch Sandman darauf ge­kommen ist, wenn auch ein paar jahrzehnte zu spät anlässlich einer un­bedeutenden materiellen (nicht rechtlichen) änderung. Es ist schade, dass er wie so viele nur jammert und nicht handelt.

Die alte schreibweise, «die gestern noch richtig war, ist heute falsch», schreibt Sandman. Nein, sie wird nur nicht mehr gelehrt. Auch die früher «richtige» fraktur mit ihren 3 verschiedenen s und die früher «richtige» eigennamen-grossschreibung sind nicht falsch. Wer anderer meinung ist, verrät nur eine schlimme staats­gläubigkeit, die es offen­sichtlich auch unter anarchisten gibt. Ich bin so frei, die früher richtige eigennamen-grossschreibung (= kleinschreibung der substantive) und anderes zu praktizieren. Für Sandman ist es leider das höchste der freiheitsgefühle, jemanden für das einhalten der staatlichen norm zu bezahlen.

Ach ja, da sind ja noch die schüler. Für sie gibt es (und gab es schon immer) nur 1 richtige rechtschreibung, legitimiert durch schulpflicht und staatliche schule. Wenigstens werktags von 8 bis 17 uhr. Dafür gibt es praktische gründe. Aber ist es auch gut? Man braucht kein anarchist zu sein, um es «problematisch» zu finden. Das unbehagen ist weit verbreitet. Ernst Gottfried Mahrenholz, deutscher bundes­verfassungs­richter: «Recht­schreibung ist eine Frage des Common sens[e] und der Sprach­entwicklung, keine Frage, die man von oben verordnen kann.» Hans Magnus Enzensberger: «Die Regierungen sollten die Finger von Dingen lassen, von denen sie nichts verstehen und für die sie nicht kompetent sind.» Konrad Hummler, verwaltungsrat der Neuen Zürcher Zeitung: «Der Verzicht auf Staatstätigkeit in Bereichen, wo Staats­versagen zwingend die Konsequenz ist, hätte durchaus Vorbild­charakter.» Wer setzt sich dafür ein, dass den markigen worten taten folgen?

Rolf Landolt, Bund für vereinfachte rechtschreibung (gegründet 1924), www.rechtschreibreform.ch