Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)


Aus presse und internet

26. 2. 2004

: Zur «Rechtschreibreform». Neue Zürcher Zeitung, , 225. jg., nr. 47, s. 9, Briefe an die NZZ (104 wörter)
«Die Auflösung dieses Gremiums [der Zwischenstaatlichen Kommission] ... tut not. Es hingegen durch Machtzuwachs zu adeln, wäre ein Witz.» Nein. Es wäre keiner […]. Es wäre ein Bubenstreich, ein Skandal, nicht im geringsten weniger grotesk als die Ernennung, mit der Caligula sein Pferd zum Senator machte […].
Hoppla! züritipp (beilage Tages-Anzeiger), , s. 5 (86 wörter)
Manchmal fragen wir uns schon, wie zukunftsorientiert das Wissen ist, das an den Unis im deutschsprachigen Raum gelehrt wird. Insbesondere dann, wenn 50 Professoren nichts Gescheiteres zu tun haben, als die Rückkehr zur alten Rechtschreibung zu fordern.
: Der Mensch ist frei. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 48, s. 42, Briefe an die Herausgeber (599 wörter)
Die Verfassungsrichter räumen darüber hinaus auch ein, daß es mit der rechtlichen Verbindlichkeit der Rechtschreibreform nicht weit her ist […]. Zumindest volljährige Schüler der oberen Klassen wird niemand zum Gebrauch der reformierten Orthographie zwingen können.

Das war schon nach der reform von 1892/1903 so. Unsereins hat schon in jüngeren jahren die eigennamengrossschreibung angewendet, andere haben dissertationen in fraktur abgeliefert; damals (und hier zu lande) sah man das nicht so verbissen.

25. 2. 2004

: Ungeheuer. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 47, s. 40, Briefe an die Herausgeber (61 wörter)
Wie Ihre Zeitung am 30. Januar berichtet, nannte ein Amtschefkommissionsvorsitzender der Kultusministerkonferenz die Rechtschreibungsregelung durch eine zwischenstaatliche Kommission "ungeheuer demokratisch". […] Demokratisch ist eine derartige Rechtschreibungsregelung nämlich keineswegs, dafür aber ungeheuer.

24. 2. 2004

: Nicht gewählt, nicht befugt und konkurrenzlos unfähig. Ein dubioses Gremium, das ein dubioses Gremium kontrollieren soll: Der Beirat zur Rechtschreibreform. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 46, s. 35, Feuilleton (1005 wörter)
Mit seiner knappen, kaum zwei Seiten umfassenden Stellungnahme zum vierten Bericht der Kommission, der trotz strengster Geheimhaltung bekannt wurde, erweist sich der Beirat aufs neue als besonders diensteifrig. Er übernimmt sogar die verhüllende Sprache der Kommission, die es nicht wagen darf, alle geplanten Änderungen der Rechtschreibreform als Änderungen zu bezeichnen. […] Man könnte also über den Beirat hinweggehen wie über einen schlechten Witz, aber das wäre ein Fehler. Im Kalkül der Kultusminister spielt er nämlich eine wichtige Rolle. Sie behaupten, in diesem Beirat seien die "professionell Schreibenden" vertreten, also vor allem die Schriftsteller und die Journalisten. Jeder weiß, daß nahezu alle namhaften Schriftsteller und die meisten Journalisten die Rechtschreibreform ablehnen, aber durch ihre Zwangsvertretung im Beirat, vor der sie gar nichts wissen, haben sie ihr zugestimmt. […] Der Beirat ist also eine wichtige Hilfskonstruktion, um die Änderungswünsche und das Machtstreben der Rechtschreibkommission gegen jede Kritik zu immunisieren.

21. 2. 2004

: Helvetische Restensuppe. Walliser Bote, , s. 5
Mehr als fünfzig Rechtsprofessoren fordern, dass die Rechtschreibreform, die am 1. August 2005 endgültig verbindlich werden soll, sofort beerdigt wird. Irgendwie würde man sich freuen, wenn die Gämse wieder als Gemse am Stengel und nicht mehr am Stängel behende statt behände knabbern kann.
: Rechtschreibprotest. Offener Brief der Akademien. Süddeutsche Zeitung, , s. 14, Feuilleton (162 wörter)
In einem Offenen Brief an die Kultusministerkonferenz haben zehn deutsche Akademien einen sofortigen Eingriff in die Rechtschreibreform gefordert. Insbesondere wenden sie sich dagegen, dass künftig die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung in bestimmten Fällen die alleinige Zuständigkeit für die in Wörterbüchern niedergelegte deutsche Orthografie übernehmen soll.
: Gesicht der Machtarroganz. Süddeutsche Zeitung, , s. 33, Leserbriefe (457 wörter)
Die so genannte Rechtschreibreform ist nicht nur eine Kulturschande, sondern auch eine Demokratieschande. Man weiß nicht, was man mehr verachten soll: die Inhalte der „Reform“ oder die Art ihrer staatsstreichartigen Durchsetzung.
: Mehrheit ist überfordert. Süddeutsche Zeitung, , s. 33, Leserbriefe (248 wörter)
Thomas Steinfeld hat aber nicht Recht, wenn er behauptet: „Nie waren in modernen Zeiten die Bildungsunterschiede zwischen den Schreibenden so erkennbar, wie sie es heute sind.“ Nicht Bildungsunterschiede zeigen sich, sondern wer sich mit der Rechtschreibreform eingehend befasst hat und wer sich nur oberflächlich informiert hat. Man sollte endlich zu der Einsicht kommen, dass Rechtschreibung etwas Gemachtes ist, das auch verändert werden kann, dass man bei jeder Festlegung irgendwelche „Kröten schlucken“ muss, dass man aber nicht die neue Rechtschreibung aus der Erwartungshaltung beurteilen darf, die man mit der alten gelernt und „verinnerlicht“ hat.
: Schreibfehler in einem vorher unbekannten Ausmaß. Süddeutsche Zeitung, , s. 33, Leserbriefe (398 wörter)
Der Vorgang als Ganzes droht der vielleicht undemokratischste Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik zu werden, obwohl das Thema geradezu absurd ist. Daran sind paradoxerweise nicht allein die Urheber schuld, sondern daran hat auch die Bevölkerung ihren Anteil: Hätte jeder den Mut, auch in der Öffentlichkeit so zu schreiben oder schreiben zu lassen, wie er es für richtig hält, hätten wir das Problem längst vom Hals […].

Genau, und für richtig halten wir bekanntlich die eigennamengrossschreibung.

: Innovatives und modernes Image. Süddeutsche Zeitung, , s. 33, Leserbriefe (419 wörter)
Mit schöner Regelmäßigkeit macht die SZ die Rechtschreibreform zum Thema. Dabei fällt auf, dass es zwei erklärte Gegner der Reform sind, denen hier die Möglichkeit gegeben wird, ihre Standpunkte zu veröffentlichen. […] Die Regeln werden von den Redakteuren der SZ oft nur halbherzig, häufig sogar falsch angewendet. Hier sind andere Zeitschriften und Zeitungen sehr viel korrekter und damit leserfreundlicher. […] Meine Erfahrungen decken sich auch nicht mit denen, die Steinfeld in seinem Artikel und in seinem Kommentar beschreibt. Die neue Rechtschreibung wird nicht nur „an Schulen und wenigen Ämtern“ praktiziert, sondern inzwischen auch von vielen Firmen und Unternehmen. Für diese ist die Anwendung der neuen Rechtschreibung nicht eine lästige Pflicht, sondern mit einem innovativen und modernen Image in der Kommunikation verbunden.

19. 2. 2004

: Weder Mafia noch Metternich. Deutsche Dichter, Politiker und Juristen fühlen sich bedroht — von einer Rechtschreibkommission; dabei verweigern sie sich allen vernünftigen Argumenten. die tageszeitung, , nr. 7288, s. 11, Meinung und Diskussion, Kommentar (945 wörter)
Wenn es um die Muttersprache geht, scheint der Absturz ins Irrationale unvermeidlich. […] Konservative Sprachpuristen, ein querulantischer Lehrer aus Bayern und ein paar Hochschullinguisten befeuern die Pseudodebatte in regelmäßigen Abständen mit an den Haaren herbeigezogenen Beispielen, die die Reform je nachdem als überflüssig oder gefährlich hinstellen. Sollte es, was die Ultras stets suggerieren, um Sein oder Nichtsein des Deutschen gehen, ob wir "grünlich blau" oder "grünlichblau" bzw. "Recht haben" oder "recht haben" schreiben? Den "meisten" (alt) wie den "Meisten" (demnächst) ist das egal, auch wenn einer der Rührigsten unter den Reformkritikern diese Neuerung in ganz alter Theologenmanier als Rückfall in den "vorsintflutlichen Zustand" (Theodor Ickler) beschwört.

17. 2. 2004

: Justitia soll richtig schreiben. Appell gegen die Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, , 225. jg., nr. 39, s. 35, Feuilleton (154 wörter)
Am 1. August 2005 wird, sofern die Politik sich nicht besinnt, die Rechtschreibreform verbindlich […]. Derweil versucht die Reformkommission ihr Werk durch Herumdoktern am System über die Zeit zu retten — vermehrt aber dabei die Schar der Kritiker. […] Die Juristen verlangen die Kündigung der «Wiener Erklärung» von 1996 (was durchaus möglich wäre, denn sie ist kein völkerrechtlich bindender Vertrag) und eine Rückkehr zur alten Orthographie […].
: 50 Professoren wollen alte Rechtschreibung. Tages-Anzeiger, , 112. jg., nr. 39, s. 45, Kultur (129 wörter)
Zudem «könne von den Menschen erwartet werden, dass eine kompliziertere Rechtschreibung beizubehalten sei, wenn sie zum Kulturgut gehört», sagte Manfred Rehbinder […].
: Brüske brüskiert nicht. ... und gewinnt so das Publikum für sich. Süddeutsche Zeitung, ausgabe Starnberg, , s. R6
Nimmt blödelnd überflüssige Anglizismen auf die Schippe, übersetzt „Location-Freelancer“ mit Penner, dann folgen die Rechtschreibreform – „heute schreiben wir Cholera wie Kohl-Ära“– die Fahrraddiscounter, das Dosenpfand, das Auto-Navigationssysteme, […].

16. 2. 2004

: Fünfzig Juristen verlangen Rücknahme der Rechtschreibreform. "Gravierende Mängel, unausgewogene Formelkompromisse"; Appell an die Parlamente. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 39, s. 4, Politik (492 wörter)
Die Professoren verweisen darauf, daß die meisten Menschen durch die überraschende Einführung der Rechtschreibreform den Eindruck einer demokratisch nicht legitimierten Bevormundung durch die Exekutive gewonnen hätten. Das Bundesverfassungsgericht habe zwar im Blick darauf, daß das neue Regelwerk grundsätzlich keine rechtlichen Wirkungen entfalte, einen Verstoß gegen das Demokratieprinzip nicht angenommen. Dies ändere aber nichts daran, daß die Aktivitäten der Kultusverwaltungen dem Vertrauen in die demokratisch legitimierte Staatsgewalt erheblichen Schaden zugefügt hätten. In einem mehrseitigen Anhang nennen die Rechtswissenschaftler Beispiele für Defizite der Reform.

Wie viele jahrzehnte hätten denn die professoren gebraucht, um die defizite der reform zu untersuchen? Ihre «überraschung» fügt dem vertrauen in die professoren schaden zu.

: Beschädigtes Deutsch. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 39, s. 12, Zeitgeschehen (171 wörter)
In ihrer Sachkritik ist der Petition der fünfzig Rechtswissenschaftler gegen die Rechtschreibreform ausnahmslos zuzustimmen. […] Juristen sind auf sprachliche Feinheiten angewiesen, deshalb ist ihre Kritik — ähnlich wie die der Dichter und Schriftsteller — nicht zu unterschätzen.

In der tat, «ähnlich wie die der Dichter und Schriftsteller». Dazu ist auf diesen seiten einiges zu finden, z. b. stellungnahme zu «Willkür in den Worten».

: Homo politicus. Aus der Antike in die Gegenwart und wieder zurück: Der bedeutende Münchner Althistoriker Christian Meier wird heute 75 Jahre alt. Frankfurter Rundschau, , s. 12, Feuilleton, Porträt
Seinen Einsatz für sprachliche Disziplin und angemessenen Stil machte der glänzende Rhetoriker in seiner ebenso unermüdlichen wie unerbittlichen Kritik an der Rechtschreibreform deutlich.

13. 2. 2004

: Sewald will Marienstift verkaufen. Stadträte suchen nach Auswegen aus der kommunalen Finanzkrise. Süddeutsche Zeitung, ausgabe Erding, , s. R4
Vizebürgermeister Gisbert Becker (CSU) verlangte Stellenkürzungen im Landratsamt. Darüber hinaus rechnete er mit der Rechtschreibreform ab, die Millionen Euro gekostet habe.

12. 2. 2004

: Dem guten Beispiel folgen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 36, s. 8, Briefe an die Herausgeber (256 wörter)
Und dann gäbe es ja noch den zivilen Ungehorsam. Wenn die deutschen Verlage und Zeitungsredaktionen dem Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung folgen würden und einfach wieder richtiges Deutsch schrieben, würde sich der ganze Spuk von selbst erledigen.

10. 2. 2004

: Althistoriker mit politischem Engagement: Christian Meier wird 75. Frankfurter Neue Presse Online,
Der Streit um die Rechtschreibung hat bei Meier tiefe Narben hinterlassen. «Mein Glaube an die Demokratie ist erheblich erschüttert worden», sagt er und findet deutliche Worte: «Ich ärgere mich nicht nur über die schlechte Reform, noch schlimmer ist die Anmaßung unfähiger Minister, über die Sprache bestimmen zu wollen.» Die Sprache habe sich über Jahrhunderte bestens ohne politische Einmischung entwickelt.
: Handelsbeziehungen. Zehn Tage Havanna: Ein Tagebuch von der XIII. Internationalen Buchmesse. junge Welt, , Feuilleton
Einen schweren Stand hat Rolf Dieter Hasse. Er vertritt den Verlag Klett-Pons, dessen Wörterbücher in Havanna enorm gefragt sind. Hasse jedoch präsentiert nur Ausstellungsexemplare. […] Im nächsten Jahr will der Verlag nun alte Wörterbücher anliefern, die in Deutschland nach der Rechtschreibreform nicht mehr verkäuflich sind.
: Diktat nach Version 4.3 (I). Süddeutsche Zeitung, , s. 11, Leserbriefe (118 wörter)
Nun ist es offensichtlich! Nach kurzer Zeit ist das Gebäude der Rechtschreibreform wieder einmal reparaturbedürftig.
: Diktat nach Version 4.3 (II). Süddeutsche Zeitung, , s. 11, Leserbriefe (160 wörter)
Die hat dazu geführt, dass die Orthografie inzwischen freigegeben ist — und wir uns ungefähr auf dem Orthografie-Status Goethes und Schillers wiederfinden — was ja, bei Lichte betrachtet, vielleicht kein Nachteil sein müsste, wenn wir dazu nur die Goethes hätten . . .

Abgesehen davon, dass eher das gegenteil richtig ist (oder gab es zu Goethes zeit eine rechtschreibkommission?), sehen komma- und gedankenstrichsetzung in diesem beitrag tatsächlich nach freigabe aus.

5. 2. 2004

: Das deutsche Schreib-Amt. Süddeutsche Zeitung, , 60. jg., nr. 29, s. 4, Meinungsseite, Leitartikel (722 wörter)
„Die grundlegenden Verbesserungen im Vergleich zur alten Regelung werden allgemein anerkannt“, heißt es im vierten Bericht der „Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung“ […]. Dass diese Behauptung eine Lüge ist, weiß jeder Leser: In weiten Bereichen […] ist die deutsche Orthographie de facto freigegeben. Ein solches Durcheinander hat es seit der ersten Reform zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gegeben. […] Denn mit ihrem vierten Bericht verbinden sich wieder mehrere tausend Veränderungen der Schriftsprache […]. Die Unsicherheit der Schreibenden wird sich durch die neuesten Veränderungen weiter vergrößern. […] Mit dem vierten Bericht verbindet sich nun allerdings noch etwas Gravierenderes als die neueste Variante der Reform, nämlich das Ansinnen, die Kommission von ihrer Aufsicht durch die Kultusministerien zu befreien und sie zur „zentralen Anlauf- und Schlichtungsstelle für Probleme der Orthografie“ zu erklären.
: Wenn einer Pleite geht, dann grünlich blau. Was, um Himmels willen, steht im vierten Bericht der Rechtschreibkommission? Süddeutsche Zeitung, , 60. jg., nr. 29, s. 11, Feuilleton (833 wörter)
Der vierte Bericht der Zwischenstaatlichen Kommisson für deutsche Rechtschreibung ist unveröffentlicht, enthält aber vieles, was die Öffentlichkeit interessieren muß. Zum einen geht es um die „Ermächtigung“ der Kommission, künftig nicht nur Vorschläge für weitere Eingriffe in die deutsche Orthographie zu unterbreiten, sondern solche Eingriffe jederzeit auf eigene Verantwortung vornehmen zu können. […] Von den 12 500 Wörtern der amtlichen Liste waren bisher rund 1030 durch ein Sternchen als reformbetroffen gekennzeichnet, also rund acht Prozent des Wortschatzes (mit Silbentrennung etwa 15 bis 18 Prozent). Die neuen Vorschläge verändern wiederum zwei bis drei Prozent der Wörterbucheinträge. Folgenreicher ist, daß inzwischen so gut wie niemand mehr weiß, wo es Veränderungen gegeben hat oder bald geben wird und warum das alles sein muß.
: Reform ohne Freunde. Das Gezänk um die deutsche Rechtschreibung geht weiter. Die Zeit, , 59. jg., nr. 7, s. 41, Literatur (410 wörter)
Freilich muss auch gesagt werden, dass sich jede systematische Orthografie in Widersprüche verstrickt; weil Sprache nun einmal nicht vollständig systematisch ist. Auf der sicheren Seite sind nur rein phonetische Systeme (wie im Italienischen oder Portugiesischen); dann müsste man sich allerdings entscheiden, ob man lieber Hühnerai oder Keiser schreibt. Die Reform hat, indem sie den Blick für solche Kalamitäten schärfte, der Rechtschreibung die Autorität genommen. […] Wunderbarerweise ist damit nur ein Zustand erreicht, den in den siebziger Jahren, als die Reformdebatte begann, ein kluger Germanist empfohlen hatte: auf die Lösung verzwickter Einzelfälle zu verzichten und nur das Gros der Schreibweisen festzulegen. Mit einigen wenigen Regeln lassen sich nämlich neunzig Prozent aller Wörter erfassen; den Rest, hieß es damals, könne man getrost freilassen. So ist es gekommen. Jetzt müssen sich nur noch die Schulen an die neue Toleranz gewöhnen.

4. 2. 2004

: Böcke zu Gärtnern. Neues von der Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, , 225. jg., nr. 28, s. 46, Feuilleton (590 wörter)
Die Böcke wollen Gärtner werden: So muss muss man wohl die jetzt bekannt gewordenen Ambitionen der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Recht­schreibung kommentieren. Wenn am 31. Juli 2005 die Übergangsfrist endet […], dann soll nicht nur das missratene und bereits stillschweigend modifizierte Reformwerk in Schulen und Amtsstuben endgültig verbindlich sein. Obendrein wünscht sich die Kommission grössere Machtfülle. […] Die Auflösung oder zumindest Neubesetzung dieses Gremiums tut not. Es hingegen durch Machtzuwachs zu adeln, wäre ein Witz.

Siehe stellungnahme.

: Demokratie noch nie direkt. Keine Berliner Initiative kam bis zum Volksentscheid. Neues Deutschland, , Berlin/Brandenburg
Bis dahin schaffte es nur der Berliner Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege. Beim Versuch, die Rechtschreibreform zu kippen, scheiterte er aber. Nur 108000 Bürger forderten den Volksentscheid. Etwa 250000 (zehn Prozent der Wahlberechtigten) hätten es sein müssen.

3. 2. 2004

: Der Tollpatsch bleibt. Die Rechtschreibreform geht in die nächste Runde. Sächsische Zeitung, , Kultur (326 wörter)
Die zwölf Halbweisen der Zwischenstaatlichen Kommission haben die Vorschläge ausgearbeitet. […] Die jetzt angekündigten „Anpassungen“ sorgen erneut für Unmut. Es gehe mitnichten um leichte Variationen, so Theodor Ickler, Oberkritiker der Rechtschreibreform […]. Künftig soll die Zwischenstaatliche Kommission allein über die deutschen Rechtschreibregeln befinden dürfen, ohne politische Kontrolle. […] Die Kommission ist weder demokratisch legitimiert, noch hat sie durch ihr Treiben bisher von ihrer Qualifikation überzeugt.
: Wahlfreiheit. Sächsische Zeitung, , Kultur, SZ-Kommentar (188 wörter)
Die schleichende Revision, die mit jeder Duden-Ausgabe einhergeht, wird mit den jüngsten Vorschlägen offensichtlich. Was 1996 als Regulierung der deutschen Rechtschreibung geplant war, gerät zur Deregulierung. Die Halbherzigkeiten werden immer halbherziger. Die Kommission muss den Begriff Wahlfreiheit falsch verstanden haben. So war das nicht gemeint!
: Lustige Selbstbefriedigung der „Experten“. Süddeutsche Zeitung, , s. 17, Leserbriefe (347 wörter)
Der kontinuierliche Strom geistiger Diarrhö, der sich als Ausfluss in der Sache überflüssiger Schlechtschreibreformen seit Jahren über den deutschsprachigen Raum ergießt, ist doch letztlich ein Glücksfall für die Freiheit. Was ist denn so schlecht an der „faktischen Deregulierung der Rechtschreibung“? […] Und im Ergebnis ermöglicht es eine weitere Stratifizierung der Gesellschaft in ganz neuartige Soziolekte: Schon jetzt kann man auf Anhieb zwischen obrigkeitshörigen Trotteln auf der einen und ihrer eigenen Sprache noch mächtigen, freien Bürgern auf der anderen Seite unterscheiden.
: Valentins Regel. Süddeutsche Zeitung, , s. 17, Leserbriefe (187 wörter)
Thomas Steinfeld scheint für eine andere Zeitung denn die SZ zu arbeiten, wenn er feststellt, dass die neue Rechtschreibung „kaum praktiziert“ werde, gehört diese Zeitung doch zu den hervorragenden Apologeten eben dieser Schreibung. Dabei zählt sie zu den Anhängern der „Mischformen“, die sich dadurch auszeichnen, dass sie weder die alten noch die neuen und auch nicht die eigenen Regeln einhalten.

2. 2. 2004

: Rechtschreibreform, Folge 117. Gutes Deutsch? Tut uns Leid! Basler Zeitung, , s. 2, Zweite (248 wörter)
Und wieder ist eine Debatte um die Rechtschreibreform entbrannt. Es ist die ungefähr 117. von allen und nicht die letzte. […] Nun also wird wieder ein bisschen zurückgerudert (zurück gerudert?). Wer fortan gutes Deutsch lernen, lehren und schreiben soll, kann einem angesichts der immer grösser werdenden Verwirrung leid tun (leidtun? Leid tun?).