Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2003-2-2

Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Zu Bernd Rüthers, «Willkür in den Worten; die Rechtschreibreform und das Recht.», Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. 12. 2002

Nachweis unter presse und internet

Der professor emeritus führt uns eine wahre apokalypse vor augen: Die sprache zerfällt, die kultusminister verüben einen staatsstreich — und die hüter von recht und kultur schlafen. Er beschwört «die unheilvollen Folgen» der neuregelung der rechtschreibung, aber er listet eben keine folgen auf, sondern die immergleichen teoretischen homografien. «Ob etwas schwer fällt oder schwerfällt, kann künftig nicht mehr unterschieden werden.» Man kann auch «Bank» und «Bank», «Gericht» und «Gericht», «Fall» und «Fall» oder «oder» und «oder» nicht unterscheiden! Nach meiner einschätzung vermehrt die neu­regelung solche ambiguitäten um 0,000001 prozent und vermindert sie an anderen stellen (Stillleben, ck-trennung) um 0,0000008 prozent. Rüthers einschätzung ist eine andere, aber konkrete «unheilvolle Folgen» des «verheerenden Anschlags» in den jahren, in denen es die neuregelung bereits gibt, sind nicht zu erkennen.

Könnte es nicht sein, dass hier nicht eine allgemeine schläfrigkeit vorliegt, sondern eben eine angemessene auseinander­setzung mit dem «arbeitsgerät» rechtschreibung? Zwar mag es bei einzelnen schriftstellern zutreffen, dass das bestehen aller staatlichen genehmigungsverfahren ihr höchstes ziel ist und diesbezügliche probleme sie in ihrem innersten treffen. Aber im allgemeinen gilt die feststellung von Jacob Grimm: «Was sollte die änderung den schriftsteller angehn, dem daran liegt seine gedanken ungehemmt und ungezwungen äuszern, dem es lästig fallen musz sich und seine leser durch anstände in der form, die er längst bewältigt zu haben meint, aufhalten zu lassen? Die meisten schrieben, wie sie es in der schule oder sonst im leben sich angewöhnt hatten und überlieszen wiederum den setzern die schreibart nach belieben zu verändern, d. h. dem vorherschenden brauch zu bequemen.»

«Man muß schon unterscheiden zwischen der Sprache und ihrer Schreibung», stellt ein leser richtig fest. Wie man unterscheiden kann, illustrieren die (auch) komplizierten «arbeitsgeräte» der technischen kommunikationsmittel: Man bekommt sie nur in den griff dank einer arbeitsteilung gemäss einem modell mit unabhängigen, austauschbaren schichten (layers). Solche schichten sind u. a. die verkabelung und die verschiedenen protokolle wie ethernet und tcp/ip. Analog kann man beispielsweise schreibgrund (papier, stein, bildschirm), schrift (silben-, buchstaben­schrift), alfabet (fraktur, steno, braille, kirillica, singhala), zeichensatz (westeuropäisch, ukrainisch, mit/ohne ß), typografie, schreibung (zusammen/getrennt, gross/klein) und sprache (deutsch, französisch) unterscheiden. Die schichten sind von einander im prinzip unabhängig; jede hat ihr eigenes mass an redundanz, ihre fehlertoleranz und korrektur­mechanismen sowie ihre verantwortlichkeit. Arbeitsteilung bedeutet beispielsweise, dass ein literaturnobelpreisträger nicht notwendigerweise am meisten von ortografie versteht und dass die schreibung nicht dazu da ist, bedeutung zu transportieren; dafür ist die sprache da. Rüthers ahnt es: «Die Schreib­regeln haben der […] Sprache zu dienen.»

In der technischen kommunikation ist leicht zu erkennen, dass wartbarkeit und weiterentwicklung nur so gewährleistet sind. Entwicklungsgeschichtlich gesehen, liegen gross-/kleinschreibung und tcp/ip nicht überaus weit auseinander (in manch anderer hinsicht übrigens auch nicht, vgl. computer­woche.de). Das schichtenmodell ist nur eine idealisierte vorstellung, aber gerade im fall der schrift lässt es erkennen, welch geniale erfindung die buchstaben­schrift ist. Sie ist eine kulturelle errungenschaft, die — im interesse von schreibern und lesern — aufmerksamkeit und pflege verdient. Die neuregelung von 1996 beweist allem gejammer zum trotz, dass das schichtenmodell im prinzip funktioniert.

Selbstverständlich sollen sich auch schriftsteller und juristen mit ortografie befassen. Aber wenn es nicht alle machen, hat das nichts mit schläfrigkeit zu tun. Vielleicht hat es mit vertrauen zu tun, das sie selbst in hohem mass beanspruchen.

Bund für vereinfachte rechtschreibung, Rolf Landolt, Zürich (vorsitzer)