Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2001-11-30

Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Zu «Wo die Macht des Staates an ihre Grenzen stösst. Der BaZ-Gast: Professor Silvio Borner», Basler Zeitung, 19. 11. 2001

Nachweis unter presse und internet

Es ist gewiss sinnvoll, überlegungen zur normfunktion der rechtschreibung und zur rolle des staates anzustellen, aber wenn hier jemand an grenzen stösst, ist es professor Borner. Das fängt mit der lockeren gleichsetzung von rechtschreibung und sprache an mündet in einen fragwürdigen grundsatz: Es ist nicht entscheidend, welche regeln wir aufstellen; entscheidend ist vielmehr, dass wir überhaupt regeln aufstellen und dass wir uns alle daran halten. Man kann es auch umgekehrt sehen: Es ist nicht entscheidend, ob wir regeln aufstellen und ob sich alle daran halten; entscheidend ist vielmehr, dass allfällige regeln zweckdienlich sind. Dann halten sich viele daran, und zwar nicht nur — wie bei der rechtschreibung häufig der fall — als absichtserklärung und selbsttäuschung, sondern echt! Es mag egal sein, ob die strassenverkehrsregeln rechts- oder linksverkehr vorschreiben. Aber was sagt Borner zu einer regel wie: «Es gilt rechtsverkehr, ausser auf bergstrassen und für velofahrer im alter bis 16 und von 7 uhr 30 bis 18 uhr, ausgenommen in den folgenden 237 ortschaften: . . ..» So sehen unsere rechtschreibregeln aus!

Die überlegungen von Borner (bzw. Tietzel, auf dem sie beruhen) basieren darauf, dass «nach Umfragen drei Viertel der Deutschen die Rechtschreibreform ablehnen». Abgesehen davon, dass man es vor ablauf der schulübergangsfrist auch als erfolg interpretieren kann, wenn «sich 13% der Bevölkerung an die neuen Regeln halten», erstaunt es doch, dass wissenschafter ganze teorien auf umfragen aufbauen. Wenn man leute fragt, was sie tun, könnte man ja auch mal untersuchen, was sie wirklich tun. Jeder, der mit gegnern spricht, kann einen kommentar der Stuttgarter Zeitung von 1998 bestätigen: «So mancher schreibt nämlich schon heute nach neuen Regeln, ohne es zu ahnen.» Weiter haben wissenschaft und politik zu berücksichtigen, dass bei jeder reform «verluste» stärker empfunden werden als gewinne. «Verlust-Aversion ist eine Beurteilungsweise, bei der eine Verschlechterung in bezug auf einen Referenzwert intensiver erlebt wird als eine nach dem Betrag gleiche Verbesserung. Die Verlust-Aversion erklärt die Durchschlagskraft der Reformverlierer: Diese erleben die Verluste intensiver als Gewinner ihre Verbesserungen. Status-quo-Präferenz, Besitzeffekt und Verlust-Aversion haben eine Paradoxie zur Folge: Wenn Wähler im Ausgangspunkt zwar noch Reformen ablehnen, würden dieselben Wähler nach Reformen möglicherweise nicht zum ursprünglichen Zustand zurückkehren wollen.» Das schreibt Friedrich Heinemann in der FAZ vom 2. 6. 2001. Er nimmt nicht bezug auf die rechtschreib­reform, aber diese illustriert anschaulich den «Widerstand der Reform­verlierer, der oft politisch wirksamer ist als die Unterstützung der Reform­gewinner für Veränderungen».

Die neuen rechtschreibregeln entsprechen (noch) nicht dem, was sich der Bund für vereinfachte rechtschreibung wünscht. Sie sind aber immerhin ein kleiner schritt, und Borners relativismus wird ihnen mindestens dort nicht gerecht, wo regeln wegfallen, nämlich bei der worttrennung und der dreikonsonantenregel. Natürlich ist niemand gezwungen, das gelernte (wenn man es denn wirklich beherrscht) aus dem gedächtnis zu tilgen. Zeitungen richten sich selbstverständlich nach ihren lesern. Aber wird die FAZ auch der nächsten redaktorengeneration und der übernächsten computergeneration die konsonanten- und st- und kk-regeln usw. noch beibringen? Und was wird es dann den lesern helfen?

Kehren wir zur gegenwart zurück: Erstreckt sich die souveränität, mit der Borner «fallweise» zwischen alter und neuer schreibung wechselt, auch auf die s-schreibung nach duden oder gar auf die fraktur/kurrent­schrift mit den drei s-buchstaben? Wenn nein, woran könnte das liegen? Ist man vielleicht zu jung, und hält man sich sklavisch an das, was man in der grundschule gelernt hat?

Auch professor Borner dürfte die rechtschreibung weder vor (wie die sprache) noch nach (wie die strassen­verkehrsregeln) dem siebten altersjahr gelernt haben, sondern in der grundschule. Das ist eine «zwangsmassnahme»; hier kennt die macht des staates im zeitalter der schulpflicht keine grenzen. Die grundschule ist der angelpunkt der schreibnorm. Da kann man lange filosofieren, ob die regeln nötig sind und ob sie später verbindlich sind. Verbindlich sind sie bekanntlich nur für wenige leute, streng genommen nur für die volksschul­lehrer, damit das spiel von vorne beginnen kann. Für diese banale erkenntnis wurde in Deutschland sogar das bundesverfassungs­gericht bemüht.

Der staatliche rechtschreibunterricht ist insofern ein voller erfolg, als die norm trotz fehlender verbindlichkeit nur selten in frage gestellt wird. Ganz anders sieht es mit dem lernerfolg aus, wie wir alle wissen. Eben erst, aber nicht zum ersten mal hat premierminister und eliteschüler Blair mit einem ortografiefehler den spott der nation auf sich gezogen. Spott ist einfacher als nachdenken über die (eigentlich vorhandene) einsicht, dass die ortografie ihren zweck nicht erfüllt. Blair, Borner und ich können uns «weigern, uns an bestimmte regeln zu halten». Tun wirs auch? Es könnte sein, dass Borners feststellung, die macht des staates habe «glücklicherweise ihre grenzen», hier eben nicht stimmt. Dahinter steckt gewiss keine «böse» absicht des staates; die wirkung ist seinen repräsentanten nicht einmal bewusst.

Damit bleiben zwei möglichkeiten: Entweder erkennt der staat als träger der schule von zeit zu zeit, was er anrichtet, oder die ortografie erstarrt. Letzteres demonstriert das englische: eine ortografie von vorgestern (z. b. house: altenglisch [= schweizerdeutsch] in französischer schreibweise), die den zugang zur sprache von heute erschwert und tragischerweise nicht einmal den zugang zu Shakespeare erleichtert, weil sich die sprache halt wirklich geändert hat. Man kann nun natürlich für das englische und für das deutsche überlegungen anstellen, ob es zu spät für eine verbesserung ist. Man kann aber auch etwas tun, und deshalb gibt es u. a. die 1908 gegründete Simplified spelling society (Th gretr regularity of cut spelng means less time spent lernng to read and rite, and less need for chekng and corectng.) und den 1924 gegründeten Bund für vereinfachte rechtschreibung (www.rechtschreibreform.ch).

Rolf Landolt, Bund für vereinfachte rechtschreibung