Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2012-8-8

Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Zu Martin Helg, «Rettet das Komma!», NZZ am Sonntag, 5. 8. 2012

Nachweis unter presse und internet

In der tat, kommata können über den sinn eines satzes entscheiden: «Während … RIM oder Nokia in argen Turbulenzen stecken, geniessen Apple, die Design-Schmiede aus Kalifornien und Samsung, der Welt umsatzstärkste Technologiefirma, ihre Rollen als Platzhirsche am Markt.» Von wie vielen platzhirschen ist in dieser meldung von «NZZ.ch» vom 30. 5. 2012 die rede? Wegen eines fehlenden kommas nach der ersten apposition müsste man auf drei kommen. Ich weiss, dass es zwei sind, und so wird auch jeder andere leser den text problemlos so lesen, wie er gemeint ist. Ebenso selbstverständlich interpretiert jedermann «Die Schweiz von Morgen» (frontseite von «Blick am Abend» am 31. 7. 2012) als «Switzerland of tomorrow» und nicht als «Switzerland of morning», wie es fälschlich geschrieben steht. Man sieht: Die rechtschreibung stört nicht beim lesen, aber sie nützt auch nichts.

Ja, die regeln sind einem nie geschenkt worden. Sie werden uns von leuten verkauft, die sich einen gesetzesgleichen nimbus zugelegt haben und uns einreden, lesen sei schwierig, schwieriger als hören. Und die rechtschreibung nimmt in der schule so viel platz ein, dass sie wohl ein wichtiges bildungsgut sein muss. Allmählich werden die proportionen zurechtgerückt, und das ist kein zivilisatorischer rückschritt, sondern ein fortschritt. Eine folge ist, dass wir mehr normabweichungen sehen als früher – zusätzlich, neben vermutlich gleich vielen oder mehr regelkonformen texten. Wie man ja auch heutzutage abends in der bar casual look und unbegleitete weibsbilder sieht. Für liberale menschen (und zeitungen) sollte das eigentlich kein problem sein. Was wäre so schlimm an einem «Regelwerk, das es in ungefähr einem Drittel seiner Beispielfälle dem Leser überlässt, ob er ein Komma setzen möchte oder nicht»? «Sind ein bisschen Freiheit, ein bisschen Anarchie, ein bisschen Tun-Können, was man will, nicht das Schönste, was […] herauskommen kann bei einer Reform?» Das schrieb ein deutscher autor in der NZZ vom 11. 8. 2000. Es ist aber nur ein kleines bisschen freiheit; das mit dem drittel ist stark übertrieben. Die im artikel zitierte regelformulierung zur infinitivgruppe kommt daher, dass die kommasetzung im deutschen extrem grammatiklastig ist. Aber was soll man da machen, wenn auch Helg definiert, die «Grundaufgabe» des kommas sei, sätze grammatikalisch zu gliedern? Das wollte die neuregelung von 1996 ein kleines bisschen lockern.

Es ist geradezu tragisch, dass in Deutschland und in der Schweiz auch in liberalen kreisen eine panische angst vor varianz und «chaos» verbreitet wird. «Mit der Zulassung von ‹Es tut mir leid» als ‹Variante›, verdeckten die Politiker nur die […] peinliche Rückkehr zur herkömmlichen Schreibweise. […] Dieses durch die heuchlerische ‹Varianterei› entstandene Chaos ist auch noch 2011 gewaltig. Es verleitet die Schüler zur Meinung, Rechtschreibung sei gar nicht wichtig, ja beliebig.» («Walliser Bote», 6. 5. 2011) Das gewaltige chaos besteht hauptsächlich darin, dass wir merken, dass wir die rechtschreibung auch vorher nicht beherrscht haben – in diesem zitat schön illustriert durch das bekannte falsche komma nach dem adverbiale. Oder sind – oh schreck – schon die retter infiziert?

Ja, es geht um die haltung, wie Helg richtig bemerkt. Eine liberale haltung formulierte Gerhard Schwarz (nicht zur rechtschreibung, aber passend) in der NZZ vom 3. 3. 2012: «Ein […] Vorteil einer freien Ordnung ist ihre Fortschrittsträchtigkeit. Sie erlaubt Versuch und Irrtum, die Suche nach Neuem. [Dazu] gehört […], dass Freiheit als pathetischer Begriff […] zwar eine gewisse Attraktivität besitzt, dass sie im Alltag aber oft als unbequem empfunden wird. ‹Die Qual der Wahl›, ‹sich entscheiden müssen› – Redewendungen verraten, dass das, was der Liberalismus als Lust versteht, von vielen als Last empfunden wird. Stattdessen streben die meisten Menschen nach dem, was Wirtschaftsnobelpreisträger James M. Buchanan ‹Parentalismus› nennt. Andere Personen, der Staat [, der duden] oder transzendente Kräfte sollen eine elterliche Rolle übernehmen und Entscheidungen abnehmen. […] Dem Verkaufserfolg entgegen steht ferner die Langfristigkeit liberalen Denkens. Dieses ist mehr auf Risiko und Innovation als auf Erhalt des Erreichten ausgerichtet. […] Die liberale Ordnung trägt dem ‹Normalmenschen› […] am besten Rechnung und verlangt weder ein besonderes gesellschaftliches Bewusstsein noch neue Menschen.»

«Vorbei sind die Zeiten, als jeder Grundschüler die Strichlein zielsicher in seinen Aufsätzen placierte.» Nein, auch die alten menschen waren nicht besser. Es ist nun gerade hundert jahre her, dass O. Kosog mit seinem berühmten diktat nachwies, dass die rechtschreibung «selbst von den Gebildetsten im Volke nicht beherrscht wird».

Bund für vereinfachte rechtschreibung
Rolf Landolt, Zürich (vorsitzer)


Diese stellungnahme wurde an leserbrief.sonntag @ nzz.ch gesandt, aber nicht veröffentlicht. Publizierte leserbriefe.