Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

nachgeführt 20. 12. 2016 , 29. 11. 2016

Aus presse und internet

31. 7. 2000

: Tagesschau. St. Galler Tagblatt,
Und Günter Kunert freut sich: «Die Sprache triumphiert über die Kultusministerbürokratie.» Wird da nicht Rechtschreibung mit Sprache verwechselt?
: Auf freiem Gedankenflug. St. Galler Tagblatt, , Kultur
Und weil neben der Rechtschreibreform und dem Verschönerungsverein seines oberösterreichischen Heimatdorfs Pichl der Eisvogel im Mittelpunkt der klugen Spracherkundungen steht, erlaubt sich Brandstetter anregende Gedankenflüge über viele Themenfelder […].
: Angerissen. Die FAZ – ein Vorbild? Badische Zeitung, , Kultur
„In Deutschland weiß keiner mehr, wie man richtig schreibt", so Thomas Steinfeld in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26. Juli 2000 über die Folgen der Rechtschreibreform. Recht hat er: In einer einzigen Kolumne bringt er es auf sieben zum Teil gravierende Fehler.
: Bulmahn: Schreibregeln keine politische Entscheidung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 175, s. 1 (217 wörter)
Bundesbildungsministerin Bulmahn (SPD) und die Kultusminister der Bundesländer lehnen eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung ab. […] Forderungen mehrerer Politiker, die Reform im Bundestag zu erörtern, lehnte die Ministerin ab. Rechtschreibregeln seien "keine politische Entscheidung".
: Kreislauf der Blamagen. Rechtschreibung ist keine Staatssache. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 175, s. 45, Feuilleton (705 wörter)
Das Ergebnis der Reform war vorauszusehen: Sie konnte nicht überzeugen, trotz allen von oben ausgeübten Drucks, trotz aller Bereitschaft zu voraus­eilendem Gehorsam, die in Deutschland offenbar so leicht nicht auszurotten ist. Zu vieles an den neuen Regeln ist unsinnig, wider­sprüchlich, unverständlich oder verletzt das Auge; zu vieles unpraktisch. Auch ds Aufkeimen verschiedener Haus­orthographien war voraus­zusehen. Das ständige Nebeneinander von alter und neuer Schreibung muß Verwirrung stiften (ohne daß mit der neuen viel gewonnen wäre). In dieser Lage ist der Beschluß der F.A.Z., zur alten Schreibung zurück­zukehren, ein mutiger, hochwillkommener Befreiungsschlag, und er wird auch in einem kaum vorher­sehbaren Ausmaß so empfunden.
: Trennung von Politik und Sprache. Ohne Rückzug des Staates kommt der Zank um die Rechtschreibung nicht zur Ruhe. Der Standard, , s. 24, Kommentar
Hier bereitet die Staatsschule die Kinder nicht mehr auf die gesellschaftliche, also auch sprachliche Wirklichkeit vor, sondern sie nimmt mittels der Schule selbst Einfluss auf diese Wirklichkeit. […] Denn die Lehre der Rechtschreibreform 1998/2005 ist doch offenkundig: Es wird von der Öffentlichkeit nicht mehr toleriert, wenn der Staat auf dem Gebiet der Kommunikationsweise sein Panier aufpflanzt. Dieser Staat wäre daher gut beraten, sich schnellstens und, solange es möglich ist, geordnet aus dem Gebiet der Sprachregulierung zurückzuziehen. Gelassen möge er sehen, was der Mehrheit der Sprachbenützer beliebt. Dann würde ein orthographischer Entschluss, getroffen in einer Redaktionsstube, der Politik auch kein Wochenende mehr vermiesen.

Und wie wäre es ohne reform? Nähme die staatsschule dann keinen einfluss auf die sprachliche wirklichkeit? Wo lernen denn die kinder schreiben? Zu hause? Es geht heute wie früher um die von einem Presse-gastkolumnisten formulierte frage: «Aber wer entscheidet dann, wie Schüler und Beamte schreiben?»

29. 7. 2000

: Frankfurter Revolte. Tages-Anzeiger, , s. 2, Meinung
Neben den Sachfragen geht es in der Debatte auch um die Frage, wer das Sagen hat im Lande: die Mannheimer "Duden"-Experten oder die Frankfurter FAZ-Experten? […] Die gemeinsame Front von FAZ und der deutschen Intelligenzija ist für beide Seiten mit einem Prestigegewinn verbunden.
: Verwirrung um die Schreibreform komplett. Hans-Dietrich Genscher beschimpft die Kultusminister. Berliner Zeitung, , s. 17, Feuilleton
Gerade die Kultusminster werden vom früheren Bundes­außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) stark angegriffen. Sie seien die Verursacher des Chaos, schreibt er am Wochenende in der "Nordsee-Zeitung". Die Kultusminister­konferenz habe sich zu einer dritten, in der Verfassung nicht vorgesehenen Ebene zwischen Bund und Ländern entwickelt. Dies führe zu einer Eliminierung der Grund­elemente des Föderalismus.
: Schüler als Geiseln. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 174, s. 12, Zeitgeschehen (186 wörter)
Die Kultusminister nehmen die Schüler als Geiseln, um die Bevölkerung zu erpressen: Sie soll eine teure Reform annehmen, die, um mit Roman Herzog zu sprechen, "über­flüssig wie ein Kropf" ist.
: „Knall rote Köpfe.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber (418 wörter)
Auch deshalb abonniere ich die F.A.Z. wieder, die ich vor einem Jahr abbestellt hatte, weil ich nicht mit ansehen wollte, wie sich freie Journalisten der Macht beugen müssen. Und ich werde auch vier andere Zeitungen wieder bestellen, wenn auch sie es wagen, das Vernünftige zu tun.
: Mächtiger Verbündeter. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber (165 wörter)
[…] kann ich Ihnen nur aufs Herzlichste gratulieren, zur Rechtschreibung von vor 1999 zurückzukehren. Ihre Zeitung, die einmal einen Sprachkritiker wie Karl Korn in ihren Reihen wusste, ist zu linguistischer Führung in der Pressewelt zurückgekehrt.
: Schneise der Wahrheit. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber (175 wörter)
Als Lehrer für Deutsch, Politik und Philosophie kann ich die mutige und vernünftige Entscheidung der F.A.Z. nur begrüßen. Sie haben in das Dickicht von Irrtum, Lüge und Anmaßung auf souveräne Weise eine Schneise der Wahrheit und der Hoffnung geschlagen.
: Allgegenwärtige „alte” Rechtschreibung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber (319 wörter)
[…] Vorgeschichte der Reform. Die Verfasser wollten jahrzehntelang etwas ganz anderes: Kleinschreibung, durchgreifende Fremdworteindeutschung, Tilgung der Dehnungszeichen und schließlich die Einheitsschreibung „das” (auch für die Konjunktion). Nachdem ihnen die Kultusbürokratie alle diese Ziele aus der Hand geschlagen hatte, arbeiteten sie schnell und lieblos etwas anderes und im Wesentlichen gerade das Gegenteil ihrer Herzenswünsche aus, um nicht mit leeren Händen dazustehen. Und dieses liederliche Flickwerk verteidigen sie jetzt mit allen verbliebenen Kräften […].
: Warum das Rad zurückdrehen? Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber (440 wörter)
Als Fazit ist festzustellen, dass die Bericht­erstattung nicht zur Aufklärung der Bevölkerung beigetragen hat; sie hat vielmehr zur kompletten Verwirrung geführt, weil sich kaum ein Medium die Mühe gemacht hat, die Neu­regelungen so darzustellen, wie sie tatsächlich von der Kommission verabschiedet wurden. War das Nach­lässigkeit, oder ist hier eine Absicht zu vermuten?
: Konrad Dudens Beispiel. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber (175 wörter)
Dank der F.A.Z., dass sie als Erste die Konsequenzen gezogen haben aus den Erfahrungen mit der missratenen Rechtschreibreform. Sie üben damit Solidarität mit ihren Lesern und den allermeisten Buchverlagen, mit Lehrern, Professoren und Schriftstellern, die seit vier Jahren Widerstand leisten.
: Zur Freude des Korrektorats. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber (74 wörter)
Seit dem Fall der Mauer habe ich mich über kein öffentliches Ereignis so sehr gefreut wie über die Entscheidung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die korrekte Orthographie wieder einzuführen.
: Kapitulationserklärung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber (170 wörter)
Warum haben Sie die Reform denn vor einem Jahr übernommen? Damals wäre Protest in Form einer Verweigerung sinnvoll gewesen. Heute wirkt er kindisch.
: Dem Fortschritt widersetzt. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber (190 wörter)
Die Entscheidung Ihrer Zeitung, die Rechtschreibreform wieder rückgängig zu machen, ist grotesk.
: Aus Mangel an Hygiene. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 174, s. 41, Feuilleton
Merke: Man vergreift sich nicht an der Mutter.
: Schreibreform: Wer A sagt, muß nicht B sagen. Frankfurter Neue Presse, , Meinung
Es wäre nicht zu spät: Noch wenden 90 Prozent der Bundesbürger die alte Rechtschreibung an. Wie übrigens die meisten deutschsprachigen Schriftsteller lassen sie sich ihre Korrespondenz und Privatsprache nicht von irrsinnigen Regeln diktieren, die in Hinterzimmern ausgebrütet worden sind und erst kurz vor ihrem Inkrafttreten in der Öffentlichkeit diskutiert wurden.
neu : "Schluss mit dem Stuss." taz Bremen, , nr. 6205, s. 20, Interview
Das Thema ist wieder im Gespräch, und die Gegner der neuen Recht­schreibung wittern Morgenluft. Die mit ihrem geplanten Volks­begehren ge­scheiterte Bürger­initiative "Wir gegen die Rechtschreib­reform" sieht in der Diskussion den Anfang vom Ende der neuen Ortho­graphie. Die taz sprach mit der Sprecherin Petra Ahrens über Eltern­frust, alte Nieder­lagen und neue Hoffungen.
: Reform der Reform. Volksblatt Würzburg, , Weltspiegel, Kommentare
Recht haben all diejenigen, die nun fordern, der Bundestag müsse sich mit der Angelegenheit beschäftigen. Das hätte bereits anfangs der Rechtschreibreform geschehen müssen.
: Zurück, marsch marsch. Südwest Presse, , Politik, Glosse
Kann das deutsche Volk wirklich dulden, dass man jetzt Schifffahrt mit drei f schreibt? Nein, kann es nicht. „Nur über meine Schriftstellerleiche!", donnert der von uns hoch geschätzte Ralph Giordano. Dumm nur, dass es schon vor der Reform Wörter mit drei Konsonanten gab — Balletttruppe, Pappplakat oder Sauerstoffflasche zum Beispiel.
: «Wir brauchen eine Sprachakademie.» Denn unsere Sprache ist zu wichtig, um sie Kultusministern und ihren Experten zu überlassen. Die Welt, , nr. 175, s. 31, Feuilleton
Die Einheit der Schreibung unserer Sprache ist abhanden gekommen: Wir haben Zustände wie um 1780. […] Wir brauchen eine Sprachakademie, die gegen politische Einflüsse und gegen die Lobbyarbeit von Lehrerverbänden und Wörterbuchverlagen immun ist. Wie sollte eine solche Sprachakademie beschaffen sein? Sie sollte sich nicht auf die Regelung und Entwicklung der Rechtschreibung beschränken, sondern sich auch um die Entwicklung von Terminologien kümmern, in denen man schon heute keine vollständigen deutschen Wortschätze mehr hat. […] Die gescheiterte Rechtschreibreform sollte ein Anlass sein, über diese Alternative nachzudenken.
neu FAZ-Schwenk bei Rechtschreibreform: Jubel bei Lesern - und Schriftstellern. Die Presse, , Kultur & Medien
Günter Grass, Hans Magnus Enzens­berger, Elfriede Jelinek und andere be­grüßten die Ent­scheidung der "Frank­furter All­gemeinen", zur alten Recht­schreibung zurück­zukehren.

28. 7. 2000

: Neue deutsche Rechtschreibung. Appenzeller Zeitung (St. Galler Tagblatt), , Leserbrief
Als Sprachlehrer für Englisch und Deutsch und Inhaber eines Übersetzungsbüros konnte ich die echten Beweggründe für die Einführung einer neuen Rechtschreibung nie richtig verstehen.
: Die FAZ und die BaZ. Rechtschreibreform ff. Basler Zeitung,
Und weil uns das Leben überhaupt — inkl. Rechtschreibung — ein einziges Interpretationsproblem zu sein scheint, das nie zu lösen und schon gar nicht zu beseitigen ist, warten wir mit einiger Ungeduld auf den neuen Duden (Auslieferung 25. August). Andere warten nicht. In Deutschland, wo der Kampf zwischen Sprachbewahrern und Sprachmodernisierern Leidenschaften entbunden hat, die die europäischen Nachbarn geradezu erstarren liessen, sind die vermeintlich geräumten Vorposten an der Orthographie-Front sogleich wieder besetzt worden.

Lesenswerte glosse aus schweizerischer sicht (ganzer artikel im BaZ-archiv).

: Die Gämse bleibt eine Gämse. Neue Luzerner Zeitung, , Die andere Seite
Auch die grossen Printverlage in der Schweiz wie NZZ Verlag, TA Media AG und Ringier Verlag wollen an der Rechtschreibreform festhalten.
: Neue Rechtschreibung abschaffen? Meinungen von Lehrern zur neuen Rechtschreibereform. St. Galler Tagblatt, , Bodensee
Martin Müller, Primarlehrer Arbon: «Die Vereinfachungen sind so minim, dass der Erfolg dieser Reform ausgeblieben ist.
: Rechtschreibreform — quo vadis? Die Reformer bessern nach, die «FAZ» steigt aus. Neue Zürcher Zeitung, , nr.174, s. 54, Feuilleton
Enthusiasmierte Anrufer liessen die Telefone in der Redaktion nicht mehr stillstehen, berichtet Literaturchef Thomas Steinfeld: «Die Leute sind wie befreit.» Auf die Frage, ob die Rückkehr zur herkömmlichen Orthographie konsequent vollzogen werde, antwortet er: «Einige Modifikationen werden wir uns vorbehalten — aber das tun Sie bei der NZZ ja auch.»
: Kinderkrankheit auskuriert? Die Rechtschreibreform. Berliner Zeitung, , s. 11, Feuilleton
Nach einem Jahr friedlich-gleichgültigem Nebeneinander von alter und neuer Rechtschreibung erklärte gestern die "FAZ", ab dem 1. August wieder nach dem alten Regelwerk zu schreiben. Nachdem sich die meisten Schriftsteller (und mit ihnen viele Verlage) dem Verwaltungsakt widersetzt hatten, scheint nun das Scheitern der Reform zum Greifen nahe.
neu : Rechtschreiber. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 173, s. 12, Zeitgeschehen
Noch bevor die so genannte "Puttkamer-Ortographie" als amtliches Regel­buch erschien, lag 1880 Dudens "Voll­ständiges ortho­graphisches Wörter­buch der deutschen Sprache" vor. Dabei handelte es sich allerdings weder um ein sprach­wissenschaftlich kontrolliertes Regel­werk noch um das Dokument einer Rechtschreib­reform. Duden war ab­gleichender Sammler und Sortierer mehr als Normgeber.
: "Der Versuch, mit der neuen Ortographie zu leben, ist gescheitert." Frankfurter Neue Presse, , s. 4, Hintergrund
Auch die Mehrheit der Bürger lehnte die durch die Hintertür eingeführte Neuerung ab.
: Eine Rückkehr auf Raten. Kölner Stadt-Anzeiger, , Politik, Leitartikel
Der Kampfruf "Zurück zur alten Rechtschreibung" schallt wie Donnerhall. […] richtet die "FAZ" genau das an, was sie an der Reform kritisiert: Sie selbst gefährdet vom 1. August an Tag für Tag die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung. Sie erhöht die Mauer zwischen denen, die der Reform folgen, und denen, die sie ablehnen. Sie unternimmt damit einen eindeutig politischen Schritt, um eine Situation zu verändern, die ihr nicht passt, und sie reißt mit dieser Machtdemonstration einen Spalt in die Zeitungslandschaft, zumal absehbar ist, dass so bald kein weiteres Blatt umschwenken wird.
: Schlechtes Vorbild. Mannheimer Morgen, , Kommentare auf Seite 2
Der Konkurrenzdruck zwischen beiden konservativen überregionalen deutschen Tageszeitungen wächst. Warum sonst hätte "Die Welt" das Gerücht in ebendiese setzen sollen, die Reform werde überarbeitet, warum sonst will die FAZ Vorreiter bei der Umkehr sein als allein, um sich ins Gespräch zu bringen?
: Das Englische widersteht jeder Reform. Rechtschreibfehler werden in Großbritannien großzügig übersehen, weil die Orthografie völlig unsystematisch ist. Die Welt, , nr. 174, s. 3
Selbst Tony Blair verhaspelt sich ständig, siehe sein kürzlich bekannt gewordenes Memorandum vom 29. Ap­ril, wo er unter anderem schreibt. "We need a strategy that is almost discrete (sic)". Phonetisch geht "discrete" vollkommen in Ordnung, wie in "complete", nur leider ist es falsch geschrieben: "discreet" wäre richtig gewesen, wie in "sheet". Aber wie soll ein britischer Premierminister das bei der chaotisch unbere­chenbaren Rechtschreibung des Englischen wissen, ohne einen eigenen linguistischen Berater?
: Schreiben nach Lust und Laune. Der Duden plant Korrekturen der Reform, die FAZ kehrt zur alten Orthografie zurück: Es herrscht Verwirrung. Die Welt, , nr. 174, s. 3, Forum
Zur zentra­len Figur bei den Bemühungen um die "Herstellung größerer Einigung in der deutschen Rechtschrei­bung" wurde der Jurist Adalbert Falk. Als preußischer Kultus­minister berief er im Auftrag Bismarcks fünf Jahre nach der Reichseinigung von 1871 eine Konferenz ein […] Groben Abweichungen von der "Volkssprache" hatte […] Adalbert Falk einen ministeriell Rie­gel vorgeschoben. Es könne nicht infrage kommen, beschied er die Reform­anhänger, in den Schulunter­richt eine Orthografie einzuführen, die "außerhalb der Schule kaum oder nur beschränkte Aufnahme fände". Diese Auffassung hat im jüngsten Streit um die Rechtschreib­reform keinen Wider­hall mehr gefunden.

Doch – sie hat eine echte reform verhindert.

: Nicht gleich abschaffen. Der Streit um die Rechtschreibreform. Die Welt, , nr. 174, Forum
Pragmatisch und vernunftgesteuert statt fundamentalistisch und gefühlstrotzig kann in diesem Fall nur heißen: Perfektion des Status quo, nicht Wiederherstellung des alten Zustandes. Auf der Basis dessen, was Schulkinder seit vier Jahren lernen und worauf sich inzwischen das gesamte Verlagswesen umgestellt hat, muss man nun im Einzelnen modifizieren, statt alles komplett zu negieren.

27. 7. 2000

: Die kleine Revolution. Als erste grosse Tageszeitung kehrt die «FAZ» zur alten Rechtschreibung zurück. St. Galler Tagblatt, , nr. 174, s. 2, Aktualität
Im Feuilleton der «FAZ» wurde gestern vom Leder gezogen wie in einem Wörterbuch des Boulevards: «Bankrott, gemeingefährlich, Skandal» — gemeint ist immer die neue Rechtschreibung: «Diese Reform ist ein einziges Fiasko. […] zweifelhaft ist, ob das Beispiel der «FAZ» […] Schule machen wird und weitere grosse Zeitungen sich anschliessen und die Neuschreibung beenden werden. Somit käme dank der «FAZ» in den Dschungel der unterschiedlichen Rechtschreibungen lediglich eine weitere Orthografie hinzu — nämlich die alte.
: Clinch um Gämse und Portmonee. Neue Rechtschreibung wird nicht überall umgesetzt. Die Südostschweiz, , Region Gaster/See
Schon bevor die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» die Rückkehr zur alten Form verkündete, machte man sich auch bei der «Südostschweiz» Gedanken über Anpassungen. Gegenwärtig wird darüber diskutiert, ob die Zusammen- und Getrenntschreibung wieder nach den alten Regeln erfolgen soll.
: Was Hänschen lernte, vergisst Hans. Die Debatte über die Rechtschreibereform ist frisch lanciert. Die Südostschweiz, , Region Gaster/See
Am Dienstag teilte die FAZ mit, dass sie per 1. August zur alten Rechtschreibung zurückkehrt. […] Wenig beeindruckt von dieser Mitteilung zeigt man sich beim Kantonalen Erziehungsdepartement in St. Gallen. «Bei uns gibt es im Gegensatz zu Deutschland keinen heiligen Krieg um die Reformen. Wir gehen die Sache pragmatisch und gelassen an», sagt Felix Baumer, Leiter des Amtes für Volksschulen. […] Das gegenwärtig herrschende Nebeneinander von alter und neuer Form sieht Baumer gar als Chance: «Es ist jetzt ein günstiger Moment, in den Schulen Grammatik und Rechtschreibung zu lehren. Texte können verglichen werden, und die Kinder können darüber reden.» Die Schulen im Kanton hätten grössere Probleme zu lösen als jene der neuen Rechtschreibung, so Baumer. Wenn ein zwölfjähriger Kosovare Deutsch lernen müsse, sei es nicht wichtig, ob es «Gämse» oder «Gemse» heisse.
: Die «FAZ» kehrt zur alten Rechtschreibung zurück. Neue Zürcher Zeitung, , nr.173, s. 2, Ausland
In den kommenden Wochen werde Reuters beobachten, wie sich die Kunden, aber auch die Politiker zu Änderungen bei der reformierten Rechtschreibung äusserten.
: Rückkehr der Gemse. Die «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» kehrt zur alten Rechtschreibung zurück. Tages-Anzeiger, , 108. jg., nr. 173, s. 12, Kehrseite
Zwei Jahre nach Inkrafttreten der Rechtschreibreform kehrt mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) eine der renommiertesten deutschen Tageszeitungen zur alten Rechtschreibung zurück.

Eigentlich sind es ja 4 jahre. Oder 1 jahr nach inkrafttreten bei der presse.

: Chaos oder Vielfalt? Badische Zeitung, , Tagesspiegel
Die Erfinder der Reform wollten mit ihr vor allem dieses: mehr erlauben und nicht mehr verbieten. Warum nicht Ernst machen damit? Warum nicht neben der neuen die alte Rechtschreibung erlauben und neben der alten die neue? Man kann das finster „Chaos“ nennen […]. Man kann das aber auch begrüßen und fröhlich „Vielfalt“ dazu sagen. Die Lage wird jedenfalls nicht übersichtlicher dadurch, dass diejenigen, die laut „Chaos“-Alarm schlagen, jetzt mitten im Sommerloch beginnen, ein Chaos noch zu vergrößern, das es ohne ihren Alarm zweifellos nicht gäbe.
: Todesanzeige zum ersten Geburtstag. Berliner Zeitung, , s. 4, Politik (209 wörter)
Ihren ersten Geburtstag hätte die Rechtschreibreform dieser Tage feiern sollen - da kommt die Todesanzeige: Vom 1. 8. an wird die FAZ zur alten Rechtschreibung zurückkehren. […] Jetzt haben wir also glücklich wieder das Chaos, ja mehr Chaos als zuvor.
: Die F.A.Z. kehrt zur alten Rechtschreibung zurück. Schluß damit: Die Reform stiftet nur Verwirrung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 172, s. 1
Die neue Rechtschreibung rettet die Einheitlichkeit nicht, vielmehr zerstört sie sie.
unterm strich. die tageszeitung, , nr. 6203, s. 14
Es herrsche Verwirrung! In Deutschland! Dilettanten seien am Werk gewesen! Und: Geld habe es auch noch gekostet! Milliarden! Am besten hat uns der Schlusssatz des Kommentars gefallen: "Sie (die Rechtschreib­refom) war das dümmste und über­flüssigste Unternehmen in der deutschen Kultur­politik nach dem Zweiten Weltkrieg: ein gemein­gefährlicher Akt." Fragt sich nur, was der Zweite Weltkrieg eigentlich damit zu tun hat, außer natürlich, dass er auch dumm, über­flüssig und ein gemein­gefährlicher Akt war. Aber doch eigentlich kein Unternehmen innerhalb der deutschen Kultur­politik, oder?
: Neue Initiative gegen Schreibreform. Sprachexperten fordern "Rückbau" — "FAZ" führt alte Regeln wieder ein. Die Welt, , Feuilleton
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat eine neue Initiative zur Abschaffung der Rechtschreibreform gestartet. Es sei höchste Zeit, "mit dem Rückbau zu beginnen", heißt es in einer Resolution, die an viele Redaktionen versandt wurde und den ausdrücklichen Hinweis enthält: "Wir bitten herzlich, diesen Text nur in der Schreibung, in der er abgefaßt ist, abzudrucken."
: Rechtschreibung: Deutsche Akademie fordert Reform der Reform. Streit um Neuschreibung dauert an — FAZ kehrt zur alten Schreibweise zurück. Die Welt, , Feuilleton
Angesichts des "Drunters und Drübers", das in der neuen Rechtschreibung herrscht, hat der Weilheimer Deutschlehrer Friedrich Denk gestern gefordert, "die Rechtschreibkommission wegen erwiesener Unfähigkeit zu entlassen".
FAZ gibt neue Schreibweise wieder auf. Die Presse, , Kultur
Ab 1. August kehrt das renommierte Blatt zur alten Rechtschreibung zurück.

Die Presse, die das neue gar nie eingeführt hat, freuts natürlich. Hier ein tipp von einem, für den sprache wichtiger ist als schreibung: Es müsste heissen «Am 1. August kehrt . . .» oder «Ab 1. August gilt . . .».

26. 7. 2000

: ... und sie korrigieren sie doch. Kritiker der neuen Orthografie-Regeln fürchten jetzt weitere Ungereimtheiten. Berliner Zeitung, , s. 12, Feuilleton (323 wörter)
Auch der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, Christian Meier, äußerte sich kritisch. Einerseits wäre eine ernsthafte Reform der Reform zu begrüßen, andererseits befürchtet er die Inkonsequenz der Verantwortlichen. "Am besten wäre es, die Reform vollständig zurückzunehmen", sagte Christian Meier, "aber ich befürchte, das wird nicht geschehen, da die Autoren der Reform und die Kultusminister ihr Gesicht weiter verlieren würden." Meier hofft auf einen "Rückbau" der Reform, die er "unerträglich" findet.
: Zu dumm zum Schreiben. Kommentar. B.Z. (Berlin), , s. 5, Politik
Es handelt sich nämlich um einen Schildbürgerstreich der Sonderklasse, wenn Teile der Reform nach zwei Jahren schon wieder zurückgenommen werden müssen.
: Bankrott! Gemeingefährlich: Der Skandal der neuen Rechtschreibung. Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Milliarden hat dieser Bankrott der deutschen Rechtschreibung gekostet, sie hat viele Tausende an Arbeitsstunden gefordert, sie hat in mehreren Schüben Berge von Büchern hervorgebracht, die innerhalb von kurzer Zeit überholt waren, und sie hat nie die Unterstützung der Bevölkerung besessen. Sie war das dümmste und überflüssigste Unternehmen in der deutschen Kulturpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg: ein gemeingefährlicher Akt.

25. 7. 2000

: Zwischen Selbstmord und Stilfragen. Nachtleben eines Hotel-Rezeptionschefs – am Beispiel Atilla Kulaksizoglus im „Columbia“. Main-Spitze, Main-Rheiner, , Nachrichten aus der Region
Mister Quest, der amerikanische Stammgast, kam irritiert an die mitternächtliche Rezeption geschlendert. Er war der einzige, der in der Sauna Badehose trug. Er wollte wissen, ob er „crazy“ sei oder die anderen. […] Am Abend des „Main-Spitze“-Besuches befand er sich mit Michaela in angeregtem Geplauder über die Rechtschreibreform unter besonderer Berücksichtigung des Doppel-S.
: 300 Mark für neue Schulbücher: Second-Hand ist angesagt. Im VHS-Zentrum am Schloss geht es schon morgens um 9 Uhr los — Bis Samstag können Schüler und ihre Eltern gebrauchte Schulbücher zu Schleuderpreisen kaufen und verkaufen. Saarbrücker Zeitung, , Lokalausgabe Saarbrücken
Auch Christel Wirschheim aus Saarbrücken nutzt seit einigen Jahren die Bücherbörse. "Die Rechtschreibreform und immer neue Auflagen von Büchern machen es fast unmöglich, Schulmaterial in der Familie weiterzugeben."
: Verschwiegener Freund der Sportler. Stuttgarter Zeitung, , Sport
Der Freiburger Professor Joseph Keul ist der bekannteste Sportmediziner Deutschlands gewesen — und einer, der polarisiert. […] Im Fragebogen der "Frankfurter Allgemeinen'' gab er vor zwei Jahren Antworten, die typischer nicht sein könnten. Welche Reform er am meisten bewundere? "Die Rechtschreibreform, die keiner will.''
: Die deutschen Rechtschreibregeln werden erneut reformiert. Kommission plant tief greifende Änderungsvorschläge — Duden nimmt Teile der Reform zurück — Germanisten sehen gravierende Folgen. Die Welt, , nr. 171, s. 1
Die umstrittene Rechtschreibreform ist großen Teilen der Bevölkerung offenbar nicht vermittelbar und wird deshalb von Experten stillschweigend überarbeitet. Nach Informationen der WELT hat die Rechtschreibkommission aus negativen Erfahrungen gelernt und plant bereits tief greifende Änderungsvorschläge.
: "Auf Wiedersehen, Rechtschreibreform!" Hausorthografien ersetzen unsinnige Regeln. Die Welt, , nr. 171, s. 4, Deutschland
Insgesamt, so hat die Bonner Sprachwissenschaftlerin Maria Theresia Rolland ermittelt, werden zurzeit mindestens 23 unterschiedliche Orthografien angewandt.

Ist da unsere schon mitgezählt?

: Die "wohl durchdachte" Reform stirbt. Die Rechtschreibkommission kehrt stillschweigend zur alten Orthografie zurück. Die Welt, , nr. 171, s. 9, Forum, Essay
Es kostet nur einen Federstrich, die erzwungene Scheinblüte der ohnehin welken Neuschreibung zu beenden und wieder so zu schreiben, wie es unter gebildeten Erwachsenen üblich ist.

In der Welt ist die reform schon tausend tode gestorben.

: Rechtschreibreform auf Französisch. 3000 Romanisten streiten in Frankreich vehement um die Modernisierung der Orthografie. Die Welt, , nr. 171, s. 36, Aus aller Welt
Selbst kleinere Korrekturen pflegen den Unmut der Sprachschützer hervorzurufen, wie der Streit um die Feminisierung von Berufsbezeichnungen ("Madame la ministre") gezeigt hat. Deshalb überrascht es um so mehr, dass sich seit einer Woche rund 3000 Französischlehrer aus 108 Ländern auf ihrem Kongress in Paris die Köpfe darüber heiß reden, ob es vielleicht doch sinnvoll sei, die französische Orthografie zu "modernisieren", das heißt: zu vereinfachen.

22. 7. 2000

: Aus dem Leben und daneben gegriffen. Witzbolde, Reformignoranten und Buchstabendreher. Sächsische Zeitung, , Görlitz
Nicht einmal originale Straßenschilder überdauern alle Zeiten. […] Vor allem scheint […] das "ß" auszugehen. Selbst der persönliche Name von Heinrich Karl Otto Straßburg, 1862 geborener Erfinder der Straßburgpassage, bekommt mittlerweile per Rechtschreibreform ein Doppel-S übergebraten. Die DDR wusste schon, warum sie sich nicht auf solche Schreibkrämpfe einließ: HO-Passage schrieb jeder richtig . . .

21. 7. 2000

: Gegenüber: Simone Weiss: Motto: Der Geist kann nicht im Trockenen wohnen. Pfalz-Nachrichten, Rheinpfalz Online, , Bad Dürkheim
Das mit der verschiedenen Schreibweise des Familiennamens ist übrigens kein Versehen. Sie sei, als die Rechtschreibreform in Kraft trat, von ihrem Arbeitgeber gefragt worden, wie sie ihren Namen künftig schreiben wolle. Sie entschied sich für Weiss, im Gegensatz zum Rest der Familie, der sich weiterhin Weiß schreibt.
: So heißt's in Partenstein. Drastische Ausdrucksweisen. Volksblatt Würzburg, , Lohr
Die Mundarten besitzen ein eigenständiges Wertungssystem und unterliegen keiner Normierung und Beschränkung. Die Schriftsprache hat sich in den Amtsstuben, in den Fürstenhäusern und in der begüterten Oberschichten entwickelt. […] Durch den […] Buchdruck gewann die normierte Schriftsprache allmählich die Oberhand. Diese Entwicklung, zu der auch die neuerliche Rechtschreibreform gehört, dauert bis heute an und ist noch nicht abgeschlossen.

20. 7. 2000

: Ne me touche pas! Französisch-Lehrer tagen in Paris. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 166, s. 14, Deutschland und die Welt
Müssen die französischen Rechtschreibregeln vereinfacht werden? Diese Frage beschäftigt die annähernd 3000 Französischlehrer aus aller Welt, die zurzeit in Paris zu ihrem zehnten Kongress zusammengekommen sind. Der Präsident der „Internationalen Föderation der Französischlehrer“ (FIPF), der Belgier Alain Braun, hat die Debatte über die Notwendigkeit einer Rechtschreibreform angestoßen.
: Der geschenkte Gaul. Hannoversche Allgemeine,
Das erzählt uns die Geschichte vom "Weißen Rössl", die jetzt von der Landesbühne Hannover im Kleinen Gartentheater (vormals: Probebühne) in Herrenhausen mal wieder aufgezäumt wird. Bei der Landesbühne schreibt sich der alte Theatergaul übrigens noch "Rößl" — und ist auch sonst sehr gestrig. Denn leider verweigert sich diese Produktion nicht nur der Rechtschreibreform (wofür man noch Verständnis haben kann), sondern auch jedem Denkansatz.

17. 7. 2000

: "Anwalt der Fortschrittsverlierer." Gastredner Heinz Schemken fordert mehr "C" in Politik und Gesellschaft. Der neue Tag, Oberpfalznetz,
Der junge Mensch ohne Ausbildung von heute sei der Langzeitarbeitslose von morgen, sagte der Referent. Ihm sei es unbegreiflich, wie es zu einem Mangel an Fachkräften im Computerbereich und der Informationstechnik kommen konnte. "Das Kultusministerium befasste sich zehn Jahre lang mit der Rechtschreibreform, während andernorts längst zeitnah und bedarfsgerecht ausgebildet wurde."
: Ärger über veraltete Schulbücher. Rechtschreibreform findet nur schleppend Einlass in die Klassenzimmer. Westfälische Nachrichten, (), Hintergrund und Meinung
Ernst Husse von der Schulaufsicht beim Regierungspräsidenten Münster bittet die Eltern um Geduld: »Wir sind in der Übergangsphase« — der Gesetzgeber habe eine Umstellung bis 2005 vorgesehen. Wegen des geringen Umfangs der Reform hält er die Auswirkungen an den Schulen »für nicht so gravierend«.

15. 7. 2000

: Bizarre Jugendszene hat große Fan-Gemeinde. BR-Zündfunk-Reihe „Neues aus Frammersbach" berichtet regelmäßig über Freizeitgestaltung der „Hotter-Gang". Nürnberger Nachrichten, (), Bayern
Zu den Lieblingsbeschäftigungen gehörte es damals noch, die Wand mit möglichst flotten Sprüchen zu bekritzeln. Kostprobe: „Tagsüber penne, und nachts schlafe (en stund)". Die Rechtschreibreform kam ihnen gerade recht, denn „da koste geschreuwe wos de wellt".
: Manche haben noch immer Mühe. Die beschlossene Rechtschreibreform scheidet die schreibenden Geister. Vorarlberger Nachrichten, , Lokal
Der Ortsvorsteher der Feldkircher Fraktion Tisis, Herbert Sonderegger, findet die Rechtschreibreform gelinde gesagt "einen totalen Quatsch". […] Ganz anders sieht dies der amtierende Bezirkshauptmann von Feldkirch, Dr. Bernhard Wiederin. Er ist überzeugt, dass die Rechtschreibreform grundsätzlich positiv zu bewerten ist und sehr viele Vereinfachungen gebracht hat.

13. 7. 2000

LexiKom — Wörterbuch für den Telekommunikationsmarkt in 2. erweiterter Auflage erschienen. ots Originaltext: Dschungelführer Verlag, (ca. )
Darüber hinaus will das LexiKom seinen Lesern nicht nur bei der Erklärung, sondern auch bei einheitlichen Schreibweisen Hilfestellung leisten. Unter Berücksichtigung der Rechtschreibreform und in Anlehnung an die Schreibregeln der Nachrichtenagenturen hat die Redaktion die wichtigsten neuen Rechtschreibregeln zusammengefasst und zudem spezielle Schreibregeln für Firmennamen und Begriffe entwickelt, die nun im Buch und im Internet (www.lexikom.de) erstmals veröffentlicht werden.

8. 7. 2000

: «Einen Streik hätte ich befürwortet.» Der Teufner Primarlehrer Alfred Kern tritt nach 44jähriger Unterrichtstätigkeit in den Ruhestand. Appenzeller Zeitung (St. Galler Tagblatt), , Mittelland
Vor keine Probleme stellte ihn die neue Rechtschreibung, eine Reform, die ihm zu wenig weit ging.
: Den Kultusministern zuliebe. Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Es geht doch wirklich nicht um "Rechtschreibfrieden", sondern um die Wiederherstellung einer der deutschen Sprache angemessenen Rechtschreibung. Kein ernst zu nehmender Kritiker will ohne Wenn und Aber zu den alten Duden-Schreibungen zurück. Inzwischen liegen ein aufgeklärtes Regelwerk und ein entsprechendes Wörterbuch vor.

Nur ist das eben aus unserer sicht ein zurück zu den alten dudenschreibungen.

: Okkupierte Sprache. Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Es darf nicht sein, dass eine kleine Bürokratentruppe, verstärkt durch willige Germanisten, weiterhin die deutsche Sprache okkupiert. Auf weitere empirische Studien, wie Eisenberg sie vorschlägt, kann die Sprachgemeinschaft verzichten.
: Erstaunliche Leistung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 156, s. 49, Briefe an die Herausgeber
Ihre Leistung ist vor allem deshalb erstaunlich, weil Sie das sinnentstellende Getrenntschreiben tagtäglich und vor allem wider besseres Wissen fast ohne jeden Rückfall in die alten Regeln ertragen haben.
Hinweise und Hilfe für Besucher im Schloss. Sieben Schilder mit Informationen zur Geschichte bedeutender Gebäude und Bauteile. Isar-Donau-Wald (Zeitungsgruppe Straubinger Tagblatt / Landshuter Zeitung), ()
Unter den sieben Schildern in der Schlossanlage nimmt das am Haupttor eine Sonderstellung ein. Hier ist der Text wiedergegeben, wie er vor genau 475 Jahren in die Marmortafel über dem Tor eingraviert worden ist. Diese Inschrift ist ein Zeitdokument an dem deutlich wird, wie sehr die Rechtschreibung einem steten Wandel unterworfen ist.

5. 7. 2000

: Fundamental fehlerträchtig. Wenn aus Gulag Gulasch wird: Mit der Rechtschreibhilfe aus dem Computer kann man sein blaues Wunder erleben. Berliner Morgenpost, , Feuilleton
Verschwörungen überall. […] Es beginnt scheinbar ganz harmlos und doch in einem Kernbereich der deutschen Seele — der Rechtschreibung. (Keine Angst, wir legen nicht die alte Platte auf: die Kultusminister und die Schifffahrt mit drei f's.) Welche unsäglichen Qualen, welche unüberwindlichen Probleme sie bislang auch bereitete, mit dem Einsatz moderner Bürokommunikation schien es so, als beginne eine neue Ära ohne Demütigung durch orthographische Schwächen, denn: Fast-Monopolist Microsoft macht's möglich. Deren meist verbreitetes Software-Paket bietet ein Rechtschreibkorrektur-Programm […].

1. 7. 2000

: Fremde Federn. Korrektur der Rechtschreibreform vorbereiten - jetzt. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 150, s. 12, Zeitgeschehen
Die bisher vorliegenden punktuellen Erfahrungen reichen nicht aus, wenn das Ziel darin bestehen soll, den Rechtschreibfrieden wieder herzustellen. […] Die Ergebnisse einer empirischen Erhebung müssten dazu führen, dass im Jahr 2005 gezielt Änderungen an den amtlichen Schreibweisen vorgenommen werden. […] Und die Kritiker könnten sicher sein, dass ein Um- und Rückbau in die richtige Richtung ginge, selbst wenn er nur die größten Absurditäten beseitigte.

Oder ein weiterausbau in die richtige richtung?

30. 6. 2000

: Problem Rechtschreibreform. Zu "Wer auf den falschen Beruf setzt, verliert" vom 17. Juni. Stuttgarter Nachrichten online, , Stuttgart
Lehrstellenbewerber haben es zusätzlich schwer, weil die überall verlangten Rechtschreibkenntnisse durch die Rechtschreibreform äußerst problematisch geworden sind. Man weiß nie, wie ein Personalchef es haben will. […] Die bloße Bekundung von Unterwerfungsbereitschaft durch möglichst viele ss-Schreibungen genügt manchem, andere fühlen sich gerade dadurch abgestoßen.

Wenn rechtschreibung etwas mit unterwerfung zu tun hat, ist es in der tat problematisch.

28. 6. 2000

: Schreiben wie vorher. Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Ich hoffe sehr, dass die F.A.Z. zum August wieder umstellt auf die qualitativ höherwertige und leserfreundliche "alte" Schreibweise.

23. 6. 2000

: Hingucker. Stuttgarter Nachrichten, , Stuttgart
Ein Haus der Liebe im Bayerischen Wald, in dem ein junges Paar ungestört sein will. Denn es ist "friesch voheiratet". Der Leser Albrecht Märkisch aus Büsnau hat im Urlaub die Ehehütte mit der etwas anderen Rechtschreibung entdeckt. Das sei wohl die "Rechtschreibreform auf bayrisch", spöttelt er. […] Liebe fragt nicht nach der Orthografie. Anfangs stören kleine Fäler das Eheglick ohnehin nicht. Das kommt erst, wenn man nicht mehr so friesch voheiratet ist, gell.
berichtigung. die tageszeitung, , nr. 6174, s. 13
Das wirklich Ärgerliche an der neuen Rechtschreibung ist doch verdammt noch mal das Verschwinden jeder etymologischen Sicherheit. Weiß doch kein Mensch mehr, ob fantastisch jetzt von Fanta kommt.

21. 6. 2000

: Deutsch mangelhaft. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 142, s. 9, Briefe an die Herausgeber
Ich möchte die Kritik an der Einführung des Fremdsprachenunterrichts in der Grundschule noch schärfer formulieren. Es handelt sich um einen Schildbürgerstreich, der noch verrückter ist als die so genannte Rechtschreibreform.

20. 6. 2000

: Schaufenster. Rechtschreibung für PR-Leute. Frankfurter Rundschau,
Deutsch ist durch die Rechtschreibreform nicht einfacher geworden. […] Am Dienstag, 27. Juni, veranstaltet die Schwäbisch Hall Training GmbH ein gemeinsam mit der Dudenredaktion erarbeitetes Training für Kommunikationsfachleute […]
: Karasek schießt "Mit Kanonen auf Spatzen". Literaturkritiker und Autor liest heute im Werk II. Leipziger Volkszeitung Online, , Meldungen aus Leipzig
Frage: Beachten Sie beim Schreiben die neuen Rechtschreibregeln? Ihr langjähriger Arbeitgeber, der Spiegel, tut es ja, obwohl er das ursprünglich nicht recht wollte. Hellmuth Karasek: Ich habe schon die alte Rechtschreibreform nicht beachtet. Da man aber inzwischen alt neben neu darf, mogle ich mich durch.
: Gestickte Weltpremiere in der Markenwelt. Kurier, (), Vermischtes
Außerdem wird ein Block mit vier Marken zu 20 Franken aufgelegt und als Besonderheit: "1 Kleinbogen in edlem Rahmen, numeriert und handsigniert", so die Post (und kümmert sich nicht um die neue Rechtschreibung "nummeriert") — er kostet stolze 185 Franken (1642,36 S).

19. 6. 2000

Die Regionalsieger des Schülerwettbewerbs "Meine Welt 2020" der Berliner Morgenpost stehen fest / Preisverleihung am 21. Juni im Axel Springer Verlag. ots Originaltext: ASV,
Der 2. Preis geht an die Klasse 8b von der Katholischen Theresienschule in Weißensee. Die 13-Jährigen haben in wochenlanger Gemeinschaftsarbeit eine Zeitung vom 31. Mai 2020 erstellt: selbst geschrieben, layoutet und produziert. Wichtigste Neuerung: Im Jahr 2020 ist die Groß- und Kleinschreibung außer bei Eigennamen und Satzanfängen längst abgeschafft.

18. 6. 2000

Dach über dem Kopf, Körper auf Rädern. Kleine Zeitung, , "Österreich und die Welt"
Ab heute zeigt die 7. Architektur-Biennale von Venedig, wie Architektur auf menschliche Grundbedürfnisse reagieren kann. […] "Weniger Estetik, mehr Etik" — so liest sich das Motto in einer die Rechtschreibreform weiterführenden deutschen Übersetzung in einer 280 (!) Meter langen fantastischen Projektion zum Thema in den Seilereien des Arsenals — ist klarerweise kein monomanisches Unternehmen.

16. 6. 2000

: Grosse Kunst und Heringsfang. Das Aldeburgh Festival tritt aus dem Schatten seiner Gründer. Neue Zürcher Zeitung, , nr.138, s. 66, Feuilleton
Aldeburgh (ausgesprochen «Oldbra» gemäss der unergründlichen Flexibilität und Exzentrizität der englischen Orthographie) ist ein seltsamer Ort für ein Festival.

14. 6. 2000

: "Ganz nach dem Motto: Frisch, frech, friesisch, frei." Otto Waalkes über Hochzeitspläne und Big-Brother-Manie – Konzerte mit den "Friesenjungs" in Bayreuth und Neumarkt. Der neue Tag, Oberpfalznetz,
Bei Ihrem aktuellen Kinofilm ist mir der Titel aufgefallen. "Katastrofenfilm" mit "f" – entweder ist Otto Legastheniker oder Verächter der neuen Rechtschreibung. — Otto: Ich hab da wohl einen Fehler gemacht. Ich dachte, das wäre die neue Rechtschreibung.

Wir dachten auch schon, das sei die neue rechtschreibung. Aber dann verfügte kultusminister Zehetmair im Spiegel vom 11. 9. 1995: «Es wäre eine Katastrophe, wenn es zu Katastrofe käme.»

13. 6. 2000

: Laut und Luise auf Vers-Freiersfüßen. Frankfurter Neue Presse, , Kultur
Der frühe Tod der Mutter hatte den jungen Ernst Jandl hart getroffen. "sie starb, als ich 14 war, und dies war die erste der katastrophen, aus denen sich mein leben seither zusammensetzt", notierte der Dichter Anfang der 80er Jahre in charakteristischer Kleinschreibung.
: Die Brust schwimmt nicht mehr. Der Tagesspiegel, , Medien, Glosse
Es soll […] Kollegen geben, die alles nach alten Regeln runterschreiben und dann einfach per Computer-Befehl jedes Eszett nach kurzem Vokal in ein flottes ss ändern.

10. 6. 2000

: Experimente mit "Lechts und Rinks": Ernst Jandl gestorben. dpa,
Ausgerechnet der Autor, der Rechtschreibregeln für sich selber nicht zu kennen schien, gehörte bis zuletzt zu den vehementen Gegnern der Rechtschreibreform.
: Das fängt ja ganz schön bombig an. Frankfurter Neue Presse, , Sport
Mit welchen Erwartungen die wohl alle nach Belgien und Holland aufgebrochen sind? Der Journalist an sich ist ja von Berufs wegen neugierig und fragt sich: […] Wer hat 100 Mark darauf gesetzt, dass Deutschland Europameister wird? Wer hat schon die neue deutsche Rechtschreibung fehlerfrei intus?
: Autor des Komischen und Erschreckenden: Ernst Jandl ist tot. Die Presse online, , Kultur & Medien
Sehr kritisch äußerte er sich 1996 zur geplanten Rechtschreibreform, die er für unnötig und verfehlt hielt.

9. 6. 2000

: "Der Spiegel" strotzt vor Rechtschreibfehlern. Badische Zeitung, , Aus aller Welt
Die Rechtschreibreform hat nach Auffassung der Initiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" zu einer explosionsartigen Vervielfachung der Fehler geführt.

4. 6. 2000

: Das Chaos wächst. Die Reformer mißachten ihre eigenen Regeln. , , Kommentar
Es sind nicht nur die „alte“ (d. h. bewährte und moderne) und die „neue“ (d. h. künstlich archaisierende) Recht­schreibung, deren Neben­einander die Schüler ebenso wie die Erwachsenen verwirrt und jede Schreib­sicherheit verhindert, sondern die Reformer nehmen sich das Recht, in ihren Schriften jeweils so zu schreiben, wie sie es schon immer für richtig gehalten und nur leider nicht durch­gesetzt haben.

Ja, in unserem fall ist es die natürlich archaisierende eigennamengrossschreibung.

3. 6. 2000

: Vom Verschwinden der schönen Elbvillen. Hamburger Abendblatt, , Hamburg
Wie an manchen anderen Tagen kommt mir Siegfried Lenz, einer unserer Othmarscher Nachbarn, auf seinem Weg in die Waitzstraße entgegen, und es entspinnt sich eine kurze Diskussion am Gartenzaun. Der Schriftsteller ist eingeladen, das Wiederauftauchen der Mammut-Bohrmaschine vom Elbtunnel mitzuerleben. Eine bewundernswerte Technik — darüber sind wir uns einig und noch über ein anderes Thema: Nein, die neue Rechtschreibung machen wir nicht mit!
Eines der komplexesten Schriftsysteme. Japanische Schriftzeichen sehen für Ausländer extrem verwirrend aus. Isar-Donau-Wald (Straubinger Tagblatt / Landshuter Zeitung),
Sicher wird sich mancher fragen, wieso eine derartig komplizierte Schrift existieren kann — aber hinter dem Erhalt von Schriftsystemen steht wie in vielen anderen Ländern auch die Macht der Gewohnheit. Hat man das Lesen einmal erlernt, wird nicht mehr das einzelne Schriftzeichen betrachtet, sondern eine Sinneinheit in ihrer Gesamtheit aufgenommen. Wer immer noch nicht überzeugt ist, der braucht nur an die Diskussion, die die neue Rechtschreibung oder um die Abschaffung der Groß- und Kleinschreibung in Deutschland ausgelöst hat, denken.
: Es heißt nicht Scampis, sondern Scampi! Fremdwörterbuch und Aussprachewörterbuch des Dudens neu erschienen. Schweriner Volkszeitung, , Wochenendmagazin
Wenn außer De-skription auch noch Des-kription und sogar Desk-ription möglich sein soll, muss man am Sinn der so genannten Reform erneut zweifeln. Hätte man da die Worttrennung nicht ganz freigeben sollen?
: Was kümmert einen Prof. Augst sein Geschwätz von 1997? , , Kommentar
Es ist keineswegs richtig, daß „das Nebeneinander von alter und neuer Rechtschreibung den Schülerinnen und Schülern keinerlei Probleme bereitet“.

2. 6. 2000

: Der ss-Marsch und die Folgen. , , Kommentar
In der modernen Rechtschreibung kann man sich zwischen zwei s-Schreibweisen am Wort- bzw. Silbenende entscheiden: Zwischen s und ß. Die Endung ss gibt es nicht. In der mittelalterlichen Schreibung der selbsternannten Reformer, die in Wirklichkeit jedoch Reaktionäre sind, kommt eine weitere Variante hinzu, die ss-Endung.

1. 6. 2000

: "Faust" als Drei-Minuten-Nummer. "unterhaus": Ein musikalisch-satirisches Goethe-Programm mit der Gruppe "Liederjan". Allgemeine Zeitung, Main-Rheiner, , Nachrichten aus der Region
Und Gott, Tod und Teufel? Religion und Interpunktion sind Glaubenssache, meinte schon Goethe als früher Befürworter der Rechtschreibreform.
: Die ss-Regel macht die Rechtschreibung schwieriger. , , Kommentar
Der Wegfall einer klaren und einfachen Regel [„Am Silben- oder Wortende steht statt ss ß“] vereinfacht die Orthographie keinesfalls, wenn wie hier in Situationen, die vorher einfach entscheidbar waren, nunmehr komplizierte Einzelfall­regelungen beherrscht werden müssen.