Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2001-7-26

Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Zu Wolf Schneider, «Ein Kaubeu am Rein», NZZ-Folio, 4. 1995

Nachweis unter presse und internet

«Hat nur ein einziges geschlecht der neuen schreibweise sich bequemt, so wird im nachfolgenden kein hahn nach der alten krähen.» Dieser feststellung Jacob Grimms widerspricht auch Wolf Schneiders plädoyer für die bestehende ortografie («NZZ-Folio» vom april 1995) nicht — im gegenteil! Selbst wenn man von seiner monokausalen (und damit demagogischen) begründung des sprach­bewusstseins ausgeht, bleibt eine frage offen: Wo ist das sprach­bewusstsein geblieben, das von Thür, Droguerie, Façade und gar von den sehr deutschen wortbildern mit ß und fraktur geprägt wurde? Es ist offenbar nach kurzer zeit keiner erwähnung mehr wert!

Soviel zur fylogenese des sprach­bewusstseins. Und die ontogenese? Wolf Schneider mag die «12 500» zu ändernden wortbilder intus haben (oder wenigstens 12 499,5; bei «Diphtong» hat er sich schon halb umgewöhnt), aber wie steht es mit den schulanfängern? Ein sprach­bewusstsein haben sie anscheinend noch nicht — welches soll ihnen die schule vermitteln? Das ist die frage, die die bildungspolitiker in Wien diskutiert haben. Da es ausser Diphthong noch zwei, drei weitere probleme gibt und auch in einer bilderschrift die interpunktion, die bilder­trennung am zeilenende und merkwürdiger­weise sogar die gross­schreibung des bildanfangs vielen menschen schwierigkeiten bereiten, sind gewisse «belästigungen» nicht zu vermeiden. Besonders dann nicht, wenn man breitere bevölkerungs­kreise in die lage versetzen will, sich gleichberechtigt schriftlich zu äussern. «The ability to write — a root of democracy», steht auf einer amerikanischen briefmarke. Die wenigen existierenden bilderschriften sind in diesem punkt bekanntlich keine vorbilder, während die buchstaben­schrift einen kulturellen wert darstellt, den zu erhalten und zu fördern unsere pflicht ist.

Selbstverständlich wollen die «rührigen Rechtschreibreformer» nicht, dass man die rührigen schriftsteller eines tages nicht mehr lesen kann. Das kann man aber der geplanten minireform, die sich auf einer durch­schnittlichen NZZ-seite höchstens ein halbes dutzend mal und bei manch anderer zeitung überhaupt nicht auswirkt, beim schlechtesten willen nicht vorwerfen. Abgesehen davon, gibt es auch in neuerer zeit viel lesenswertes, die linguistische fach­literatur zum beispiel, die leider manchem schrift­steller auch in herkömmlicher schreibung etwas fremd ist.

Sowenig statisch wie das sprach­bewusstsein ist auch der Rhein, der übrigens von den derzeitigen reform­bestrebungen nicht betroffen ist. Bei uns fliesst er mit, an quelle und mündung ohne h.

Bund für vereinfachte rechtschreibung, Rolf Landolt, Zürich (vorsitzer)