Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

nachgeführt 2017-5-24 , 2016-12-5

Aus presse und internet

31. 8. 2004

: Streit um Rechtschreibreform. Akademie sucht Kompromiss. Basler Zeitung, , s. 33, Feuilleton (73 wörter)
Schriftsteller wie Günter Grass, Martin Walser, Tankred Dorst, Siegfried Lenz und Elfriede Jelinek forderten dagegen erneut eine «völlige Rücknahme der inhaltlich verfehlten und teuren Rechtschreibreform».
: In Kürze. Kompromiss gefordert bei Rechtschreibung. Tages-Anzeiger, , s. 54, Kultur (92 wörter)
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung warnt vor einer Spaltung der deutschen Sprache. Gleichzeitig hat sie einen Kompromiss im Streit um die Rechtschreibreform gefordert.
: Kein Schisma. Frankfurter Rundschau, , s. 15, Feuilleton, Times mager (429 wörter)
Friedrich Dieckmann, Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste, fuhr schweres Geschütz auf. Seit letztem Jahr liege der Kompromiss­vorschlag von neun deutschen Akademien der Künste und der Wissen­schaften zur Recht­schreibung vor — von staatlicher Seite sei man aber nur "rüde abgefertigt" worden. […] In der Berliner Akademie der Künste fanden gestern vorwiegend Repräsentanten der Darmstädter Akademie zusammen, um mit Verve für ihren und ihrer Kollegen Kompromiss­vorschlag zu werben.

30. 8. 2004

: Meine Titelstory. Tages-Anzeiger, , s. 17, Bellevue (333 wörter)
Mit dem Namen Meier werde ich eh nie ein Star? Wahrscheinlich haben Sie Recht, und ich sollte mich mal um etwas Vernünftigeres kümmern als um mich. Um die deutsche Rechtschreib­reform zum Beispiel. Ein sexy Thema, oder? Wird aber von jedem Klatsch­heftli kommentiert, und jeder minimal bekannte TV-Serien-Heini und jedes Castingshow-Heidi darf seinen Senf dazu geben. Ich nicht. Noch nicht.
: Frieden ist möglich. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung stellt ihren Kompromissvorschlag im Streit um die Rechtschreibreform vor. Berliner Zeitung, , Feuilleton (861 wörter)
An diesem Morgen keimt im fünften Stock des ersten Gebäudes der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, in einem winzigen Büro des Romanischen Seminars, die Hoffnung auf baldigen Frieden — dauerhaft und ehrenvoll für beide Lager. Denn Hans-Martin Gauger, emeritierter Professor für Romanistik und Sprach­wissenschaft, stellt einen Kompromiss­vorschlag vor, den er mit einigen Kollegen im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt erarbeitet hat. "Das ist", sagt Professor Gauger, "ein Angebot, das beide Seiten akzeptieren können müssten. Denn es ist vernünftig." […] Das Angebot, das Gauger im Namen der Akademie unterbreitet, ist jedenfalls sehr übersichtlich (es steht auf 141 Seiten) und — sollte es am Ende angenommen werden — ein Meilen­stein in der Geschichte des Kompromiss­wesens.

Wenn die gegner nicht, wie sie selbst zugeben, geschlafen hätten, hätten sie schon manchen meilenstein in der geschichte des kompromisswesens miterlebt. Das ist nicht vernunft, sondern eine asymptote.

: "Völkischer Aufbruch." Der Spiegel, , nr. 36, s. 161 bis 164, Kultur (1512 wörter)
Während der NS-Zeit planten linguistische Eiferer eine radikal veränderte Rechtschreibung. Zwar stoppte Hitler selbst das Projekt - aber die Ideologen machten nach Kriegsende weiter. […] "So viel Material zu finden, das hätten wir kaum für möglich gehalten", erzählt Markner, 37. […] was sie entdeckten - und in einem präzise recherchierten Buch auch publik machten - liefert ein geschichtliches Lehrstück der ungewohnten Art. […] Erst die 68er-Bewegung brachte einer neuen Generation von Reformern den nächsten Auftritt. Mit der Botschaft, Schüler sollten weniger Fehler machen, nutzten die Schreibänderer nun die linke Vision der Chancengleichheit als Vehikel ihrer Pläne. Und diesmal drang das "Volksbeglückungsprojekt" (Markner) nach Jahren der Lobbyarbeit tatsächlich durch: Mit vielen Abstrichen wurde 1996 eine Schrumpf-Version des Neuschriebs beschlossen; 1998 trat sie in Kraft. Die Folgen spüren Leser und Schreibende bis heute. Reinhard Markner meint lächelnd: "Eigentlich hätte Helmut Kohl die Sache damals leicht stoppen können - mit ein paar gezielten Anrufen."

Die idee mit dem kanzlerbefehl analog dem führerbefehl lässt befürchten, dass sich seit dem untersuchungs­zeitraum nicht viel geändert hat in Deutschland – oder vielleicht auch nur bei leuten wie Reinhard Markner.

28. 8. 2004

: Mit dem neuen amtlichen Führer durch die deutsche Sprache. Basler Zeitung, , s. 37, Feuilleton (1097 wörter)
Von diesem Wochenende an ist der neue Duden erhältlich: Ein Lektüreversuch nebst ein paar Anmerkungen zur Rechtschreibreform. […] Wenn selbst die deutsche Oppositionsführerin Angela Merkel verlauten lässt, «nichts sei schlimmer als weitere Verunsicherung über die Schreibungen», dann hat es das Thema in die obersten Ränge geschafft und der Duden-Verlag seine Geschäftsgrundlage gesichert. Denn wer oder was soll bei so viel schlimmer Verunsicherung helfen wenn nicht der Blick ins bewährte gelbe Lexikon? […] Wir können uns noch immer schlimmere Dinge vorstellen als weitere Verunsicherung beim Schreiben. […] Frau Merkels «schlimme Verunsicherung über die Schreibung» deutet eher auf beeinträchtigte Sprachkompetenz als auf Unheil aus der Rechtschreibreform.
: Rechtschreibreform: Kompromissvorschlag. Tages-Anzeiger, , s. 50, Kultur (89 wörter)
Im Streit um die Rechtschreibreform wird die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am kommenden Montag in Berlin einen Vorschlag für einen Kompromiss vorlegen.
: Rechtschreibregeln weltweit. (Deutsche Welle), , Kultur
Die deutsche Rechtschreibreform bewegt die Sprachhüter. Doch auch andere Länder haben mit veränderten Schreibregeln zu ringen. Zum Teil - wie bei Englisch, Spanisch oder Portugiesisch - über Staatsgrenzen hinweg.

27. 8. 2004

: Bewährte Änderungen. Ende des Glaubenskriegs um die Rechtschreibreform? Morgen erscheint die neue Auflage des Duden. die tageszeitung, , nr. 7446, s. 16, Kultur (753 wörter)
Angesichts der pragmatischen Begründungen, mit denen der Duden die amtlichen Regelungen von 1996 umsetzt, fällt die vom FAZ-Redakteur Johann Georg Reißmüller begonnene und von seinen Kollegen Heike Schmoll und Hubert Spiegel fortgesetzte Kampagne gegen die Rechtschreibreform wie ein Kartenhaus in sich zusammen. An linguistischen Argumenten fehlte es ohnehin von Anfang an. […] Die Reformer traten mit dem Anspruch an, die Rechtschreibung zu vereinfachen. Dieser richtige Anspruch ist unzulänglich umgesetzt worden, aber das liegt weniger an den Reformern als am mangelnden Mut der Kultusminister­konferenz zu einer großen Lösung, die wenigstens die gemäßigte Kleinschreibung und die Streichung des ß enthalten müsste. Lehrer bestätigen, dass das Zusatz­häppchen Vernunft, das die Reformen erlauben, den Rechtschreib­unterricht erleichtert hat — für die Kinder.

26. 8. 2004

: Keine Sprachreglementierung durch Staat. St. Galler Tagblatt, , leserbriefe (106 wörter)
[…] die Urfrage zu stellen, die ich hiermit in Form einer Bitte ausdrücke: Man begründe mir logisch schlüssig die Notwendigkeit der Reglementierung der Rechtschreibung durch den Staat. Ich freue mich auf die Erläuterungen.

Ob eine notwendigkeit besteht, ist schwer zu sagen. So oder so hat aber irgendjemand die schulpflicht erfunden, und irgendwer sagt(e) dem lehrer, dass er den schülern die schreibungen Thür, illustrirt und Schiffahrt beibringen muss(te) bzw. später Tür, illustriert und jetzt halt Schifffahrt. — Als vor jahren die realschule Muttenz tür schreiben wollte, griff der staat reglementierend ein.

24. 8. 2004

: Wortwechsel im Sprachenstreit. Basler Zeitung, , s. 33, Feuilleton (268 wörter)
Der Streit um die deutsche Rechtschreibung, der gegenwärtig je nach Weltgegend mehr tobt oder dümpelt, wird nicht mit lebens­bedrohenden Waffen ausgefochten, sondern mit den unblutigen Waffen des Wortes. Das ist das Gute, das Friedliche und Zivile an diesem eigen­tümlichen Krieg, der durchaus feindliche Lager, Angriffslinien, Verteidigungs­bastionen und Überläufer kennt.
: «Die Reform ist beschlossen.» Tages-Anzeiger, , s. 58, Kultur (260 wörter)
In Wien beriet eine Beamtenrunde aus der Schweiz, Deutschland und Österreich über die Rechtschreibreform. […] Auf der Tagesordnung: Die Umwandlung der trilateralen Rechtschreib-Kommission in einen permanenten Rat für die deutsche Rechtschreibung. […] Laut dem Schweizer EDK-General­sekratär Hans Ambühl wurde am Treffen noch nicht entschieden, wie der Rat personell zusammen­gesetzt sein soll.

23. 8. 2004

: In Kürze. «Rat für deutsche Rechtschreibung.» Tages-Anzeiger, , s. 46, Kultur (63 wörter)
Aus Protest gegen die Rechtschreibreform ist in München ein «Rat für deutsche Rechtschreibung» gegründet worden. Der Verein will sich für die Wiederherstellung der Recht­schreibung einsetzen, wie sie vor der Reform üblich war.
Auch Loriot hilft Schreib-Rebellen. Münchner Merkur (merkur-online.de), , Politik
Die Wahl ihres Gründungsorts war bereits Programm: Statt eines elitären Restaurants wählten die acht Sprach-Experten das Paulaner Bräuhaus in München, um den unabhängigen "Rat für deutsche Rechtschreibung" ins Leben zu rufen (wir berichteten). Die Kritiker der neuen Rechtschreibung kämpfen für die Rückkehr zu den alten Regeln - und geben sich volksnah: "Wir vertreten den erklärten Willen der Mehrheit der Deutschen", betont der neue Vorsitzende Hans Krieger.

21. 8. 2004

: Können Politiker Wörter liquidieren? Eine Replik auf Peter von Matt. Neue Zürcher Zeitung, , 225. jg., nr. 194, s. 46, Feuilleton (884 wörter)
Durch den ganzen Beitrag von Peter von Matt zieht sich ein Gedanke, der im Feuilleton ebenso wie offenbar in der Literaturwissenschaft unproblematisiert gilt, dass nämlich (Recht-)Schreiben Sprache ist. Folgerichtig ist dann bei Peter von Matt die Rede davon, dass die Orthographiereform «Eingriffe in den Wortschatz» gemacht habe, «Wörter zerstört» habe und dass von den Erziehungs­direktoren «nicht ersetzbare Wortverbindungen verboten» worden seien. Dem­gegenüber möchte ich festhalten: Zwischen Sprache und (Recht-)Schreibung ist scharf zu unterscheiden. […] Es fehlte nicht an Einladungen zur Vernehmlassung, wohl aber an Resonanz. Insofern haben sich die Schweizer Erziehungs­direktoren durchaus korrekt verhalten.
: Die Wahl der Mittel. Doris Knecht stellt fest, dass Trotzkinder und Erwachsene meist aus den gleichen Gründen in Rage geraten. Das Magazin (Tages-Anzeiger), , nr. 34, s. 35
[…] bin ich stets aufs Neue überrascht, wie unterschiedlich die Menschen in Rage geraten: Da unterscheiden sich Erwachsene oft kaum von Zweijährigen; auch nicht in der Unverhältnismässigkeit ihrer Gründe. Zum Beispiel habe ich an einem Abend Michael Moores «Fahrenheit 9/11» gesehen und am darauffolgenden eine Fernsehdiskussion über die Rechtschreibreform. Im Verlauf der Debattenbeobachtung wandelte ich mich zur entschiedenen Verfechterin der Beibehaltung der neuen Rechtschreibung, unter anderem, weil der Chefredaktor von «Bild am Sonntag» entschieden für die Wieder­einführung der alten eintrat. Er tat das mit Argumenten, deren bildungs­bürgerlicher Impetus mit dem intellektuellen Anspruch seines Blattes meiner Ansicht nach nur mässig korrespondiert, und mit einem Ausdruck gelangweilter Arroganz in seinem arttypischen Jungmanager-Gesicht, wo ich sagen muss, da packt mich spontane Gewalt­bereitschaft.

20. 8. 2004

Duden-Newsletter, duden.de, 20. 8. 2004, Newsletter
Es rauscht im Blätterwald. Das Thema Rechtschreibung beherrscht die Medien und erhitzt die Gemüter. In unserem heutigen Newsletter möchten wir Sie über einige Aspekte dieses Themas informieren, die in der Diskussion bisher kaum zur Sprache gekommen sind. Hierzu gehört beispielsweise der Hinweis auf die Rechtschreib­reform von 1901, die sich bei näherem Hinsehen gar nicht so sehr von der heutigen unterscheidet.

19. 8. 2004

: Staatssprache Österreichisch. Ein Rechtschreibmanifest der Dichter. Neue Zürcher Zeitung, , 225. jg., nr. 192, s. 41, Feuilleton (497 wörter)
«Keine deutsche Rechtschreibreform mehr!» Jetzt proben einige österreichische Schriftsteller den Aufstand und fordern Unerhörtes: «Österreichisch» als eigene Sprache. Robert Schindel, Marlene Streeruwitz, Christian Ide Hintze und der Wiener Poet Roland Neuwirth haben sich zusammengetan, um ein Manifest auszuarbeiten […]. Auch Elfriede Jelinek und Alois Brandstetter haben bekanntgegeben, eine allzu grosse Abhängigkeit von deutscher Normierung zu empfinden. Peter Henisch sympathisiert mit dem Manifest, verwahrt sich aber doch gegen heimattümelnde Tendenzen. Robert Menasse hat in der «Süddeutschen» angekündigt, weiterhin «das grosse, weite und tiefe Deutsch» schreiben zu wollen, «das die Reformer nicht verstehen». Auf der Seite der Befürworter der neuen Rechtschreibung finden sich Wolfgang Bauer (er nennt sie «liebenswerter» als die alte) und Franzobel, dem die Änderungen jedoch nicht weit genug gehen.
: Spag(h)etti und das Erbe Dantes. Tages-Anzeiger, , s. 55, Kultur (477 wörter)
Die nationalistische Einfärbung fremder Termini etwa, bleiben wir bei den Spag(h)etti, akzentuiere die Trennung der Völker. «Was wir an lebendigem und antikem Sprachschatz teilen, lässt uns über die Sprachgrenzen hinaus als Verwandte fühlen.»

Deshalb im italienischen ortografia und im deutschen Orthographie. Spagetti (meistens schp… ausgesprochen und gross geschrieben) sind uns so wenig fremd wie kaffee, und die schreibung ohne h ist nicht nationalistisch, sondern inter­nationalistisch — das deutsche ist keineswegs allein.

: Reform als Zarenerlass. Berliner Zeitung (), , Politik
Den bislang letzten Vorstoß zu einer Rechtschreibreform unternahm der "Rat für Russische Sprache der Regierung der Russischen Föderation" vor vier Jahren. Grammatikalisch sinnlose Rechtschreibregeln sollten beseitigt und den Schulkindern das Erlernen der Schriftsprache erleichtert werden. Doch die Vorschläge der Kommission missfielen der Regierung. Als schließlich selbst die Gattin des Präsidenten, Ludmilla Putina, sich in der Öffentlichkeit für den Schutz der russischen Sprache vor modischen Neuerungen stark machte, zogen sich die Experten ver­schüchtert zurück.

18. 8. 2004

: Die Schreibreform. (Deutsche Welle), , Kultur
"Wired News" ist eine amerikanische Website, die zum spanischen Internet-Konzern Terra Lycos gehört und ihren Namen mit dem einflussreichen US-Magazin "Wired" teilt. "Wired News" also lässt uns […] wissen, dass es seine ganz eigene Rechtschreib­reform beschlossen habe: Statt vom "Internet" mit dem Groß­buchstaben, der im Englischen nur Wörtern am Satzanfang, Eigennamen und besonders wichtigen Dingen (wie dem "President" oder dem "Big Mac") vorbehalten ist, wolle man künftig lieber vom "internet" mit kleinem Anfangs­buchstaben schreiben und damit das Netz in eine Reihe stellen mit dem Radio (englisch: "radio"), dem Telefon (englisch: "telephone") und dem Fernsehen (englisch: "TV", aber Ausnahmen bestätigen nur die Regel). Der Grund: Das Internet (im Deutschen bitte immer noch mit großem "I"!) sei im Leben eines Amerikaners nichts spezielles mehr und müsse deshalb auch nicht durch Groß­schreibung hervorgehoben werden.

16. 8. 2004

neu : Aufregung um die Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, , s. 22, Briefe an die NZZ (178 wörter)
Kürzlich wurde die kleine Maus, die der grosse Reform­berg geboren hatte, von den deutschen Kultus­ministern mit zahlreichen Kann-Regelungen bereichert, was in meinen Augen bereits verdächtig nach einer ver­steckten Konkurs­erklärung aussah.
neu : Ärgerliche Schreibweisen. Neue Zürcher Zeitung, , s. 22, Briefe an die NZZ (125 wörter)
Die NZZ hat zum Glück die so­genannte neue Recht­schreibung nur zum Teil über­nommen. Trotz­dem gibt es einige Schreib­weisen, die mich ärgern. Es handelt sich haupt­sächlich um folgende: rau, Ja sagen, Nein sagen, fürs Erste […], aufs Neue […].

«Ja sagen», «Nein sagen» schrieb die NZZ schon immer.

neu : Eine praxisgerechte Presse-Norm. Neue Zürcher Zeitung, , s. 22, Briefe an die NZZ (208 wörter)
Wenn die einfluss­reichen Medien­häuser des deutschen Sprach­raums ihre Haus­orthographien mit­einander ab­glichen, um eine praxis­gerechte Presse-Norm zu entwerfen, könnten sie damit wohl nach­haltigen Ein­fluss auf die weitere Ent­wicklung der deutschen Recht­schreibung nehmen, und das ohne all den Druck­versuchen von ver­schiedensten Seiten aus­gesetzt zu sein, die die Arbeit der Rechtschreib­kommission damals be­hinderten (und schliesslich die Reform auch ver­wässerten).
neu : Ein Glaubenskrieg. Neue Zürcher Zeitung, , s. 22, Briefe an die NZZ (267 wörter)
[…] man einigte sich auf die übliche Linie der all­seitigen mittleren Un­zufriedenheit, begnügte sich mit einigen sprach­logischen Ver­besserungen und bot den Gegnern mit ein paar will­kürlichen Entscheidungen so viele Angriffs­flächen, dass der Streit erst recht ent­flammte.
neu : Ein Ausweg. Neue Zürcher Zeitung, , s. 22, Briefe an die NZZ (179 wörter)
Was als Vereinfachung und Ver­einheitlichung an­gepriesen wurde, er­setzte bis­herige Wider­sprüche durch neue und ver­minderte die Differenzierungs­möglichkeiten der Sprache.
neu : Präzedenzfall für weitere Eingriffe. Neue Zürcher Zeitung, , s. 22, Briefe an die NZZ (236 wörter)
Mir fällt es schwer, zu glauben, dass es am Beginn des 21. Jahr­hunderts demokratische Regierungen gibt, die der Auf­fassung sind, sie hätten eine Verfügungs­gewalt über die Sprache.
neu : In der Schweiz kein ß. Neue Zürcher Zeitung, , s. 22, Briefe an die NZZ (136 wörter)
Seine [EDK-Präsident H. U. Stöckling] Aussage, es sei un­denkbar, «dass an Schweizer Schulen andere Sprach­normen gelten als in Deutsch­land», bedarf einer Ein­schränkung. Eine der besten Leistungen der neuen Recht­schreibung ist es, klare Regeln für ß und ss zu bieten.

15. 8. 2004

: Meinungsmacher gegen Rechtschreibreform. (Deutsche Welle), , Deutschland
Immer wenn man fürchtet ins Sommerloch zu fallen, kommt jemand und füllt schnell das drohende Vakuum. In diesem Jahr machen es "Springer" und "Spiegel" gleich selbst: Sie kehren zur alten Rechtschreibung zurück. […] Besser dran sind offenbar die Österreicher und Schweizer: Pressehäuser in beiden Ländern hatten sich entweder gar nicht oder nur teilweise der Reform angeschlossen, auch hatten beide Länder immer schon ihre spezifischen Eigenarten der Orthografie. Und man sieht den nächsten Entwicklungen dort mit einiger Gelassenheit entgegen. Solche Gelassenheit wäre vielleicht auch in Deutschland angemessen gewesen: Statt die Sprache per "Anweisung von oben" reformieren zu wollen, hätten die Reformer vielleicht einfach mehr Freiheit zu geben brauchen. Oder sie hätten dem Volk "auf's Maul - beziehungsweise den Griffel - schauen" sollen […].

Genau das hat man gemacht: Man hat dem volk auf den griffel geschaut. Ein problem war nachher nur der leser­brief­griffel. Mit der neu­regelung kamen zusätzliche freiheiten – aber das war ja auch nicht recht.

14. 8. 2004

neu : Baustelle Sprachreform. Neue Zürcher Zeitung, , s. 17, Inland
Vor allem in Deutsch­land hat sich die Kontro­verse um Sinn und Unsinn des ganzen Unter­nehmens verschärft, seit grosse Verlags­häuser mit­geteilt haben, dass sie zur alten Recht­schreibung zurück­kehren werden - was immer dies genauer meinen mag. […] Namentlich Öster­reich, die Schweiz und Liechten­stein sind vom Ausgang der Debatte wesentlich mit­betroffen.
: Auf die Sprache hören. Ein Plädoyer für eine Lockerung der Fronten. Neue Zürcher Zeitung (), , 225. jg., nr. 188, s. 43, Feuilleton (859 wörter)
Die Schweizer Erziehungsdirektoren warnen vor einer Katastrophe, wenn die von ihnen verordneten Rechtschreibevorschriften nicht in Kraft gesetzt würden. Schön wär's. Die Katastrophe ist bereits da, hier und jetzt und ausgewachsen. […] Die Kinder werden bestraft, wenn sie so schreiben, wie sie es in vielen Zeitungen sehen, die zu Hause herumliegen, und in fast allen Büchern, die ihre Eltern lesen. Die sogenannte Umsetzung der Reform bedeutet nur eines: den Beginn der Sanktionen gegenüber den Kindern, die nicht nach den obrigkeitlichen Vorschriften schreiben. […] Die Aufgabe der Schulen ist es, die Kinder einzuführen in das Lesen und Schreiben der deutschen Sprache, so wie sie in der Gegenwart gebraucht wird.

stellungnahme.

Stefan Aust: Wir sind keine Gralshüter. Der Standard, , Album
Er ist einer der Initiatoren der erneuten Diskussion um die Rechtschreibreform: "Spiegel"-Chefredakteur im STANDARD-Gespräch. […] Da sie die alten Bücher aber nicht mehr verändern können und sich die neue Rechtschreibung offensichtlich aus genau diesen Gründen nicht durchgesetzt hat, ist es vernünftiger, zur alten zurückzukehren als den Unsinn weiter mitzumachen. […] Im Übrigen würde kein Land der Erde auf die Idee kommen, eine neue Rechtschreibung von staatlicher Seite zu entwickeln. […] Es hat immer Entwicklungen gegeben, die irgendwann in die Regularien übernommen worden sind. Das ist auch richtig so. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob sich Sprache evolutionär entwickelt, oder ob sich eine Gruppe von selbst ernannten Experten bzw. von den Kultusministern ernannten Experten, hinsetzt und ein neues Sprachsystem entwickelt, das mit dem, was gebräuchlich ist, nichts zu tun hat. […] Der Grundgedanke derer, die die Rechtschreibreform eingeführt haben, war eine Liberalisierung der Sprache, in der die Bandbreite, was ein Fehler ist und was kein Fehler ist, vergrößert wurde. Man könnte so liberal sein und sagen, jetzt gehört auch die alte Rechtschreibung in dieses Spektrum.

Was will uns Aust sagen? Dass das neue mit dem alten «nichts zu tun hat» oder dass es damit sehr viel zu tun hat, so dass es nur eine frage der «Bandbreite» ist? Wurde das neue system «von staatlicher Seite» entwickelt oder, was ja wirklich nicht dasselbe ist, «von selbst ernannten Experten»?

13. 8. 2004

: Rolf heißt heute Stefan. Konrad Dudens Erben können die Aufregung über „Dienst Habende“ und „allein Stehende“ nicht recht verstehen. Frankfurter Rundschau,
Eine Woche ist es her, dass die Groß-Wesire des Spiegel- und des Springer-Verlages, Stefan Aust und Mathias Döpfner, die Gegenreformation ausriefen […]. Vielleicht, mutmaßt der Mannheimer Sprachwächter, wäre ja alles anders gekommen, hätte man für die Rechtschreibreform wie seinerzeit für die Umstellung der Postleitzahlen einen „Rolf“ erfunden. Damals, sagt Wermke, seien auch alle gegen die fünfstelligen Ortskennziffern gewesen, „und dann kam Rolf“, diese putzige Fünf-Finger-Figur mit Sonnenbrille und gewinnendem Lächeln. Ein PR-Coup vom Feinsten. Die fünfstelligen Zahlen, so Wermke, habe zwar keiner ohne weiteres auswendig gelernt - „aber völlig egal: Wir hatten ja Rolf, und Rolf hat uns beruhigt.“ So dumm kann's laufen: Die Rolfs dieser Tage heißen Stefan und Mathias. Und sie lächeln nicht.

12. 8. 2004

: «Das Chaos ist schon da.» St. Galler Tagblatt, , Hintergrund (1707 wörter)
Eine Kommission ohne Sensibilität für Sprache hat eine Reform beschlossen, die sich nicht durchsetzen kann. Kinder lernen in der Schule eine Schreibweise, die sie in Büchern nicht finden. […] Als echte Porno-Grafen erweisen sich die Reformer auch, […] wenn eine Frau bei der Beerdigung sagt, sie habe ihrem Mann (nach neuer Regelung) immer die Stange gehalten.

Uns fehlt es wirklich an sensibilität für sprache: Wie sagt es die frau nach alter regelung?

: Richtig D(d)eutsch. Tages-Anzeiger, , s. 1, Kommentar (276 wörter)
Mindestens 60 Prozent aller lesenden Deutschen werden in Zukunft Printmedien nützen, welche die Regeln der neuen Rechtschreibung nicht mehr anwenden. […] Eloquente Chefredaktoren, unterstützt durch prominente Schriftsteller, setzen sich brillant in Szene, während eine kommunikativ unbeholfene Kultusministerkonferenz mit einer Mitleid erregenden Vorsitzenden für die Fortführung plädiert. […] Hier wird ein Stellvertreterkrieg ausgetragen: Der lamentable Zustand der Regierung Schröder provoziert eine beispiellose Aufgeregtheit in deutschen Landen. […] Unsere Kinder haben in den letzten Jahren die neuen Regeln gelernt und wenden sie problemlos an. Und wir haben nicht den Eindruck, das kulturelle Abendland sieche deswegen dahin.
: Grosse Akzeptanz an den Schulen. Tages-Anzeiger, , s. 44, Gesellschaft (1165 wörter)
Die Einführung der neuen Rechtschreibung in der Schule war in allen Ländern gut vorbereitet. […] Der Unterricht nach den neuen Regeln verläuft ohne Probleme. […] Wo Kritik geäussert wird, richtet sich diese oft nicht gegen Veränderungen durch die Neuregelung, sondern dagegen, dass die Veränderungen nicht weiter gegangen sind. Entsprechend aufschlussreich sind die geäusserten Vorschläge, die in unterschiedlicher Gewichtung deutlich einer Weiterführung der Reform das Wort reden. Verschwindend gering sind Voten, die eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung präferieren. […] Die Neuregelung verdient gegenüber der alten Rechtschreibung den Vorzug, nicht etwa - wie oft zu hören ist - weil eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung unnötig teuer wäre oder weil man aus psychologischen Gründen nicht mehr zurück kann, sondern weil sie die regelungsmächtigere ist und weil sie leichter lehr-, lern- und handhabbar ist.
: "Der pedantischen unart gipfel." die tageszeitung, , nr. 7433, s. 1 (225 wörter)
Selbstverständlich haben hier nach wie vor die inhalte des geschriebenen priorität vor sprachregelungen. Aber wir möchten die debatte um die rücknahme der rechtschreibreform auch mal um einen konstruktiven beitrag bereichern. Es ist zwar schön, dass sich Springer und Spiegel um die "nachfolgenden generationen" in Deutschland sorgen: zurückgehen ist aber konservativer kulturkampf, wir gehen lieber nach vorn. […] Wir hoffen, damit verwirrungen aufzulösen, damit auch anderenorts wieder spielraum für das wesentliche entsteht: die inhalte.
: "Der kompromiss eines kompromisses." die tageszeitung, , nr. 7433, s. 3, Themen des Tages, Interview (622 wörter)
Für den Bund für vereinfachte rechtschreibung war die kleinschreibung schon 1924 ein "nahziel". Seinem vorsitzenden Rolf Landolt geht die jetzige rechtschreibreform denn auch nicht weit genug: "nach der reform ist vor der reform"
neu : Komplott im Sommer. Wie man richtig schreibt: Zur Machtprobe zwischen Verlagen und der Kultusbürokratie. Die Zeit, , 59. jg., s. 1, Politik, Kommentar (599 wörter)
Die Rechtschreibreform […] von 1996 habe zu »Ver­unsicherung« geführt und gleiche gar einer »staatlich ver­ordneten Legasthenie«. So begründeten vorige Woche einige Chef­redakteure, Heraus­geber und Verlags­leiter ihre verabredete Rück­kehr zur Ortho­grafie wilhelmini­schen Ursprungs. Einen Beweis der flotten Behauptung sind sie schuldig geblieben.

11. 8. 2004

: Für eine Akademie der Sprachwächter. Tages-Anzeiger, , s. 46, Kultur (770 wörter)
Als vor Jahren in Deutschland verlautbart wurde, die Rechtschreibung werde reformiert und an unsere zurzeit gültigen Bedürfnisse der Vereinfachung, wie von allem und jedem, hier aber im Speziellen im Hinblick auf die Aufnahmekapazitäten unserer Aus­zubildenden, angepasst, liess mich das kalt. Doch dann nahm das Reformwerk Formen an. […] Unsere Verlags­werke, bestimmte ich, mit der Rücken­deckung unserer Autoren, sollten weiterhin nach der bewährten klassischen Orthographie gedruckt und publiziert werden. […] Jedenfalls ist ein existentieller Streit im Gange, soviel zeichnet sich ab, geht es doch nicht um weniger als uns selbst, merkt doch endlich auf, Leute!, unsere Sprache und darum, wie sie für alle verbindlich zu schreiben ist — damit wir uns auch schriftlich eindeutig verständigen können, notabene. […] Kann es sein, dass wahlabhängige Politiker bestimmen, wie zu schreiben ist? Kann es sein, dass die Duden-Redaktion bestimmt, wie zu schreiben ist? Nein. Politiker dekretieren heute die Verschickung von Friedens­truppen und morgen das Subventions­geld für Milchkühe, und das wollen und sollten wir uns nicht bieten lassen, dort, wo es um unser teuerstes Gut, unsere Sprache geht. […] Ein Vorschlag zum Schluss: Unterhalten wir an der Berliner Akademie, deren Vorsitz zurzeit Adolf Muschg innehat, eine ständige Sprach­kommission, die wir zu unseren nicht herrschaftlichen, sondern demokratischen Sprach­wächtern machen. […] dann haben wir so etwas wie eine ver­gleichbare Institution, wie sie in Frankreich seit 1635 existiert.

Überlassen wir den politikern so unwichtige dinge wie den globalen umweltschutz und den weltfrieden. Für wichtiges wie die rechtschreibung schaffen wir sich selbst konstituierende ältestenräte — und nennen das auch noch demokratisch. Es steht herrn Muschg natürlich frei, noch eine kommission zu bilden, nur ist dann noch ein problem zu lösen: Wer gibt ihr das weisungsrecht für die volksschule?

: Für etwas Durcheinander. Tages-Anzeiger, , s. 46, Kultur (167 wörter)
Die Reform ist nie angenommen worden, weil nie ein Bedürfnis nach einer Reform bestand. Wir haben uns gegenseitig immer bestens lesen können […].

Dass alle bestens lesen können, ist neu.

: CDU stellt Rechtschreib-Ultimatum. Bild,
Der CDU-Politiker fordert: „Wir müssen der Rechtschreib­kommission, die schon die letzte Reform verbockt hat, das Heft des Handelns aus der Hand nehmen!“ Böhr schlägt stattdessen vor: „Die Duden-Redaktion hat täglich mit der praktischen Sprache zu tun – sie könnte den Kompromiss-Vorschlag erarbeiten.“
: „Die Reform ist kaputt.“ Bild-Interview mit Wolf Schneider. Bild,
Herr Schneider, hat die Rechtschreibreform noch eine Zukunft? Wolf Schneider: Ich hoffe nicht! Die Reform ist kaputt, seit die geballte Macht von Springer Verlag, „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“ und „FAZ“ dagegen aufbegehrt.

10. 8. 2004

: Sommertheater um die neue Rechtschreibung. Basler Zeitung, , s. 1, Front
Um die Zukunft der Rechtschreibreform herrrscht in Deutschland weiter erbitterter Streit. Die Präsidentin der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK), Doris Ahnen, erteilte am Montag Forderungen nach einer Volksabstimmung eine Absage.
: Lehrer streiten für die Reform. Basler Zeitung, , s. 3, Tagesthema (479 wörter)
Aufmerksam verfolgen Lehrerinnen und Lehrer der Nordwestschweiz den Streit um die Rechtschreib­reform. Ihr Grundtenor: Die Reform sollte nicht rückgängig gemacht werden. Sie sei grundsätzlich sinnvoll und mache es den Schülerinnen und Schülern leichter, die deutsche Sprache zu erlernen und mit ihr umzugehen.
: Proteststurm im Sommerloch. Basler Zeitung, , s. 3, Tagesthema (496 wörter)
Das Machtwort von Springer-Verlag («Welt» und «Bild»), «Spiegel» und «Süddeutscher Zeitung», die nun ankündigten, zur alten Recht­schreibung zurück­zukehren, kam jedenfalls ziemlich spät - und wurde dafür mit dem heroischen Gestus eines Fahrgastes vorgetragen, der angesichts eines hoffnungslos unfähigen Zugführers und eines sich in rasender Geschwindigkeit nähernden Abgrunds die Notbremse zieht. […] Nun herrscht gerade Sommerloch, die ideale Jahreszeit für leidenschaftliche Medien­auftritte. […] Sobald die technischen Voraussetzungen geschaffen sind, wollen Springer, «Spiegel» und «Süddeutsche» zur alten Rechtschreibung zurückkehren - aber nicht ganz. Denn Reform­vorschläge, die als «sinnvoll» erachtet wurden, könnten durchaus beibehalten werden, hiess es im «Spiegel» und in der «Süddeutschen». Nach richtiger Rückkehr klingt das nicht. Eher nach Reform der Reform.
: Eymann: «Nur kein Aktionismus bei der Rechtschreibung». Basler Zeitung, , s. 3, Tagesthema (561 wörter)
Seit einigen Jahren platzt er regelmässig ins Sommerloch: der Streit ums richtige Schreiben. Verschärft wird er diesmal durch den Entscheid deutscher Grossverlage, zur alten Schreibweise zurückzukehren. Der Basler Erziehungsdirektor Christoph Eymann, ein Reformskeptiker, will auf keinen Fall zurückbuchstabieren.
: Österreich will nicht zurück. Basler Zeitung, , s. 3, Tagesthema (132 wörter)
Auch die Zeitungen «Standard», «Kurier», «Presse», «Krone», «Salzburger Nachrichten» und «Kleine Zeitung» wollen bei der neuen Rechtschreibung bleiben.
: Unsere Kinder baden es dann aus. Basler Zeitung, , s. 29, Forum, Briefe (153 wörter)
Dass der Diskurs in Deutschland bereits im Parteipolitischen versumpft ist und hierzulande der Baselbieter SD-Politiker R. Keller seine Motion von 1998 auch nochmals reaktiviert, stärkt Schiblis These, dass es hüben wie drüben nicht um die Sache, sondern um Profilierung geht.
: Wozu die Aufregung? Basler Zeitung, , s. 30, Forum, Briefe (114 wörter)
Weder vor noch nach der Reform hat nach meinen Beobachtungen die Schweiz das ß benutzt. […] Da ja also ohnehin keine Einheitlichkeit der Recht­schreibung existiert (gestern las ich auch, Schweizer Verleger hätten erklärt, sie seien den Neuerungen nie ganz gefolgt), wozu dann die Aufregung über ein mögliches Kippen der «Reform» in Deutschland?
: Flehen um Klarheit. Doch einheitliche Rechtschreibregeln sind fraglicher denn je. Berliner Zeitung, , Feuilleton (620 wörter)
Jeder darf schreiben, wie er will. Aber wer kann das wollen?

Wir. Und andere wohl auch, sonst wäre es nicht so.

: 7 Wahrheiten über die Schlechtschreibreform. Bild klärt auf. Bild,
Die neuen Regeln sind weder einfacher noch kürzer als die klassischen.
: Sprachverlust. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 184, s. 8, Briefe an die Herausgeber (390 wörter)
Um mit einem kontrastierenden Gedankenspiel zu erhellen, um welche Grundhaltung es hier geht: Könnte man es sich vorstellen, daß eine Sprach-Eingreiftruppe von dieser wohl unauslöschlichen deutschen Art die englische Recht­schreibung mal auf Vordermann bringt?

Ja, man könnte es sich vorstellen: Spelling society.

: Agitation. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 184, s. 8, Briefe an die Herausgeber (267 wörter)
[…] schreibt Heike Schmoll unter anderem, daß die Such­möglichkeiten in Katalogen, Daten­banken und Text­systemen durch vermehrte Schreib­varianten immens erschwert werden. Das Problem unterschiedlicher Schreibweisen gab es schon immer, zum Beispiel in den mannigfachen Transliterationen […]. Und wenn man heutzutage in immer größeren Verbünden von Daten­banken recherchieren kann, so kann man doch nicht im Ernst erwarten, daß ein einzelner Begriff in immer der gleichen Weise geschrieben wird. Zudem lassen moderne Systeme unscharfe Suchanfragen zu oder machen von sich aus Alternativ­vorschläge.
: Der Rechtschreiber. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 184, s. 10, Zeitgeschehen (453 wörter)
Ickler gehört zu den wenigen außerhalb der Rechtschreibkommission, die sich schon 1995 intensiv mit den neuen Regeln befaßt haben.

Schon? Erst!

: Dann ist es ja Wurscht! Zwanzig Jahre Deutschunterricht: Die Erfahrungen eines Lehrers. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 184, s. 31, Feuilleton (1254 wörter)
Insgesamt erlaubt meine Erfahrung nach zwanzig Jahren Deutschunterricht weder das Urteil, die neue Recht­schreibung sei komplett zu verwerfen, noch, sie sei um jeden Preis beizubehalten. Der wichtigste Einwand ergibt sich aber genau aus dieser Fest­stellung: Hat sich der immense Aufwand dieser Reform gelohnt, von der man selbst bei wohlwollender Betrachtung nur sagen kann, daß sie einige Dinge möglicher­weise etwas besser gemacht hat? Die Einheit der Recht­schreibung ist dahin. […] Mögen ihre Normen auch in Teilen willkürlich sein, mochte es auch fragwürdig sein, daß eine nicht­öffentliche Instanz wie die Duden-Redaktion quasi­amtliche Aufgaben ausübte - der jetzige Zustand, in dem jeder macht, was er will, ist gräßlich.
Worüber das Volk abstimmen darf, sollte es selbst entscheiden. EU-Verfassung und Co. , , politik
Für eine Volksabstimmung über die Rechtschreibreform hatte sich am vergangenen Wochenende der Chefredakteur der "Bild am Sonntag", Claus Strunz, gefordert. Gegen eine solches Bürger­votum hatte sich Doris Ahnen, Präsidentin der Kultusminister­konferenz ausgesprochen. […] Nicht nur eigene Gesetz­entwürfe sollten die Bürger zur Abstimmung stellen können, sondern auch vom Parlament beschlossene Gesetze - wie z.B. die Rechtschreib­reform. "Wenn 500.000 Bürger mit ihrer Unterschrift dazu aufrufen, sollte ein vom Bundestag verabschiedetes Gesetz zur Volksabstimmung gestellt werden", schlug der Mehr Demokratie-Sprecher vor.

9. 8. 2004

: Der Triumph der Intellektuellen. Basler Zeitung, , s. 5, Inland (516 wörter)
Die vorab in den deutschen Feuilletons geführte Debatte trug über weite Strecken den Charakter einer Ersatzdebatte, die vor allem der Profilierung einiger Reform­gegner und der Ablenkung von ihrem mittler­weile verwelkten Polit-Engagement diente. […] In vager Erinnerung an das Antikriegs-Engagement der sechziger und siebziger Jahre witterte mancher Geistesarbeiter die Chance, sich doch noch einmal in radikaler System­kritik zu üben. […] Die Herren Reich-Ranicki, Walser, Enzensberger, Muschg etc. — allesamt Autoren in vorgerücktem Alter — haben mit Erfolg einen Reform­prozess verweigert, an dem sie sich nicht aktiv beteiligt hatten, als die Dinge noch im Fluss waren. […] Ihr Erfolg beruht auf einer unheiligen Allianz von muffiger Reform­feindlichkeit und diffuser Staats­ferne. Und er vermag nicht zu kaschieren, dass den meisten Intellektuellen deutscher Zunge zu brennenden Zeit­fragen […] schlicht nichts mehr einfällt.
: Experten stützen Rechtschreibreform. Basler Zeitung, , nr. 184, s. 5, Inland
In der Schweiz stösst die neue Rechtschreibung also auf mässigen Widerspruch - in Deutschland hingegen gerät sie unter massiven Druck.
: Auf der Kippe. Zu den jüngsten Vorgängen um die Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, , 225. jg., nr. 183, s. 19, Feuilleton (1094 wörter)
Dass die Reform gefährdet ist, mag richtig sein, gekippt freilich ist sie noch lange nicht. […] Bedenklich stimmt es, wenn die genannten Grossverlage die Abkehr von der neuen Regelung nun unter die etwas demagogische Begründung stellen, die Mehrheit der Bevölkerung sei gegen die neue Orthographie. Denn ginge es danach, so wäre vermutlich jede Rechtschreibregelung überflüssig. Un­verhältnismässig ist es, die erst fünf Jahre nach Übernahme der Neuregelung vollzogene Rückkehr zur alten Rechtschreibung als einen […] «Akt des zivilen Ungehorsams» zu bezeichnen. […] letztlich wird die Wirklichkeit das derzeit tatsächlich bestehende Durch­einander spielend lösen: In drei Jahr­zehnten werden die heutigen Grundschüler auf den Sesseln der jetzt amtierenden Chef­redaktoren sitzen; Grass und Enzensberger werden von einer neuen Schriftsteller­generation abgelöst sein; in den Verlagen werden Lektoren sitzen, die heute erst das Schreiben und Lesen lernen: Niemand wird mehr von der Reform reden […]. Und wohl wird man auch, ohne zu zögern, in dem getrennt geschriebenen sitzen bleiben die Mehrdeutigkeit erkennen, wie man ohnehin gelernt hat, die Sprache als etwas — glücklicherweise — Schillerndes, nie gänzlich auf Eindeutiges und Wort­wörtliches Festlegbares zu begreifen.
: Ruck zurück. (Deutsche Welle), , Deutschland
[…] die Debatte über die Reform der Rechtschreibung ist durchaus symptomatisch für die derzeitige Lage in Deutschland. […] Vor einigen Jahren sagte der damalige Bundes­präsident Roman Herzog, es müsse ein Ruck durch Deutschland gehen. Doch an dem Ringen um eine neue Recht­schreibung sieht man, wie es wirklich um Deutschlands Reform­willen steht: Gewünscht wird der Ruck zurück.
: KMK-Präsidentin gegen Volksabstimmung. Meinung bei Autoren geteilt; Kommissionsvorsitzender glaubt nicht an Rücknahme der Rechtschreibreform. Frankfurter Rundschau online,
Die Axel Springer AG und der Spiegel-Verlag hatten am Freitag die "schnellstmögliche" Umstellung auf die alten Schreibweisen angekündigt, die "Süd­deutsche Zeitung" will folgen. […] Der Vorsitzende der zwischen­staatlichen Rechtschreib­kommission, Karl Blüml, hat den zur alten Rechtschreib­reform zurück­gekehrten Verlagen "pädagogische Verantwortungs­losigkeit" vorgeworfen. […] Die Autorin Noll erklärte, Sprache sei ein Teil der Kultur, die Rechtschreibung sei aber nur ein Hilfsmittel. "Darum so viel Wind zu machen, finde ich kleinkariert." Autor Wolfgang Menge erklärte, ihm sei unklar, warum die Initiative jetzt komme: "Wahrscheinlich hängt das mit dem Sommerloch zusammen." Der Philosoph Peter Sloterdijk nannte die Verlage "genauso wenig befugt, eine Rechtschreib­reform durchzuführen, wie die Kommission, die das seinerzeit beschlossen hat. Das sind zwei Formen der Anmaßung, die sich gegenseitig aufheben". Dagegen sagte Kempowski, er habe sich "sehr gefreut" über die Initiative der Verlage und hoffe, dass ihnen andere folgten.
: Hausmitteilung. Betr.: Rechtschreibung. Der Spiegel, , nr. 33, s. 3 (554 wörter)
Vorschläge der Reformer, die von der schreibenden und lesenden Mehrheit als sinnvoll erachtet werden, könnten durchaus in Zukunft übernommen werden. Aber eines hat der anhaltende, wachsende Widerstand gegen die Neuregelung - mittlerweile eine eindrucksvolle, parteiübergreifende Bürger­bewegung - klar gemacht: Die Sprache gehört nicht der Kultusbürokratie. Sie ist Kern der Demokratie. Sie lässt sich nicht auf dem Verordnungswege vergewaltigen. Wir hätten damals auf Rudolf Augstein hören und den ganzen Unsinn nicht mitmachen sollen. Aber es ist ja nicht zu spät. Sobald die technischen Voraussetzungen geschaffen sind, wird der SPIEGEL zur alten Form zurückkehren. Und er wird nicht allein bleiben.
: "Geschichtsklitterung." Zurück zur klassischen Schreibweise? Der Linguist Gerhard Augst verteidigt sein Reformwerk. Der Tagesspiegel, , s. 25, Wissen & Forschen, Interview
Herr Augst, die Verlage, die jetzt zur alten Schreibweise zurückkehren wollen, erklären die Arbeit der zwischen­staatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung, deren stellvertretender Vorsitzender Sie sind, für sinnlos. Sind Sie mit dem Reformwerk gescheitert? [Augst:] Das wollen wir nicht hoffen. Wir haben eine gute Reform gemacht und sind entsetzt über das, was derzeit passiert.
Die Kultusminister sollen an der Rechtschreibung festhalten. , , nachrichten
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert die Kultusminister­konferenz auf, an der Rechtschreib­reform festzuhalten und sich nicht von den Allein­gängen ver­schiedener Verlage unter Druck setzen zu lassen. "Es ist unverant­wortlich, wir hier auf Kosten von Kindern, Eltern und Schulen Stimmung gemacht wird, um das Sommerloch zu füllen und die eigene Macht zu demonstrieren", so Marianne Demmer, die Schul­expertin im Geschäfts­führenden Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

8. 8. 2004

: "Es war ein Fehler" I. Spiegel Online (),
Springer, der Spiegel und die "Süddeutsche Zeitung" wollen dem Beispiel der "FAZ" folgen und zur alten Rechtschreibung zurückkehren. Ein Gespräch mit den Verantwortlichen. […] Herr Aust, warum kehrt der Spiegel nach fünf Jahren zur alten Recht­schreibung zurück? [Aust:] Es kann nicht angehen, daß eine kleine Gruppe von Experten eine Neufassung der deutschen Sprache beschließt, ohne zu berücksichtigen, ob die Bevölkerung das eigentlich will oder ob es notwendig ist.
: "Es war ein Fehler" II. Spiegel Online (),
Herr Kilz, alte Rechtschreibung, neue Rechtschreibung: Was ist die Haltung der "Süddeutschen Zeitung" in dieser Sache? [Kilz:] Wir müssen jeden Tag eine Zeitung machen, da braucht man einen zielorientierten Pragmatismus, und das heißt: möglichst wenige Orthographiefehler. Mit der neuen Rechtschreibung wurde das nicht erreicht. […] Ich wurde von meinen früheren Kollegen beim Spiegel angesprochen, wie wir das denn nun handhaben sollten mit der Rechtschreibung und ob man darüber reden könne, und dann wurde ein Treffen in Hamburg vereinbart zwischen Spiegel, Springer und der "SZ", vertreten von unserem Rechtschreib­experten Hermann Unterstöger. Auch von Suhrkamp nahm jemand teil.
: "Es war ein Fehler" III. Spiegel Online (),
Herr Döpfner, Zeitungen und Verlage unterschiedlicher politischer Richtungen schließen sich zusammen, um eine Reform zu Fall zu bringen. Ist das, was wir gerade erleben eine Rebellion? [Döpfner:] Wenn F.A.Z., "Süd­deutsche Zeitung", Spiegel, "Welt" und "Bild" einer Meinung sind, dann muß es ein wirklich über­geordnetes Interesse geben. Das ist hier der Fall. Es geht um die deutsche Sprache. Die Rechtschreib­reform war von Anfang an miß­glückt. Nach fünf Jahren Erprobung gibt es Menschen, die nach alter Recht­schreibung schreiben, Kinder, die die reformierte Recht­schreibung lernen, Verlage, die ihre eigene Version der Reform umgesetzt haben, und seit einiger Zeit gibt es noch eine über­arbeitete Form der Reform. Das Ergebnis ist Chaos. […] Wenn auf diese Entwicklung die Politik, die das ganze Unheil in Gang gesetzt hat, nicht reagiert, müssen die Haupt­betroffenen, die Verlage, handeln. […] Unser Vorstoß ist ein Appell zur Umkehr, und wir hoffen, daß dem möglichst schnell möglichst viele folgen.
: Beharrlich auf dem Weg zur Regierungsmacht. Als Bildungspolitikerin hat Annette Schavan einen guten Namen; jetzt will sie Ministerpräsidentin werden. Welt am Sonntag, , nr. 32, s. 5, Politik
Auch die Rechtschreibung fällt in ihren Verantwortungsbereich. Das macht Schavan zu einer der gefragtesten Politikerinnen dieser Tage, ist sie doch auch Sprecherin in allen Bildungs­fragen der CDU-geführten Länder in Deutschland. Sie selbst hat die Rechtschreib­reform mit beschlossen und hält an ihr fest. Auch jetzt, da sich vier Minister­präsidenten der Union für eine Abschaffung der Reform stark machen und mit der Axel Springer AG sowie dem Spiegel zwei Groß­verlage angekündigt haben, zur alten Rechtschreibung zurückkehren zu wollen, bleibt sie gelassen. "Ich rate zur Besonnenheit", sagt sie. Sie sagt es so ruhig, als würde eine Rücknahme der Reform nicht eine gewaltige Niederlage für sie bedeuten. "Die Vorstellung, dass mit einem schlichten Zurück Ruhe einkehren würde, ist doch illusorisch."

7. 8. 2004

: Traditionalisten in der Minderheit. Unter den Ministerpräsidenten gibt es einige Zweifler, eine Reform der Reform wollen die meisten nicht. Der Tagesspiegel, , Politik (518 wörter)
Der Mainzer Regierungschef Kurt Beck (SPD) sieht keinen Handlungsbedarf […]. Er könne sich auch nicht erklären, warum es so schlimm sein solle, wenn Delfin mit f geschrieben werde, sich beim Wort Fotograf aber niemand aufrege. Beck nennt die neue Diskussion um die Reform, die 30 Jahre lang vorbereitet worden sei, ein reines Sommerthema. […] Die Sprecherin des Cornelsen-Verlags in Berlin, Irina Pächnatz, sagt: „Diese Umstellung ist absurd. Es gibt sechs Millionen Schüler, die keine andere Rechtschreibung kennen.[…]“
: Die Nachbarn wundern sich über die Deutschen. Wien und Bern bleiben bei der Rechtschreibreform. Der Tagesspiegel, , Politik (503 wörter)
Doch im Gegensatz zu Deutschland gab es in Österreich mit der Umsetzung bislang keinerlei Probleme. […] Sämtliche Schulbücher sind in Österreich seit Jahren auf die neuen Rechtschreibregeln umgestellt. Erst kürzlich ergab eine im Auftrag des Unterrichtsministeriums erstellte Studie, dass die Rechtschreibsicherheit der Jugendlichen durch die neuen Regeln deutlich zugenommen hat […]. Im Gegensatz zu anderen Themen, bei denen innerdeutsche Diskussionen mit etwas Verzögerung nach Österreich überschwappen, sind in Sachen Rechtschreibreform keine Aufstände zu erwarten. […] Auch in der Schweiz löst die deutsche Debatte eher Erstaunen aus.
: Auf gut Deutsch. Da alles Wesentliche geregelt ist, können wir ja jetzt über Rechtschreibung streiten. Der Tagesspiegel, , Meinung (560 wörter)
Wir werden uns gedulden müssen, bis die Schreibung wieder einheitlicher wird – wenn wir es denn überhaupt als dramatisch empfinden, dass es mehrere Optionen gibt. Mindert es die Klarheit der Schriftsprache wirklich, wenn sie über einen gewissen Zeitraum, oder gar auf Dauer, in einzelnen Fällen mehrere Schreibweisen zulässt? Nein – und was Springer und Spiegel gestern als Vorgabe präsentiert haben, nach der die Nation sich nun richten solle, wirkt ziemlich anmaßend, in dieser Form auch undemokratisch. Und es geschieht nicht zum Nutzen der Kinder, sondern wird sie verwirren; falls sie Zeitung lesen.
: Schreibet recht und tuet Gutes! Der Standard, (1195 wörter)
Gott ist unbeweisbar, die politischen Strukturen bröckeln, alle Grenzen verstückelt, undurchsichtig das Weltall, die Lebensmittel nur noch Geschmacksverstärker, wer weiß, wie lang die Flüsse noch stromabwärts fließen, und auch sonst, wenn sogar Griechenland Europameister wird, kann man sich auf nichts und niemand mehr verlassen und dann auch noch die Rechtschreibung? Alles, was Recht ist. […] Die Argumente dagegen kamen aus allen Löchern, reichten vom Vorwurf der Inkonsequenz über die Ästhetik, Unvermittelbarkeit, hoher Kosten bis zum Wozu brauchen wir jetzt das. Im Kern aber wurde und wird Sprache wohl als etwas Gottgegebenes und Unabänderliches angesehen, als virtueller Gradmesser seiner eigenen Gültigkeit, Kindheitsrelikt, Restidentität, Erbgut, was auch in der immer latenten Angst vorm Sprachverfall zutage tritt - ohne einzusehen: Sprache ist lebendig, verändert sich, sonst würden wir immer noch so sprechen wie im Hildebrandslied oder im Muspili.

6. 8. 2004

: Spiegel und Springer kehren zur alten Rechtschreibung zurück. NZZ Online, (123 wörter)
Die zum Spiegel-Verlag und zu Axel Springer gehörenden Titel, die nach eigenen Angaben rund 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland erreichen, werden ihre Schreibweise «schnellstmöglich umstellen».
Spiegel-Verlag und Axel Springer AG kehren zur klassischen Rechtschreibung zurück. In eigener Sache. Spiegel Online, (540 wörter)
Die zu beiden Verlagen gehörenden Titel, die rund 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland erreichen, werden ihre Schreibweise schnellstmöglich umstellen. SPIEGEL-Verlag und Axel Springer AG fordern andere Verlage auf, ebenfalls zur alten Rechtschreibung zurückzukehren und damit gemeinsam dem Beispiel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu folgen […]. Ziel dieser Maßnahme ist die Wiederherstellung einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung. […] Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG[,] und Stefan Aust, Chefredakteur des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, betonen: "Wir befürworten sehr dringend notwendige und sinnvolle Reformen in unserer Gesellschaft. Doch die Rechtschreibreform ist keine Reform, sondern ein Rückschritt. Die deutsche Sprache braucht keine kultusbürokratische Überregulierung. Spätestens die neuerliche Reform einer ohnehin unausgegorenen Reform führt ins völlige Chaos. […]"

4. 8. 2004

: Lanze für die Rechtschreibreform. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 179, s. 6, Briefe an die Herausgeber (309 wörter)
Ehrlich staune ich oft über manche Leserbriefe und Beiträge zur neuen Rechtschreibung, in denen pingelig irgendwelche Details genannt werden, an denen man sich trefflich hochziehen und den Untergang der deutschen Kultur beklagen kann. Ich selbst als Vielschreiber und -leser mit großem Latinum und Graecum […] habe die neue Rechtschreibung als Offenbarung begrüßt, wegen ihrer wesentlich größeren Logik und ihrer größeren Freizügigkeit. […] Ob man Einzelheiten noch ändert, sollte den Fachleuten überlassen bleiben, auf jeden Fall nicht den Alten und nicht den Politikern.

2. 8. 2004

: „Unzweifelhaft eine Katastrophe.“ Marcel Reich-Ranicki zur Debatte über die Rechtschreibreform. Der Spiegel (), , nr. 32, s. 144, Kultur
In keinem der großen europäischen Länder ist die Kluft zwischen der Sprache des Volkes, des Alltags zumal, und der Sprache der Literatur so tief wie in unserer Welt: Niemand sprach vor hundert Jahren, wie Rilke oder Thomas Mann geschrieben haben, niemand spricht heute wie Günter Grass, wie Enzensberger oder Siegfried Lenz. Eine gemeinsame Ebene, auf der sich der künstlerische Ausdruck mit dem Ausdruck des Volkes treffen würde, hat es bei uns – anders als in England oder gar in Frankreich – nie gegeben. […] Ob diese Zweiteilung in Zukunft erhalten bleiben wird, können wir nicht voraussehen. Aber wir können immerhin einer ähnlichen Zweiteilung im Bereich der Orthographie entgegenwirken. Mit anderen Worten: Es wäre verheerend, sollte es sich einbürgern, dass für die Schriftsteller eine andere Rechtschreibung gilt als für die Schüler unserer Grundschulen. Die Kluft, von der die Rede war, würde noch tiefer.

Das volk beherrscht die rechtschreibung nicht, die schriftsteller beherrschen sie nicht – wo ist da eine kluft?

8. 2004

: Ästhetische Logik im System der deutschen Rechtschreibung. , , Verschiedenes
Die dt. RS ist historisch gewachsen, d.h., sie hat allen Versuchen systematischer Ver­änderungen wider­standen. Es soll hier gezeigt werden, daß die deutsche Recht­schreibung, ähnlich wie der englischen und französischen, eine ästhetische Qualität besitzt und einen un­schätzbaren Beitrag zur kulturellen Identität des deutschen Sprach­raums leistet.