Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2018-20-28

Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Rechtschreibreform durch lesen durch schreiben

Zu Simon Hehli, «In Nidwalden ist der ‹schbas› vorbei», Neue Zürcher Zeitung (nzz.ch), 29. 10. 2018

Der Bund für vereinfachte rechtschreibung findet es höchst erfreulich, dass die schüler «fil», «fogel» und «schport» schreiben. Der wechsel auf «viel», «Vogel» «Sport» entspricht allerdings nicht, wie der artikel nahelegt, einem wechsel von 2 + 2 = 5 auf 2 + 2 = 4, sondern einem wechsel von 2 + 2 = 4 auf 2 + 2 = 5. Die vernunft des unverdorbenen kindes wird ersetzt durch die unvernunft der bürokratenrechtschreibung. Wenn menschen mit einer sache probleme haben, kann es ja auch an der sache liegen. Das wird durch die erkenntnis bestätigt, dass es ohne drill nicht geht.

In England hat man für die schule ein neues alfabet erfunden. In der Schweiz erinnern wir uns an eine «Schweizerische Orthographiekonferenz», die 1963 die substantivkleinschreibung verhinderte und uns damit tröstete: «Wichtig scheint der Konferenz die Forderung, daß die Schule mit der Erlernung der Großschreibregeln später als heute beginne.»

Schon immer (und nicht nur im deutschsprachigen raum) wurden mangelhafte rechtschreibkenntnisse beklagt; schuld sind lesefaulheit (nachdem die ebenso verwerfliche lesesucht überwunden war), das farbfernsehen, das internet, rechtschreibreformen, lehrmetoden usw. Tatsache ist, dass nur ein drittel der deutschsprachigen weiss, wie man «Rhythmus» schreibt, und das über einen zeitraum von fünfzig jahren. Dass daraus nie konsequenzen gezogen wurden, liegt wohl daran, dass zwei drittel der menschen gar nicht wissen müssen, wie man «Rhythmus» schreibt. Aber ist das das ziel? Oder wäre es nicht an der zeit, zu überlegen, ob nicht auch uns deutschsprachigen mit «ritmus» (wie in vielen anderen sprachen), evtl. «rütmus» (wie estnisch), «fil» und «schport» besser gedient wäre? Im fall von «Rhythmus» könnte das ja schon mal eine klare mehrheit nicht stören. Für die anderen gilt, was Eduard Blocher vom Deutsch­schweizerischen Sprach­verein 1920 feststellte: «Jedem Erwachsenen, der sich die Rechtschreibung angeeignet hat, mutet eine Neuerung auf diesem Gebiet Opfer zu. Je älter er ist, desto schwerer wird ihm das. Es sind aber Opfer, die wir unsern Kleinen, den Kindern und Enkeln bringen. In der Uebergangszeit, zehn oder zwanzig Jahre lang, wird man jedem von uns noch gestatten, bei der alten Uebung zu bleiben. Fürs Lesen aber werden wir uns sehr bald, in wenigen Jahren, vollständig an die neuen Wortbilder gewöhnen.»

Rolf Landolt