Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)


Aus presse und internet

30. 8. 2001

: Liebe und Willkür. Artikelreihe „50 Jahre Adornos Minima Moralia“; SZ vom 6. und vom 8. August. Süddeutsche Zeitung, , s. 10, Leserbriefe
So sehr die Begegnung mit Theodor W. Adornos „Minima Moralia“ […] erfreut […], so befremdlich wirkt auf den Leser die Tatsache, dass die SZ sich nicht scheut, diese ja fast schon kanonischen Texte der Moderne ins Korsett des „Regelwerks“ der Rechtschreibreform zu zwingen, mit der sie täglich den treuen Leser schockt.
: Ein Kind aus der ß-Klasse. die tageszeitung, , nr. 6536, s. 5, Themen des Tages
Vier Jahre prozessierten ihre Eltern gegen das niedersächsische Kultusministerium, von Instanz zu Instanz. Damit die Tochter in der Schule weiter "Fluß" und "Delphin" lernte statt "Fluss" und "Delfin", als letztes Kind in Deutschland, im Sonderunterricht. Vergeblich […]. Josephine wird sich endlich an die neuen Regeln halten, hofft die Schulbehörde. "Wir sehen das ganz gelassen", sagt Gabriele Ahrens. Sie erwartet, dass ihre Tochter auch am Gymnasium schreibt wie bisher. "Spätestens 2005 ist die Reform sowieso rückgängig gemacht." […] Warum schreibt sie dann nicht wie alle anderen? Die Zwölfjährige schweigt, sucht nach Worten für etwas, das immer selbstverständlich war: "Sieht halt doof aus", sagt sie. "ß kann ich viel schneller schreiben als ss!"
Klagen gegen die Rechtschreibreform. Aus der Urteilsbegründung. die tageszeitung, , nr. 6536, s. 5, Themen des Tages
"Angesichts der […] weiten Verbreitung der geänderten Rechtschreibregeln infolge des Zeitablaufs seit 1996 erscheint es vielmehr zunehmend fraglich, ob tatsächlich auch derzeit noch die Rede davon sein kann, der Unterricht auf der Grundlage der Rechtschreibreform beeinträchtige die Schüler darin, sich im Berufsleben zu behaupten. […]"
: Revolte und Melancholie, Zum 70. Geburtstag des Autors, Redakteurs und Verlegers Fritz J. Raddatz. Die Zeit, , nr. 36, 56. jg., s. 30, Feuilleton
So hatte er im vergangenen Dezember die höchst vernünftige Idee, einmal darzustellen, dass zwar nach wie vor heftig um die Reform der Rechtschreibung gekämpft werde, dass aber währenddessen in unseren Medien die schlichte Richtigschreibung verloren gehe.

29. 8. 2001

: Speerspitze gegen die Rechtschreibung. Noch regen sich die Gegner der reformierten Orthografie. St. Galler Tagblatt, , nr. 200, s. 17, Wissen
Ein Merkmal der Reform ist nun, dass viele ihrer Regeln gar nicht die Rechtschreibung betreffen, sondern die Wortbedeutung und Wortbildung. Wer verlangt, man müsse den Ausdruck vor Langerweile als vor langer Weile schreiben, wohlüberlegt als wohl überlegt, greulich als gräulich, heissersehnt als heiss ersehnt usf., der reformiert nicht die Rechtschreibung, sondern ändert oder verdunkelt Bedeutungen.

Da mag es diskutables dabei haben (vielleicht auch vor langer Weile, das aber vor Langeweile nicht ersetzt und damit die differenzierungsmöglichkeiten nicht reduziert), aber das mass an bedeutungdifferenzierung, das die schreibung übernehmen kann und muss, ist nicht durch ein naturgesetz vorgegeben.

: Gegenreformator der Rechtschreibung. «Absonderliche Kommaregeln», Leserbrief von Theodor Ickler, SN vom 11. August. Schaffhauser Nachrichten, , nr. 199, 139. jg., s. 2, Meinungen, Leserbriefe
[…] Leserbriefschreiber Theodor Ickler […] ist Sprachwissenschaftler an der Universität Erlangen und kämpft seit fünf Jahren gegen die Rechtschreibreform. Das bedeutet für ihn nicht etwa die Rückkehr zur früheren Schreibung, sondern die Entscheidung für die selbstentwickelte «Ickler-Orthographie».
: Das Streiflicht. Süddeutsche Zeitung, , s. 1, Nachrichten
Mit ihrer Debatte um die Frage, ob das Wort „neu“ in der eben erfundenen „Neuen sozialen Marktwirtschaft“ groß oder klein zu schreiben sei, haben CDU und CSU die Erinnerung an eine Story aus der Frühzeit der Rechtschreibreform wachgerufen. Damals trugen die Reformer sich angeblich mit dem Gedanken, den Heiligen Vater künftig mit kleinem „h“ schreiben zu lassen. Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair, papsttreu wie kein Zweiter, soll sich damals sehr erregt und seine Zustimmung zur Reform davon abhängig gemacht haben, dass es beim „H“ blieb. Die Sache ist nicht ohne hintergründige Komik, weil das klein geschriebene „heilig“ ja essentiell und somit wesentlich stärker ist als das groß geschriebene. Mit seinem Einspruch hätte Zehetmair demnach nichts anderes angedeutet, als dass der Papst keineswegs wirklich heilig ist […] Man ist heute auf dem halbwegs gesicherten Niveau, dass die Leute das Schwarze Brett groß schreiben, weil es schließlich nicht wirklich schwarz ist. Beim blauen Brief würden sie es gern ebenso machen, dürfen aber nicht, obwohl der noch weniger blau ist als das Schwarze Brett schwarz, sondern weiß […].
: Der Voice-Carrier. Lesezirkel. Süddeutsche Zeitung, , s. 17, Feuilleton
Dennoch sei […] von einer Todesanzeige Kenntnis gegeben, die […] dem großen Mediziner Professor Dr. Karl Vossschulte galt. Das Ungewöhnlich daran war der Umstand, dass der Name sowohl beim Verstorbenen als auch bei drei Hinterbliebenen als „Vossschulte“ geschrieben war, bei einem Trauernden hingegen als „Voßschulte“. Leicht könnten Gegner der Rechtschreibreform sagen, dass der orthographische Riss nun schon mitten durch die Familien gehe, und daraus neue Schlüsse auf das generell Fluchwürdige des ganzen Projekts ziehen. […] Eine spezielle Sorte von Bildtexten sind die, mit denen in den Boulevardblättern die mehr oder minder scharfen Pin-up-Fotos garniert werden. […] Schließlich der abgenagteste Kalauer, diesmal gefunden bei einem Bild von Tanja Szewczenko, einem Porträt wohlgemerkt, freilich mit einem Papagei auf Tanjas Kopf: „Besonders ist Tanja gut zu Vögeln.“ Wie da der Biertisch lacht!

Das mit den vögeln wäre eigentlich nur ein witz, wenn wir die substantivkleinschreibung hätten.

Berichtigung. die tageszeitung, , nr. 6535, s. 13, Kultur
Besonders freuen wir uns immer wieder über drei Buchstaben im Wort, wo doch früher der dritte unverdientermaßen unter den Tisch fallen sollte. […] Noch toller wäre Brennnesssel. Warum aber in der gestrigen Ausgabe von einem bekannnten Schauspieler zu lesen war, wissen wir nicht.

28. 8. 2001

: Wie groß darf Neues geschrieben werden? Der Streit um ein „n“ oder „N“ ist nicht nur für die Marktwirtschaft von Belang; auch in der Kunst trennen Versalien ästhetische Ideologien. Bremer Nachrichten, , Kultur
Ist das Wirtschaftskonzept der CDU also eine a) „Neue Soziale Marktwirtschaft“ oder b) „neue Soziale Marktwirtschaft“? […] Intellektueller Hochmut über bornierte ideologische Auseinandersetzungen wäre aber verfehlt. Ähnliche Größenprobleme gibt es schließlich auch in den Sphären der Kunst; es sei nur auf das ewige und ungelöste Problem einer jeden modernen Komposition hingewiesen: Ist sie „neue Musik“ oder „Neue Musik“?
: Zum Tage. Frankenpost, , Kultur
[…] "Reclam Buch der Kunst". […] und auch der jüngsten Rechtschreibreform weiß Wetzel, aus Sicht der Kunstgeschichte, etwas Gutes nachzusagen, hat sie doch einen Zweifel behoben, indem sie dem vormaligen "Stilleben" ein drittes l zugefügt hat. Damit ist endlich klar: Die deutsche Gattungsbezeichnung für Bilder, die sich auf Blumen, Früchte und Gebrauchsgegenstände in kunstvoller Zusammenstellung beschränken, hat mit einem Stil-Leben nichts zu tun.
: Am Anfang war der Sturzflug. Am 29. August vor 50 Jahren erschien das erste deutsche Micky-Maus-Heft. Mainpost, (), Kultur
Ein halbes Jahrhundert deutsche Micky Maus: Und der Duden kann's immer noch nicht. Der schreibt Micky Maus (= Vor- und Zuname!) "Mickymaus". Trotz Rechtschreibreform.
: Sanfter Sarkasmus und krachende Komik. "Slam Poetry"-Premiere beim Innenhof-Festival: Ein Dichterwettbewerb der besonderen Art. Südkurier, , Lokales, Furtwangen
Als Vertreterin der schreibenden Zunft beschäftigte sich Nathalie Goebel — die einzige Literatin im Viererbund — mit ihrem Steckenpferd Rechtschreibreform und dem immer intensiver werdenden Einzug der Angilizismen.

25. 8. 2001

: Die heimliche Sprache. Der Reiz des Dialektes für die schriftstellerische Arbeit. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 196, s. 97, Zeitfragen
Die Deutschschweizer Dialekte sind durch keinen Luther geregelt, durch keine Académie française kodifiziert. Es gibt keinen Deutschschweizer Duden. […] Ich muss für jedes Wort eine neue Rechtschreibung erfinden.

Wird da nicht vielleicht die verbindlichkeit des dudens über- und der wert der dialektwörterbücher unterschätzt?

23. 8. 2001

: Die Rechtschreibung ist nicht irgendeine „Übereinkunft“! www.rechtschreibreform.com,
Die Auseinandersetzung um die Rechtschreibung dürfte keineswegs deshalb so hart sein, weil die Neuregelung gegen das Prinzip der Erwartungshaltung einer „lang anhaltenden Geltung der Konvention“ verstößt, sondern aus einem viel tieferen Grund: Der Mensch denkt, spricht, schreibt und handelt in Sprache, die Sprache ist seine geistige Lebenswelt, sie ist Träger von Kultur und Geschichtlichkeit — und die Schreibung ist ja nur eine andere Ausprägung als die gesprochene Sprache, nämlich die schriftliche. Darum wird die Reform abgelehnt!

Darum wehren wir uns immer noch gegen die definitive einführung der substantivgrossschreibung! Nein, im ernst: Wenn die menschen einen solchen tieferen grund gegen änderungen verspüren würden, dann würde sich ja wohl erst recht die gesprochene sprache nicht ändern. Das tut sie aber, und wie! Das ist geschichtlichkeit! Warum soll das für die schreibung nicht gelten, wo sie doch «nur eine andere Ausprägung als die gesprochene Sprache» ist? Eine rein rückwärts gewandte, also aufgehobene, geschichtlichkeit kann man bei der englischen schreibung beobachten. Und wer hat etwas davon? Niemand (Rudolf Walter Leonhardt)!

22. 8. 2001

: "Fritz, der alte Fresssack, isst Spagetti in rauen Mengen." Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 194, s. 13, Briefe an die Herausgeber
Gerade die veränderte ss/ß-Schreibung macht für jeden halbwegs gebildeten Bürger die Über­flüssigkeit und Schädlichkeit des ganzen Unter­nehmens sichtbar. […] An die Ästhetik des Lesens haben die Reformer überhaupt nicht gedacht.
: Schüler rechnen mit der Mark. Lehrbücher werden nur langsam auf den Euro umgestellt. Ostsee-Zeitung,
Wie auch bei der Rechtschreibreform bleibt die Umsetzung der aktuellen Änderungen hauptsächlich am Lehrkörper hängen.
: Sprachreform. Kommentar. Rheinpfalz Online, , Pfalz-Nachrichten, Landau
Wer die zahlreichen Gesprächsrunden des Fernsehens aufmerksam verfolgt, der wird […] eines einheitlich feststellen können: Noch ist die jüngste (schriftliche) Rechtschreib­reform nicht verdaut, da steht uns eine weitere, mündlich-optische bevor. Künftig sollen auch Satz­zeichen mitgesprochen und augenfällig kenntlich gemacht werden.
: Die Euroscheine passen nicht in jedes Portemonnaie. Nicht allein Lederwarenhersteller erwarten Absatzboom durch Einführung der neuen Gemeinschaftswährung. Stuttgarter Nachrichten, , Wirtschaft
Ein weiteres Beispiel sind Schulbücher […]. 4000 bis 40000 DM koste die Umstellung eines Titels, sagt Irina Pöcknatz vom Berliner Cornelsen Verlag. Die Kosten blieben beim Verlag, für den bei vielen Titeln nach der Rechtschreib­reform nun die zweite Umgestaltung ansteht.
: Was Hänschen nicht lernt... Schulbücher sind häufig hoffnungslos veraltet – für neue sollen Eltern in Nordrhein-Westfalen künftig offenbar noch mehr zahlen. Süddeutsche Zeitung, , Politik
Nicht nur der Zusammenbruch des Kommunismus ist bis heute in manchen Lehrwerken kein Thema und muss den Schülern oft auf Kopien „nachgereicht“ werden. Auch die neue Recht­schreibung findet in den Schul­büchern häufig keine Anwendung.

21. 8. 2001

: Was die Rechtschreibreform kostet. Jede Sprachregelung ist eine Konvention — deshalb lässt sie sich nur schwer ändern. Handelsblatt, , nr. 160, s. 6, Essay
Infolge der Rechtschreib­reform müssen die Bundesbürger wesentliche Teile ihres Humankapitals abschreiben. Die Anreize zu regelkonformen Verhalten sind bei einer Schrift­konvention gering. Wer diese nicht befolgt, gilt schlimmsten­falls als altmodisch. Staatlicher Zwang ist kein Erfolgs­garant für die Setzung neuer Konventionen. Deshalb ist auch die Rechtschreib­reform noch nicht über den Berg.

Uns ist unser humankapital wahrscheinlich bereits abhanden gekommen, so dass uns zu diesem argument schon gar nichts mehr einfällt.

17. 8. 2001

: Bei Hochdruck Quetschkanten. Zeilen aus Buchstaben: Die Historische Druckwerkstatt am Kap Arkona. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 190, s. 10, Deutschland und die Welt
Lange betreibt am Kap Arkona ein "Gutenberg-Museum zum Schauen und Arbeiten". […] Daß Lange dabei "nach dem alten bewährten Duden" aus der Zeit vor der Rechtschreib­reform arbeitet, betont er immer wieder. […] Die Liebe des Typographen gilt den Fraktur­schriften. Richtig in Fahrt kommt er, wenn er sich über das Banausentum derer aufregt, die die Fraktur als "Nazi­schrift" bezeichnen.

16. 8. 2001

Für die Emder Lehrer beginnt das Euro-Zeitalter mit Improvisation. Emder Zeitung, , Emden und Ostfriesland
"Gerade haben wir die neue Rechtschreibung hinter uns, da kommt der Euro", sagte eine Schulleiterin. […] Die deutschen Schulbuchverlage haben sich die Umstellung nach eigenen Angaben einen schlappen "vierstelligen Millionen­betrag" kosten lassen. Leider […] seien die Politiker ihrerseits nicht bereit, die neuen Bücher nun auch zu kaufen. Und so ist es eine fast logische Folge, dass eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur in den Bundes­ländern ergeben hat: "viele Schüler müssen auch 2002 noch mit der D-Mark rechnen." Die Emder Schulleiter mussten diesem Ergebnis gestern aus eigener Erfahrung beistimmen. Ein Trost bleibt ihnen: der Euro ist wenigstens eindeutiger als die neue Rechtschreib­reform mit ihren vielen Ausnahmen und Wahl­möglichkeiten. Immerhin.
: Lederbranche freut sich riesig auf den Euro. Nordwest-Zeitung, NWZ-online.de,
4000 bis 40 000 DM koste die Umstellung eines Titels, sagt Irina Pöcknatz vom Berliner Cornelsen Verlag. Die Kosten blieben beim Verlag — wie bereits bei der Rechtschreib­reform.

15. 8. 2001

: Vom Endsieg sprachen schon die Brüder Grimm. Warum Jürgen Pauls Kritik an Sebastian Haffners «Geschichte eines Deutschen» zu vorschnell war. Berliner Morgenpost, , Feuilleton
Was den «Endsieg» angeht, hätte Jürgen Paul nur in der Neufassung des Wörterbuchs der Brüder Grimm nachschlagen müssen […]. Der «Endsieg» findet sich dort zwischen «Endschlusz» — keine neue deutsche Rechtschreibung, sondern 19. Jahrhundert! — und «Endsilbe».
: Ernestinum: Fünf junge Kollegen und ein neuer Schulleiter. Schaumburger Zeitung,
Die leitende Regierungsschuldirektorin […] führte Studiendirektor Reinhold Lüthen aus Stadthagen als neuen Schulleiter am Gymnasium Ernestinum ein. […] Als positiv habe er an der Rechtschreib­reform übrigens zwei Dinge empfunden, merkte Lüthen an: Erstens sei wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt, dass Sprache etwas Lebendiges und sie damit immer im Wandel sei. Zweitens habe man endlich wieder über den „Stellenwert von Rechtschreibung“ neu nachgedacht. Die Wertung der Recht­schreibung beispiels­weise bei Einstellungs­test habe sich mit der Reform relativiert.
: Goldschatz Sprache. Neue Kronen Zeitung, , Wien
Unter dem Motto "Vereinfachung" wird Gewachsenes und Wertvolles ausgelöscht. Wir dürfen nicht herumpfuschen in der Schatzkammer unserer Sprache. Zurück zur "alten" Rechtschreibung heißt: Wir wehren uns aus Liebe zur Sprache, die unser aller Mutter ist.

14. 8. 2001

: Positive Einstellung fehlt. Erlanger Student hat den Anglizismen den Kampf angesagt. Erlanger Nachrichten, (), Lokales
In der Sprache spiegeln sich Zeitgeist, gesellschaftlicher Wandel wie auch Krisen. Neben dem Widerstand gegen Anglizismen ist zum Beispiel die Ablehnung der Rechtschreib­reform zentrales Thema in der „Sprachwelt“.
: Die verflixte Sache mit dem "tz" im Namen. Urenkel des Baumeisters und Straßen-Patrons Albert Brinzinger erhellt Hintergründe der unterschiedlichen Schreibweise. Eßlinger Zeitung, , Lokales
Der Baumeister führte bis zum Jahr 1890 wie die übrigen Familien­angehörigen der damals in Esslingen weit verbreiteten Familie Brintzinger den Namen mit "tz". Erst unter dem Einfluss der von Konrad Duden in dessen 1880 erstmals erschienenen "Vollständigen ortho­graphischen Wörterbuch der deutschen Sprache" verbreiteten "richtigen" Rechtschreibung (kein "tz" nach Konsonanten) änderte er die Schreibweise seines Familien­namens. Wohl aber, so mutmaßt sein Urenkel mit einem Augen­zwinkern, mehr aus dem Grund, sich von seinen Konkurrenten gleichen Namens im Baugeschäft (seinem älteren Halbbruder Johann Carl und seinen Vettern Carl Heinrich und Adolf Heinrich) zu unterscheiden.

13. 8. 2001

: Tendenz zur ersten Silbe. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , s. 52, Briefe an die Herausgeber
Mit Zustimmung habe ich den Leitartikel "Sprachverwirrung" von Heike Schmoll (F.A.Z. vom 31. Juli) gelesen, in dem sie den Unsinn der Rechtschreib­reform kritisiert. Aber es ist nicht nur das geschriebene, sondern auch das gesprochene Deutsch, das Tag für Tag Schaden leidet. Seit einiger Zeit unterliegt die Betonung einem Wandel.

11. 8. 2001

: Absonderliche Kommaregeln. Schaffhauser Nachrichten, , Leserbriefe
Es trifft nicht zu, dass durch die Rechtschreibreform aus 212 Dudenregeln deren 112 geworden sind.
: Der Bachmann-Preisträger Michael Lentz zu S. Fischer. Frankfurter Rundschau, , Feuilleton
Sein Klagenfurter Vortrag des elegant-sperrigen Textes muttersterben vermittelte einen lebhaften Eindruck. Der Text ist entgegen den heute wieder üblichen, zumindest hoch gehandelten eingängigen Erzähl- und Schreibweisen in Klein­schreibung gehalten […].
: Rechtschreib-Korrektur. Südwest Presse, Schwäbische Donau Zeitung, , Politik, Leitartikel
Wie sich zeigte, hat sich die Aufregung bald gelegt. […] Die Rechtschreib-Kommission, die die Folgen der Reform beobachtet, muss kräftig nachbessern. […] Diese Zeitung hat sich von Anfang an darum bemüht, ein Rechtschreib-Durcheinander zu verhindern. Unterschiedliche Schreib­weisen, wie sie die Reformer absichtlich zugelassen haben, sollen vermieden werden. Damit treffen die Printmedien eine — zum Teil unterschiedliche — Vorauswahl, was nicht im Sinne der Erfinder war.

Warum soll das nicht im sinne der erfinder sein? Und was hat die zeitung früher gemacht mit doppelformen bei aufgrund, Defätismus, Fotografie, Getto, Jacht, Rally, Telefon und formulierungen wie «gewöhnlich» und «in den meisten Fällen» in den kommaregeln?

: Mathebuch statt Harry Potter. Schulartikel dominieren die Auslagen der Geschäfte — Schulbeginn: Oft ein teurer Spaß für Eltern. Trierischer Volksfreund, , Stadt Trier
Ein Phänomen, das viele Eltern auf die Palme bringt. Mal ist es die Rechtschreib­reform, die eine Neuauflage nötig macht, mal muss der Euro als Grund herhalten: "Wir müssen unserem jüngsten Sohn ein neues Mathebuch kaufen, da in der zweiten Klasse eine Einführung in den Umgang mit Geld gemacht wird. In dem Buch unseres älteren Sohnes ist natürlich noch alles in Mark ausgewiesen", sagt eine Mutter.
: Schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen ist? Zwei Jahre nach der deutschen Rechtschreib-„Reform“ herrscht in den Zeitungen fröhliches Chaos; die Schulkinder sind die wahren „Leid tragenden“. Die Presse,
Vertieft wurde 1999 die Unsicherheit in den Zeitungshäusern dadurch, daß sich manches Blatt eigene Regeln zurechtlegte, die dann im täglichen Hausgebrauch nur mühsam durchgehalten werden konnten. Denn ein Verlag beschäftigt nicht nur Redakteure. Nein, da kommen alljährlich neue Schul­absolventen hinzu, da lebt – und zwar recht munter – eine jugendliche Lehr­redaktion, da gibt es Info-Graphiker, die ja auch Texte zu gestalten haben. Und dann hat der Verlag meistens noch eine „außerhäusige“ Werbeagentur. Die ist nicht auf die spezielle Schreibweise ihrer Kunden verpflichtet. Da kommen von auswärts Filme mit Annoncen, fix und fertige Einheitssujets – für jede Zeitung natürlich gleich. Da langen Beiträge ein, die Wissenschaftler mittels E-mail oder auf Diskette übermitteln, da sind die Leserbrief­schreiber. Und jene ausgelagerten Firmen, die unter einem gemeinsamen Dach für eine Zeitung Sonderseiten gestalten, Beilagen, Reports, die Fernsehprogramm­seiten, das Wetter usw. Schließlich die armen Damen, die Kleinanzeigen in den Computer tippen müssen.

Eine missliebige gegenwart verklärt die erinnerung. Brauchte eine (seriöse) zeitung vorher keine hausregeln für doppelformen, fremdländische namen, stilistische und typografische besonderheiten usw.? Gab es vorher redaktionelle texte, für die man keinen korrektor brauchte? Kannten inserenten und werbeagenturen die lebensweisheit «Wer zahlt, befiehlt» nicht?

10. 8. 2001

: Word und Konsorten. Textverarbeitung und RSR. www.rechtschreibreform.com,
Natürlich wissen sie [meine Studenten], daß ich keine Arbeiten in neuer Rechtschreibung annehme, und richten sich danach […].

Selbstverständlich müssen universitäten arbeiten in alter rechtschreibung in alle ewigkeit annehmen (professoren und studenten sind keine verwaltungsangestellten), und ebenso selbstverständlich wird der herr professor arbeiten in neuer rechtschreibung annehmen. Das würde er selbst dann, wenn sein lehrstuhl «für Linguistik und Deutsch in alter Orthographie» hiesse. Auf den beweis müssen wir vielleicht noch etwas warten, denn nicht alle leute sind juristisch so empfindsam wie die sendungs­bewussten reform­verweigerer. Bewiesen ist hingegen, dass es zweierlei ist, toleranz zu fordern und zu leben.

9. 8. 2001

: Das Klassenziel nicht erreicht. Die Rechtschreibreform hat zu Durcheinander statt Einheitlichkeit geführt. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 183, s. 1f, Politik
Auf diese Weise ist die Monopolstellung des Mannheimer Duden gewissermaßen auf ein Wörterbuch­kartell über­gegangen, das eine Einheitlichkeit suggeriert, die es in Wirklichkeit nicht gibt.

7. 8. 2001

: Im Rechtschreib-Dschungel. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , s. 8, Briefe an die Herausgeber
Die große Mehrheit der Lehrer kennt die Mängel und Tücken der sogenannten Rechtschreibreform und lehnt sie ab.
: Keine Sprach- oder Schreiblenker. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , s. 8, Briefe an die Herausgeber
Im Zentrum seiner Kritik steht insbesondere die Deutsche Presse-Agentur (dpa), der er immer wieder vorwirft, sie habe Druck auf die Medien ausgeübt, damit die Reform umgesetzt werde. Dies entspricht eindeutig nicht den Tatsachen.

5. 8. 2001

: Hymne der Woche. Duden-Redaktion — Von der Aufpasserinstanz zur Dokumentationsstelle für Sprachdynamik. Welt am Sonntag, , nr. 31, s. 36, Kultur
Die Anything-goes-Rechtschreibreform machte Forderungen nach einem sprachlichen Reinheitsgebot obsolet und damit auch die Aufpasserfunktion des Duden.

4. 8. 2001

: Sprache, Mensch und Maschine. Neue Luzerner Zeitung, , Kanton Luzern
Oder warum wird beispielsweise behauptet, die Gämse (früher: Gemse) stamme von Gams ab und müsse deshalb anders als bisher geschrieben werden?

Das wird nicht behauptet; die begründung ist rein synchron.

: Sprache — Ausdruck für eine Heimat im Wandel. Zofinger Tagblatt, , Aargauer Notizen
Die oft als Durchbruch der deutschen Schriftsprache zitierte Luther-Bibel hat nicht einmal in sich selbst eine einheitliche Schreibweise. So schreibt Luther abwechselnd von zweiffel, zweifel, Zweyffel oder zweiviel. Wo Luthers Bibel auf die deutsche Sprache einen ungeheuren Einfluss hatte, war bei der Gross-Schreibung der Hauptwörter, die viele Nachahmer fand, zu denen übrigens der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli nicht gehörte. Seine Bibel ist in mittelalterlicher Kleinschreibung verfasst und wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein so gedruckt.
: In allen Teilen misslungen. Vor zwei Jahren schlossen sich die deutschen Zeitungen der Rechtschreibreform an; ein Gespräch mit ihrem entschiedensten Gegner, dem Germanisten Theodor Ickler. Nürnberger Zeitung,
War die Öffentlichkeit, waren die professionellen Schreiber tatsächlich ausreichend informiert? — Ickler: […] Die Reformvorlage  von 1993 war eine ganz andere und ist auch kaum bekannt geworden. Ich erinnere daran, was die eigentlichen Ziele der Reformer jahrzehntelang waren: Kleinschreibung der Substantive, rigorose Eindeutschung der Fremdwörter, Einheitsschreibung „das“ (auch statt „dass“). Nichts davon konnte verwirklicht werden. Der Entwurf von 1994 bzw. 1996 kam sehr überraschend […]. Das alles war ein echtes Überrumpelungsmanöver.

Was hier überrumpelung heisst, wurde von uns in einem jahresbericht des BVR als schnecke gesehen (was natürlich auch nur die lasen, die es lesen wollten); auch von einer solchen kann man anscheinend überfahren werden.

3. 8. 2001

: Fußball in Königs Garten. Die Welt, , Sport
"Sommerpause. Zum Saisonauftakt der 2. Bundesliga muß der svb 03 bei Arminia Bielefeld antreten", ist die einzige, der Rechtschreibreform trotzende und längst anachronistische Mitteilung, die der Klub dem weltweiten Netz auf seiner Homepage (www.svbabelsberg03.de) anvertraut.

2. 8. 2001

: Ein U für ein Y. Schriftwechsel in Aserbaidschan von kyrillischen zu lateinischen Buchstaben. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , s. 10, Deutschland und die Welt
Ein Journalist sagt auf die Frage, warum der aserbaidschanische Schriftwechsel die Öffentlichkeit so sehr beschäftige, obwohl es doch angesichts der Wirtschaftslage und des Konflikts mit den Armeniern in Nagornyj-Karabach wichtigere Probleme gebe: "Wie würde man wohl in Deutschland darauf reagieren, wenn Gerhard Schröder den Vorschlag machte, ab morgen nur noch kyrillische Buchstaben zu verwenden?"

Ди шрифт алс золхе вэре гар нихт зо шлехт

: "Aufwändiges" Werk. Zu "Die Schlange war voll lang" vom 19. Juni. Stuttgarter Nachrichten, , nr. 176, 56. jg., s. 20, Stuttgart, Leserbriefe
Die Beschriftung und auch der umfangreiche Katalog halten sich an eine Art Reformorthographie, etwa auf dem überholten Stand von 1996.
: Große Regierende. Sprach Spiele. Die Welt, , nr. 178, s. 30, Feuilleton
Der Heilige Stuhl wackelt nicht, denn er wurde nicht reformiert — von der Rechtschreibung her. […] Ein heiliger Krieg hingegen muss sich neuerdings mit einem kleinen "h" begnügen. […] Diese Regelung ist kleinkariert wie die ganze Rechtschreibreform, aber von höchster nationaler Brisanz. […] Ist das Oberhaupt der Stadt an der Aisch "der erste" oder "der Erste" Bürgermeister? Ein unheiliger Streit ist um das große "E" entbrannt.

1. 8. 2001

Fünf Jahre Rechtschreib-Reform. swissinfo, , 11:24 uhr(556 wörter)
Das erste Dokument, das die Bundeskanzlei in neuer Rechtschreibung herausgab, war die 1.-Augustrede 1998 von Bundespräsident Cotti: Gerade 'mal ein Wort darin unterschied sich von der alten Schreibung, wie sich der zuständige Linguist Urs Albrecht erinnert. […] Auch in den Schulen […] werden die Regeln «erstaunlich gut» gehandhabt, wie Albrecht als Matura-Experte beobachtet hat. […] Der «Tages-Anzeiger» ist laut Auskunft seines Korrektors Karl Schnellmann progressiv und befolgt ausser bei der Interpunktion die neuen Regeln […]. Die Neue Zürcher Zeitung NZZ hat laut Korrektorat die Reform im Mai 2000 mit einer hauseigenen Orthografie eingeführt, die nicht nur bei Varianten, sondern oft auch bei vorgeschriebenen Neuerungen die alte Form vorzieht. Eine deutsche Untersuchung an Leserbriefen hat festgestellt, dass etwa die Hälfte der Einsender die neuen Regeln anwendet. Das NZZ-Korrektorat schätzt die Zahl in der Schweiz etwas tiefer, dasjenige des «Tagi» ist von den orthografischen Fähigkeiten der Leserschaft nicht gerade überwältigt. Die Jungen seien indes deutlich sattelfester als die Alten […].
: Viel Leid zu tragen. Zwei Jahre nach ihrer Einführung befindet sich die reformierte Presse-Orthographie in fortschreitender Auflösung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , s. 10, Die Gegenwart
Stolz präsentierte die Wochenzeitung "Die Zeit" auf der ersten Seite ihrer ersten, besonders frühzeitig umgestellten Ausgabe: "wie Recht der Ministerpräsident hatte". Eine Woche früher hätte man so etwas als Druckfehler belächelt. […] Selbst Todesanzeigen erscheinen fast durchweg in reformierter Schreibweise, wohl kaum auf Wunsch der Auftraggeber.

Das ist das ekelhafte an der zeit, dass eine woche später vieles anders ist als eine woche früher. Da kann man ja auch dem eigenen dahinscheiden nur noch mit grossen bedenken entgegenblicken.

: Und Sie so? Orthographie-Opfer unter sich: Deutschsprachige Zeitungen und die neue deutsche Rechtschreibung. junge Welt, , Feuilleton
Die FAZ fand keine Nachahmer. Es rächte sich nun, daß man ein Jahr zuvor selbst dem Konformismus gehuldigt hatte und sich ganz ausdrücklich wider besseren Wissens den Anordnungen der deutschen Unterrichtsminister gebeugt hatte.

A erlässt für B eine anordnung und C «beugt» sich ihr? Hier wird «wider besseres wissen» (akkusativ) die rechtslage vernebelt.

: Kampf gegen Willkür. Thüringer Allgemeine,
Als Duden 1911 stirbt, ist er ein berühmter Mann. Sein Wunsch nach konsequenter Kleinschreibung aller Wörter konnte sich jedoch bis heute nicht durchsetzen.