Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2012-10-25

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Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS

Zürich, 20. August 2009

Die neue Rechtschreibung und die Gestalt eines Textes

Eingabe an die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur

Sehr geehrte Damen und Herren Nationalräte

Nach dreizehn Jahren versuchter Verbesserung gibt die neue Rechtschreibung unseren Texten noch immer keine feste Gestalt.

Lichtenbergs Aphorismus „Mir tun viele Dinge weh, die andern nur leid tun“ wurde acht Jahre lang in diese Form gezwungen: „Mir tun viele Dinge weh, die andern nur Leid tun“. Das ist korrigiert worden, dafür schreibt die neueste Doktrin der Reformer die Formel „recht und gut daran tun“ zu „Recht und gut daran tun“ um.

Wenn unser Kollege Thomas Hürlimann von Bibliothekaren schreibt, die „gräulich verstaubt“ sind, und so die Farbe des Staubs bezeichnet, so wollen die Reformer, dass mit diesem „gräulich“ auch „greulich“ gemeint sein kann. Im neuen Schweizer Schülerduden schliesslich lesen wir, dass ein „wohl bekannter“ Schriftsteller dasselbe sei wie ein „wohlbekannter“ Schriftsteller. Wir sind der Meinung, dass es nicht reicht, wohl bekannt zu sein, um flugs als wohlbekannt zu gelten.

Friedrich Dürrenmatt sagte 1954, als eine Vorform der aktuellen Reform eingeführt werden sollte: „Ändert man die Orthographie, ändert man die Sprache. Gegen Sintfluten kann man nicht kämpfen, nur Archen bauen: Nicht mitmachen.“ Heute werden Autorinnen und Autoren mit dem Hinweis auf angebliche Bedürfnisse der Schule unter Druck gesetzt und sollen entgegen der besseren Einsicht mitmachen und sich an untaugliche und letztlich beliebige Regeln halten.

Wir erwarten im Gegenteil von der Schule, dass Schülerinnen und Schüler, also unsere zukünftigen Leserinnen und Leser und vielleicht selbst einst Autoren, sorgfältig in die Formen des schriftlichen Ausdrucks eingeführt werden. Sie dürfen nicht den Eindruck erhalten, dass an der Gestalt eines Textes eigentlich nichts liegt.

Wir erwarten, dass die von uns gewählte Gestalt eines Textes respektiert wird.

Wir ersuchen die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, ihre Verantwortung wahrzunehmen und dafür zu sorgen, dass das amtliche Regelwerk endlich unabhängig von Politik, Ideologie und wirtschaftlichen Interessen korrigiert wird und dass die neue Rechtschreibung in der dafür nötigen Zeit in Schule und Verwaltung ausgesetzt wird.

Für einen gangbaren Weg halten wir die Empfehlungen der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK).

Freundliche Grüsse

Im Namen von Vorstand und Geschäftsleitung:

Francesco Micieli, Präsident AdS

Nicole Pfister Fetz, Geschäftsführerin AdS

AdS, Konradstrasse 61, CH-8031 Zürich, Telefon 044 350 04 60, Fax 044 350 04 61, www.a-d-s.ch


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