Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

nachgeführt 27. 7. 2010

Aus presse und internet

30. 9. 1999

: Der zweite Rahmen. Großes Thema, naiv behandelt: Die "Lesbarkeit der Kunst" in der Berliner Kunstbibliothek. Berliner Zeitung, BerlinOnline, , Feuilleton
Das Dritte Reich betrieb eine wechselvolle Schriftpolitik, an deren Ende nicht nur eine Rechtschreibreform, sondern auch die Abschaffung der Fraktur geplant war.

Letzteres wurde bekanntlich nicht nur geplant, sondern durchgeführt. Bestrebungen für eine rechtschreibreform gab es, weil es in jedem jahrzehnt solche gab.

: "Horngs! Geh mer doch ham!" Bernd Regenauer als "Mensch Nützel" in Selb. Frankenpost, , Kultur
Die fränkische Sprache jedenfalls kennt er genau. Und dass die wertvoll ist, wird bestätigt durch die Rechtschreibreform. Der Franke, weiß Kabarettist Bernd Regenauer, hat die Sprache schon immer vereinfacht."
: Neue Regeln für das Land. Rechtschreibreform in Schleswig-Holsteins Verwaltung — Was machen die Kommunen? Hamburger Abendblatt, , Norddeutschland
Alle Vernunft spreche für eine einheitliche Behördenschreibweise, meint Kurt Rohde, stellvertretender Geschäftsführer des Städteverbandes. Ein abschließendes Meinungsbild der Gremien gebe es jedoch noch nicht. Er könne sich nicht vorstellen, dass es Widerstand gegen die Rechtschreibreform gebe. Die Städte seien grob auf die Umstellung vorbereitet.
US: Rechtschreibreform in der Verwaltung. Kieler Nachrichten, , Schleswig-Holstein
Ab 1. Oktober gilt die Rechtschreibreform in der schleswig-holsteinischen Verwaltung. […] Die Gemeinden, Städte und Kreise sowie Körperschaften, Stiftungen und Anstalten des öffentlichen Rechts entscheiden über den Zeitpunkt der Umstellung selbst.
: Spinnweben, Süßigkeiten. Als Flaneur unterwegs: Im Ort Abentheuer bei Birkenfeld verregnet die Phantasie. Saarbrücker Zeitung, , Kulturleben
Und dann das Ortsschild, ganz gewöhnlich gelb auf schwarz: "Abentheuer". Mit "th", der Rechtschreibreform trotzend.

28. 9. 1999

: Wenn's einem im Nachhinein Leid tut. Deutsch schriftlich. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 225, s. 68, Feuilleton
Da die gemässigte Kleinschreibung keine Aussicht auf Verwirklichung hatte, haben die Rechtschreibreformer einen andern Weg eingeschlagen, um die Schwierigkeiten in der Gross- und Kleinschreibung zu verringern: die vermehrte Grossschreibung. […] Es stellt sich die Frage, wieweit das Ziel der Erleichterung des Schreibens erreicht wurde und zu welchem Preis. […] Die Grenze zwischen sinnvoller Abstufung und blosser Spitzfindigkeit ist gewiss nicht immer leicht zu ziehen, über manches lässt sich streiten. Hingegen bringt die Reform auch Neuerungen, die indiskutabel sind, etwa die Grossschreibung bei «es tut mir Leid». Hier wurde das alte Adjektiv leid mit dem gleichlautenden Substantiv verwechselt.
: Reden ist Silber, Schreiben ist Gold. Berliner Morgenpost, , Politik
Auch angeblich so zukunftsorientierte Schriften wie das Grundwerteprogramm der SPD «Dritte Wege — Neue Mitte» strotzen vor altertümlicher Orthografie. Da werden immer noch «Erste Schlußfolgerungen» gezogen, ganz zu schweigen von unzähligen «daß», die oft auch als «dafl» daherkommen und damit wohl nur in einer bisher unbekannten Fremdsprache richtig sind.
: Lernen oder konvertieren, das ist hier die Frage. Viele elektronische Wege führen zur neuen Rechtschreibung — Deutliche Qualitätsunterschiede bei den verschiedenen Programmen. Stuttgarter Zeitung, , Wirtschaft
Wer mit den Zeitungen gleichziehen und jetzt auch nach den Regeln der neuen Rechtschreibung schreiben will, findet auf CD-Rom und im Internet vielerlei Hilfen. Den Umstieg erleichtert spezielle Software, die fertige Texte korrigiert.

25. 9. 1999

: Wie lange gilt Volkes Wille? Grüne wollen Gesetz novellieren. Kieler Nachrichten, , Schleswig-Holstein, Kiel
Fraktionsvorsitzende Irene Fröhlich präsentierte gestern erste Vorschläge zur Novellierung des Volksabstimmungsgesetzes. […] Auslöser für die Überlegungen sind fehlende Bestimmungen über die Geltungsdauer von Volksabstimmungen im Gesetz. Auf diesem Hintergrund hatte der Landtag vergangene Woche das Ergebnis des Volksentscheids gegen die Rechtschreibreform nach nur einem Jahr wieder aufgehoben. Fröhlich selbst nannte das Parlamentsvotum "höchst problematisch".

24. 9. 1999

: "Kultivierte Zeitverschwendung": Der eine kämpft für die Bibliothek, die andere fürs Freibad. Bürgerengagement im Kleinen. Der Tagesspiegel, , Berlin, Stadtleben
Sein Engagement sei "Notwehr", sagt Markner: "Irgendwann muss ich sagen: wenn du jetzt nichts dagegen tust, bist du selbst schuld." Dass Engagement nicht immer Erfolg bringt, zeigt der verlorene Kampf gegen die Rechtschreibreform, die Markner als "existenzbedrohend" empfindet. "Diesen Quatsch werde ich nicht mitmachen", kündigt Markner an - was jedoch sein zukünftiges Wirken als bewegter Bürger nicht schmälern soll. "Aber bevor ich endgültig auswandere, will ich doch noch Furore gemacht haben".
: Aus dem Reichstag. Die Welt, , Politik, Hauptstadt
Die Bundestagsverwaltung bietet sogar Schulungskurse für Beschäftigte an, "die in besonderer Weise mit der amtlichen Schriftguterstellung befaßt sind" an. Die Kurse sind dringend nötig, denn "befaßt" schreibt man inzwischen "befasst".

23. 9. 1999

: Zeit für weibliche Form. Tages-Anzeiger, , Leserforum
In vorbildlicher Weise hat der TA innert kürzester Zeit die neue deutsche Rechtschreibung eingeführt. Wie viele Jahre dürfen wir wohl noch warten, bis auch die weibliche Form durchwegs berücksichtigt wird?
: Rechtschreibung. touring, , nr. 16, s. 47, Forum (leserbriefe)
Ihr editorial hat mich sehr gefreut. Ich habe nämlich während jahren alles in der gemässigten kleinschreibung geschrieben.
: Scharfes "S" darf überleben. Straßenschilder negieren neue Rechtschreibung / Eigennamen tabu. Wormser Zeitung (Main Rheiner),
Und was tut die Stadt? Tauscht sie die Straßenschilder aus? […] "Nein, beileibe nicht", lacht Dieter Ruckpaul vom Bauamt ins Telefon der Redaktion. Die Schilder werden erst dann umgetauscht, wenn sie zu alt, unleserlich oder sonstwie nicht mehr brauchbar sind.

22. 9. 1999

: Kein Ende des Streites um die deutsche Rechtschreibreform. Verfassungsklage in Schleswig-Holstein. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 220, s. 9, Ausland
Nach einem entsprechenden Beschluss des Landtages zur Einführung der Rechtschreibreform in Schleswig-Holstein wollen die Reformgegner Verfassungsklage einlegen.
: Eilantrag gegen die Rechtschreibreform für Schleswig-Holsteins Schüler. Hamburger Abendblatt,
Der Beschluss des Landtags müsse unverzüglich außer Kraft gesetzt werden, sagte der Vorsitzende des Schleswig-Holsteinischen Elternvereins, Ulrich Kliegis. Er werde im Namen seiner beiden schulpflichtigen Kinder wohl einen Eilantrag stellen. Das Verfassungsgericht könnte dann schnell vorläufig und Jahre später endgültig entscheiden.
US: Rechtschreibung: Vater ruft Verfassungsgericht an. Kieler Nachrichten, , Schleswig Holstein
Gegner der Rechtschreibreform wollen den Landtag in einem Musterprozess verklagen. "Ich werde in der kommenden Woche beim Bundesverfassungsgericht gegen die Wiedereinführung der Neuschreibung an Schulen und die Aufhebung des Volksentscheides Klage einreichen", kündigte gestern Ulrich Kliegis als Vater von zwei neun und zehn Jahre alten Kieler Schülern an.
: Dem Föderalismus geht das Geld aus. Das Verfassungsgericht verhandelt über die Klage der Südländer gegen den Finanzausgleich. Süddeutsche Zeitung, , nr. 219, s. 4, Meinungsseite
Das öffentliche Desinteresses am Streit über die deutsche Finanzverfassung zeige den schlechten Zustand des Politikbetriebs, schrieb der Hamburger Staatsrechtler Hans Peter Bull einmal. Während über die Rechtschreibreform auf allen Fernsehkanälen gestritten werde, feilschten die Experten um die Verteilung der Steuern hinter verschlossenen Türen. Man könnte auch sagen: Die Zukunft des "ß" regt die Leute mehr auf als die des Gemeinwesens.

21. 9. 1999

: Flinke Zunge, Wortwitz und Charme. Aachener Zeitung, , Lokales
Die Premierenveranstaltung mit Christoph Brüske am Sonntagabend in der Gaststätte Philosoph in Erkelenz war ein voller Erfolg. […] Bei Brüske machte auch gleich die Rechtschreibreform wieder Sinn, nach der «Cholera» zur «Kohl-Ära» wird.
: Elektronische Rechtschreibhilfen sind neue Fehlerquellen. Viele Textverarbeitungsprogramme haben Mängel — Word wartet teilweise mit grotesken Korrekturvorschlägen auf. Stuttgarter Zeitung, , Wirtschaft
Man kann zur neuen Rechtschreibung stehen, wie man mag, sie ist nicht aufzuhalten. Für die tägliche Arbeit am PC gibt es viele elektronische Helfer. […] Beinahe jedes Unternehmen und jede Zeitung und Zeitschrift interpretiere die neuen Regeln auf eine eigene, individuelle Art und wolle dann, dass ihr Textprogramm dies auch unterstütze. Solange dieser Zustand anhalte, sei man bei den Herstellern verständlicherweise sehr vorsichtig mit aufwendigen Umbauten an komplexen Computerprogrammen.
: Die rechtschreibreformierte Rossau. Unterausschuss: Neue Rechtschreibung bei neuen Straßen. Der Standard, , s. 11, Chronik
Bestehende Namen werden nicht geändert, da dies mit unglaublichem Aufwand verbunden wäre. Aber für Neubenennungen ist dies interessant. Und so einigte sich der Wiener "Unterausschuss für Verkehrsflächen-Benennung" […] darauf, dass bei Neubenennungen grundsätzlich die neue Rechtschreibung anzuwenden ist.

20. 9. 1999

: Schloßstraße oder Schlossstraße? Fuldaer Zeitung, , Lokales
Auch die Gemeinde Sinntal ist betroffen: Doch Bürgermeister Johann Heberling sieht es ganz gelassen. Die Straßenschilder "Im Schloss" in Altengronau und "Schlossgasse" in Schwarzenfels "werden erst ausgetauscht, wenn sie kaputt sind".
: Euer Wille ist uns sch...egal. Kieler Landtag kassiert Volksentscheid zur Rechtschreibung. die tageszeitung, , nr. 5943, s. 10, Kommentar
Der Landtag war so schnell wie selten. […] Es war, ganz einfach, sehr unappetittlich, was der Landtag da hinter sich zu bringen hatte: Die Volksvertreter waren gekommen, einen Beschluss derjenigen zurückzunehmen, die ihre Auftraggeber sind.
In Kürze. Die Presse, , Kultur/Medien
In der Erklärung des Staatspräsidenten Johannes Rau zur demokratischen Kultur werden die neuen Regeln mißachtet.

18. 9. 1999

: Der Weg ist frei. Landtag änderte Schulgesetz — Erlass der Bildungsministerin — Neue Regeln für alle Schüler vom 1. November an. Hamburger Abendblatt, , Norddeutschland
Es war, als ob sie über eine Nebensächlichkeit abstimmten. Ohne Aussprache, in nicht einmal fünf Minuten, haben die Abgeordneten des schleswig-holsteinischen Landtages am Freitag einstimmig die Einführung der neuen Rechtschreibung an den Schulen des Landes beschlossen.
: Bürgerwille ignoriert. Neue Rechtschreibung; Kieler Landtag kippt Volksentscheid. Hamburger Morgenpost Online,
Für die 400.000 schleswig-holsteinischen Schüler bedeutet das, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres umlernen zu müssen: Vor dem Volksentscheid, der sie zum Rückschwenk auf die alte Rechtschreibung zwang, hatten sie bereits Unterricht nach den neuen Orthografieregeln erhalten.
: Kuß und Schluß. Heidenheimer Zeitung, , Kultur in Stadt und Kreis
[…] damit wir bis zum Tage der Reform der Reform alle schön in Übung bleiben — erscheint Hoppla, solange uns noch Hopplas einfallen, ab sofort — und das ist neu — in alter Rechtschreibung. Und damit Schluß.
: "Stimmt so", Herr Priol. Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung, , Kultur
Stimmt so, Herr Priol, die "Kwittung bitte" und das Trinkgeld ist für Sie. Ihre ätzenden Scharfdenkereien und Rundumschläge sind angekommen bei den Hilpoltsteinern. […] Rechtschreibreform, deutsche Einheit und "Broiler-Tundra DDR", die Ossis, die PDS, alte und neue Feindbilder, Piercing, Talkshows, Karrierefrauen, der Handy-Fetischismus, Erotik-Chatten am PC, Korruption beim BRK – das sind Themen, die Urban Priol unter den Nägeln brennen.
: Auch Kiel führt neue Rechtschreibung ein. Stuttgarter Zeitung, , Politik
Politiker aller Parteien begründeten den Beschluss mit der "Insellage" des Bundeslandes bei der Rechtschreibung und mit Nachteilen für die 400000 Schüler bei der Berufssuche.
: Land unter. Neues Schreiben auch im Norden. Stuttgarter Zeitung, , s. 37, Kultur, Glosse
Tröstlich nur, dass sich die Realität zumeist als stärker erweist denn die Apokalyptiker. Exakt dies dürfte die Kieler Politik beflügelt haben, dem nördlichen Sonderweg ein Ende zu setzen. Schade eigentlich, genießen Außenseiter doch einen berechtigten Sympathiebonus, weil sie ein bisschen Farbe ins Leben bringen. Nur, wer mag schon die Kinder, die nichts dafür können, gerne im Abseits sehen. Da gibt es wohl doch schönere Inseln...
: Zeilen an die Zukunft. Die Stadt Rottweil sammelt Briefe, die 2099 zugestellt werden. Süddeutsche Zeitung, , Vermischtes
Vom Millennium-Fieber eher in einer nachdenklichen Art gepackt, hat sich der Kulturamtsleiter des Schwarzwaldstädtchens zur Jahrtausendwende ein ganz besonderes Projekt ausgedacht: Johannes Rühl sammelt bis zum 31. Dezember Briefe aus aller Welt, die an Silvester in einem überdimensionalen Würfel aus Edelstahl verstaut werden. […] Die Briefe sollen persönlich adressiert sein, an die Nachkommen, an die Eigentümer des bewohnten Hauses, an die Bundesregierung oder die Besitzer des Verlags, wie es ein Mitinitiator der Bewegung gegen die Rechtschreibreform tat.
: Yves Eigenrauch, 28, geschmeichelter Gast-Kolumnist. Interview der Woche. Süddeutsche Zeitung, , Sport
Sie schreiben durchgängig klein, das wirkt aufsässig und revolutionär. — Das ist irgendwann mal entstanden, weil mir das müßig erschien, von der Rechtschreibung her, groß und klein zu unterscheiden. Leserlich ist es so oder so, und vom Schriftbild her finde ich es ästhetischer. Abgesehen davon, basiert das vielleicht auch auf einer Schwäche im Deutschsprachigen. Das ist nicht der hellste Punkt in meinem Leben, war schon in der Schule so. — Man hätte Kritik an der Halbherzigkeit der Rechtschreibreform vermuten können . . . — Nein, bestimmt nicht. Obwohl ich hinter der Rechtschreibreform nie einen bestimmten Sinn hab’ erkennen können.
: Aus für "Rechtschreibinsel": Landtag kippt Volksentscheid. Gegner kündigten nach der Entscheidung weitere Klage an. Die Welt, regionalausgabe Hamburg, , Norddeutschland
Einstimmig hat sich der schleswig-holsteinische Landtag über den Volksentscheid vom 27. September letzten Jahres hinweggesetzt.
: Wirrwarr beendet — Doch ein schlechtes Gefühl bleibt. Die Welt, regionalausgabe Hamburg, , Hansestadt Hamburg, Kommentar
Lohnt es sich wirklich, um diese von einer deutsch-österreichisch-schweizerischen Germanistenkommission für den deutschen Sprachraum ausgearbeitete Minimalreform einen derart verbissenen Glaubenskrieg zu führen.
: Auch in Kiel lernt man nun "dass". Landtag hat Volksentscheid zur Rechtschreibreform gekippt. taz Hamburg, , nr. 5942, s. 24
Die Initiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" protestierte gestern gegen die Entscheidung des Landtages. […] Schleswig-Holstein sei bisher "die einzige noch verbliebene feste Insel der Vernunft, während die anderen Bundesländer derzeit im Sumpf der Unsicherheit versinken".

17. 9. 1999

: Rechtschreibreform — auf Abwegen zum Ziel? I. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 216, s. 83, Briefe an die NZZ
Deshalb freut es mich ausserordentlich, dass wenigstens eine deutschsprachige Zeitung von internationalem Rang den ganzen Unsinn nicht mitmacht. […] die Reform verdankt ihren Erfolg […] unter anderem auch einem haarsträubenden Propagandamärchen, einer geradezu unverfrorenen Irreführung der Öffentlichkeit: die Zahl der Rechtschreibfehler gehe deutlich zurück.
: Rechtschreibreform — auf Abwegen zum Ziel? II. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 216, s. 83, Briefe an die NZZ
[…] ich schätze es sehr, dass sie [die NZZ] eine kritische Position bezogen hat und die Neuerungen selektiv übernimmt […]
: Rechtschreibreform — auf Abwegen zum Ziel? III. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 216, s. 83, Briefe an die NZZ
Das wirklich Klärende und Sinnvolle der laufenden Reform steht meines Erachtens in keinem Verhältnis zur provozierten, aber «legalisierten» neuen Unsicherheit, Mehrspurigkeit und Unlogik, die fortan unsere «Recht»schreibung kennzeichnen.
Rechtschreibreform — auf Abwegen zum Ziel? IV. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 216, s. 83, Briefe an die NZZ
Ich bin sicher, dass die Stellungnahme der NZZ auch viele Befürworter der «Reform» zum Nachdenken veranlasst!

Gewiss, und auch zum schreiben, aber leider zieht die NZZ andere vor, auch solche mit einem in Deutschland gebräuchlichen und in der Schweiz ungebräuchlichen ton.

: «Der Computer nimmt den Kindern die Orthografie ab.» Psychologe Allan Guggenbühl über Computer im Klassenzimmer. Cash, , nr. 37, sondernummer zur Orbit, Z14, KINDERSoftware
«Des Teufels sind Computerspiele für Kinder nicht» — ganz im Gegenteil: Der Psychologe und Buchautor Allan Guggenbühl ist überzeugt, dass der Computer in den Kinder- und Klassenzimmern noch mehr an Bedeutung gewinnen wird.
: Landtag ist für den Bau der A 241. ... und gegen einen Stopp der Rechtschreibreform in Mecklenburg-Vorpommern. Hamburger Abendblatt, , Norddeutschland
Ebenfalls gestern beschäftigte sich der Landtag mit der Volksinitiative "Wir stoppen die Rechtschreibreform". […] Bildungsminister Peter Kauffold (SPD) sprach sich gegen einen Stopp aus. […] Der Antrag wurde in die Ausschüsse überwiesen.
: Verwirrung an Schulen ist komplett. Nach den Herbstferien soll wieder nach der neuen Schreibweise unterrichtet werden. Kieler Nachrichten, , Kiel
Keinen Streit darf es nach Ansicht von Schulrat Klaus Guttenberger aber darüber geben, was in der Übergangszeit zwischen Gesetzes­beschluss und Umsetzungserlass des Kultus­ministeriums (vor­aussichtlich am 1. November) in Kieler Klassen­zimmern gilt: die alte Schreibweise. […] Die Rechts- und die Erlasslage sind die eine Seite der Medaille, die Wirklichkeit eine andere.
: Wismar-Autobahn bis 2005 fertig. Landtag stimmt Volksinitiative für A 241 zu / Heftige Debatte um Prechtel. Schweriner Volkszeitung, , Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern
Mit Skepsis reagierten die Abgeordneten aller Parteien dagegen auf eine zweite Volksinitiative, die die Rechtschreibreform stoppen will. […] Die bildungspolitische Sprecherin der CDU, Steffi Schnoor, meinte, die Rechtschreibreform sei zwar absolut überflüssig. Das Land müsse sich aber der bundeseinheitlichen Regelung anschließen.
: Oktoberfest im Internet. Mit dem Duden ins Bierzelt — Wie sag' ich richtig? — "Maß" oder "Mass". Der Tagesspiegel, , Aktuell, Kultur, Debatte
Die verfehlte Rechtschreibänderung macht sich somit mitschuldig am Unglück vieler Nicht-Bayern auf dem Oktoberfest. Wer nämlich zur Bedienung "ein Maß" statt "eine Mass" sagt (auch das Geschlecht ist zu beachten), wird nicht selten von der routinierten Bierfrau übersehen.

16. 9. 1999

: Buchtipps. Benjamin und das Minimum. Frankfurter Neue Presse, , Kultur
Die Ausgabe der Briefe Walter Benjamins schreitet rüstig voran. […] Aber die neue deutsche Rechtschreibung hat er vorweg genommen, wenn er von Kafka sagt, "dass jede Art von Überwindung des Nichts ihm ein Gräuel (!) gewesen wäre".
: Parlament hebt Volksentscheid auf — mit Skrupeln. Hamburger Abendblatt, , Norddeutschland
Mit schlechtem Gewissen und guten Gründen hat der schleswig-holsteinische Landtag die Korrektur des Volksentscheides gegen die Rechtschreibreform eingeläutet. […] Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) brachte das Dilemma auf den Punkt: "Wie die Volksvertretung mit dem Volkswillen umgeht, das ist mehr als ein Wermutstropfen. Da braucht man schon sehr gute Gründe. Für mich liegen sie allein im Wohl unserer Kinder."

15. 9. 1999

: Kiel korrigiert Volksentscheid. Rechtschreib-Reform per Schulgesetz / Gegner wollen klagen. Frankfurter Rundschau, , Nachrichten Inland
Zwar ist die Union nach den Worten ihres Fraktionsvorsitzenden Martin Kayenburg nach wie der Ansicht, die Reform sei missglückt. Doch die Schulen gerieten so auf eine unhaltbare "Insellage", zumal die Behörden und Zeitungen des Landes die neuen Schreibregeln anwendeten. […] Der Zeitplan des Parlaments sieht vor, dass die Novelle am heutigen Mittwoch in erster Lesung eingebracht und dann bereits am Freitag verabschiedet wird. Von Montag, 1. November an, könnte die neue Rechtschreibung auch im nördlichsten Bundesland auf dem Stundenplan stehen.
"Alle Schüler schreiben gleich." Ausstellung zur Geschichte der deutschen Rechtschreibung. Fränkischer Tag, , Blickpunkt Franken
Der Gymnasiallehrer Konrad Duden klagte 1869: "Nicht zwei Lehrer derselben Schule waren in allen Stücken über die Rechtschreibung einig, und eine Autorität, die man hätte anrufen können, gab es nicht." Dudens Ziel, "alle Schüler schreiben gleich", gab der Ausstellung in der Erlanger Universitätsbibliothek den Titel.
: Die Lehrer sind völlig verunsichert. Hamburger Abendblatt,
Schulleiter und Lehrer hoffen auf eine schnelle Lösung. Die aktuelle Situation widerspricht nach Ansicht vieler Lehrer jeglicher Vernunft. […] Immerhin sei der Erlass so liberal, sagt der Leiter der Bertolt-Brecht-Schule in Büdelsdorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde), Uwe Löptien, dass trotz der Priorität für die alte Schreibung die neue problemlos mit angeführt werden könne.
: Die Gegner greifen das Parlament an. Hamburger Abendblatt,
Doch die Reformgegner mobilisieren. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Rechtschreibung, sondern um Demokratieverständnis. Eine Klageschrift für das Bundesverfassungsgericht wird vorbereitet. Neue Volksinitiativen werden nicht ausgeschlossen.
: Politisches Unbehagen bei Umgang mit Volkes Wille. Rückkehr zur Rechtschreibreform beschlossene Sache. Kieler Nachrichten, , Schleswig-Holstein
Der Landtag will den erst knapp ein Jahr alten Volksentscheid zum Stopp der Reform am Freitag aufheben. […] Dennoch haben alle Landtagsfraktionen erhebliche "politische Bauchschmerzen" bei ihrem Umgang mit Volkes Wille. Denn immerhin wird nun der bisher erste und einzige erfolgreiche Volksentscheid nach kurzer Dauer wieder kassiert.
: Was gilt Volkes Wille? Kieler Nachrichten, , Schleswig-Holstein, Kommentar
Auch die Behauptung, nun gebe es immerhin wieder eine gemeinsame Rechtschreibung in der Republik, ist eine Mär. Die Schüler schreiben anders als die Zeitungen, die einige Ungereimtheiten bekanntlich nicht mitmachen. […] Vor allem aber stehen die Parlamentarier vor einem Glaubwürdigkeitsproblem.
: Gegen die Rechtschreibreform gestimmt. Interview mit Andi & Rötger "Brösel" Feldmann. Nordkurier-Online, , Kultur; Leinwand, Video & TV
Wie haben Sie bei der Abstimmung über die Rechtschreibreform gestimmt? R: Ich glaube, ich habe dagegen gestimmt. […] Wir haben schon immer so geschrieben, wie wir sprechen […] So schreibe ich auch in Briefen: "Wir warn im Hamburch und ham tüchtich ein gehabt..."
: Volksentscheid korrigiert. Schleswig-Holstein setzt Rechtschreibreform um. Stuttgarter Zeitung, , Politik
Der Zeitplan des Parlaments sieht vor, dass die Novelle heute in erster Lesung eingebracht und am Freitag verabschiedet wird. Vom 1. November an könnte die neue Rechtschreibung auch im nördlichsten Bundesland auf dem Stundenplan stehen.
: Brezel, orthografisch. Stuttgarter Nachrichte, , Stuttgart
Mit der neuen Rechtschreibung aber kam die Stunde der Vergewisserung: Was macht der Duden? Dieses macht er. "Bretzel, die; (schweiz. für ein Waffelgebäck). Brezel, die; österr. auch das. Brezen, die (bayr.)." Herr K. schrieb an die Sprachberatungsstelle der Dudenredaktion in Mannheim. […] "Ist die Annahme falsch, die Bretzel (ahd.) sei süddeutschen Ursprungs und ihr ‚e‘ müsste kurz gesprochen werden, was ein tz voraussetzt?" […] Die Sprachberatung blieb leider weitgehend sprachlos. […] Und jetzt kommt Leibniz ins Spiel. Herr K. wohnt nämlich in der nach dem Philosophen benannten Straße. Und wie schreiben die Sprachberater die Anschrift? Leibnitzstraße.
: Ich frag' ja nur. Volksblatt Würzburg, , Bad Neustadt
Selbst eingeschlossen in den Metallkäfig ihrer Autos, sind sie ununterbrochen bemüht, ihren Mitmenschen Kunde von ihrer augenblicklichen oder auch permanenten Befindlichkeit zu übermitteln. […] Weil aber viele meistens mit dem Handy beim Fahren beschäftigt sind und nun wirklich keine Hand mehr zum Vogelzeigen frei haben, kleben sie die wichtigsten Botschaften ans Heck ihres Heims auf Rädern. […] Den Vogel allerdings hat ein jugendlicher Rennfahrer mit seinem alten, aufgeblasenen Polo abgeschossen. Er hat groß quer über die Heckscheibe geschrieben: Ich bin Schuld. Ob das eine Folge der Rechtschreibreform ist, oder ob der junge Mann nicht zwischen Substantiv und Adverb unterscheiden kann, oder ob er kundtun wollte, dass er sein Auto noch nicht bezahlt hat, das weiß ich natürlich nicht.

14. 9. 1999

: Landtag hebt Volksentscheid wieder auf. Rechtschreibreform an Schleswig-Holsteins Schulen — Bekenntnis zu direkter Demokratie. Hamburger Abendblatt, , Norddeutschland
Der Innen- und Rechtsausschuss des Landtages will in den nächsten Wochen klären, wie und wann die direkte Demokratie reformiert wird. […] Das Parlament kann theoretisch den Volkswillen schon nach einigen Tagen mit einfacher Mehrheit korrigieren. […] Der neue Erlass soll nach den Herbstferien greifen. Vom Montag, dem 1. November, an ist die neue Rechtschreibung dann auf dem Stundenplan.
: Unausgegoren. Volksentscheid wird aufgehoben. Hamburger Abendblatt, , Norddeutschland, Kommentar
Das Beispiel Rechtschreibreform zeigt, wie unausgegoren die Volksgesetzgebung ist. […] Der Volksentscheid zielte an seinem eigentlichen Thema vorbei und traf die Falschen. […] Ein landesweiter Volksentscheid kann nur in die Landesgesetzgebung eingreifen. So musste Schleswig-Holsteins Schulgesetz als Vehikel dafür herhalten, gegen die Rechtschreibreform ins Feld zu ziehen. Im Ergebnis waren die Schülerinnen und Schüler die Leidtragenden.
: Volksinitiative gegen Rechtschreibreform. Kritik von Politikern und Verbänden. Schweriner Volkszeitung online, , Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern
Die Volksinitiative "Wir stoppen die Rechtschreibreform" hatte rund 18000 gültige Unterschriften gesammelt, um ihr Anliegen vor das Parlament zu bringen. […] Die Initiative, die eine Rückkehr zur bisherigen Orthografie fordert, hat außerdem ein Volksbegehren angekündigt. "Wir wollen uns nicht auf das Votum des Landtags verlassen", sagte Sigrun Poschenrieder von den Reformgegnern. Mit dem Volksbegehren soll ein Volksentscheid erreicht werden.
: Wenn einem die deutsche Schrift spanisch vorkommt. Serie Zeitgenossen — heute: Karl Schöner schreibt nur Sütterlin. Volksblatt Würzburg, , Würzburg-Land
Aber noch einen ganz anderen Vorteil hat diese Schreibart für Schöner, "denn in Deutsch funktioniert die Rechtschreibreform nicht", freut sich der 71-Jährige.

13. 9. 1999

: Reform der Reform. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 212, s. 10, Briefe an die Herausgeber
Die großen Zeitungen hätten zum Sprecher der leider allzu schweigenden Mehrheit in Deutschland werden können, wenn sie ihre Entscheidung zumindest bis zum Ende der Übergangszeit im Jahre 2005 hinausgezögert und auf eine Rücknahme, mindestens aber auf eine überfällige Reform der "Reform" gedrungen hätten.
: Neues Kapitel im Rechtschreibstreit. Landtag in Kiel ändert Volksentscheid gegen Reform. Rheinische Post, rp-online, , topnews, aktuell
Nachdem jedoch Behörden, Verwaltung und die meisten Zeitungen im Land die neuen Schreibregeln anwenden, wollen die Abgeordneten im Interesse der Schüler den Rechtschreib-Sonderweg zuschütten und die Rechtschreibinsel ans "Festland" anbinden. Das nächste und vermutlich letzte Kapitel im Rechtschreibstreit wird dann das Bundesverfassungsgericht schreiben.

12. 9. 1999

: Wenn sich ein Nationalist als Demokrat ausgibt. Kundgebungen in Ueckermünde verlaufen störungsfrei. Nordkurier-Online, , Lokales Fenster Pasewalk
Dabei musste Eisenecker [der NPD-Landesvorsitzende] ihnen, den etwa zwei Dutzend Schaulustigen und den Polizisten ja noch erklären, warum er gegen die Rechtschreibreform zu Felde zieht. Weil diese "ein Mosaikstein zur Vernichtung der deutschen Kultur ist", tat Eisenecker kund.

11. 9. 1999

: Hängen und Hängenlassen. Neue Zürcher Zeitung, , Feuilleton
Kultur, möchte man meinen, bemisst sich doch nicht zuletzt an der Fähigkeit zur Differenzierung. Gerade in diesem Belang aber wollen uns die Rechtschreibereformer hängenlassen.

10. 9. 1999

: Pfälzer Freiheit. Rheinpfalz Online, , Kommentar/Hintergrund
Es gibt folglich zwar ein "Pfälzisches Wörterbuch", aber keinen Pfälzer Duden, der Vorschriften machen könnte. […] Schade ist nur, dass so wenige Menschen auf der Welt Pfälzisch verstehen, und wir uns darum mit den zahlreichen Regeln und noch zahlreicheren Ausnahmen der neuen hochdeutschen Rechtschreibung vertraut machen müssen.

9. 9. 1999

Alle schreiben gleich. ABC-Fibeln verschaffen Überblick über 100 Jahre Schulunterricht. Erlanger Nachrichten, , Lokales
"Alle Schüler schreiben gleich. Die Vereinheitlichung der Rechtschreibung von 1903" — so heißt eine Ausstellung, die ab Montag, 13. September, von der Universitätsbibliothek im Foyer des Erlanger Schlosses gezeigt wird.
: Die nächste Schreibreform? Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 209, s. 12, Briefe an die Herausgeber
Kaum haben wir wehrlosen Tageszeitungsleser die kürzliche Umsetzung der neuen Rechtschreibregeln […] hingenommen, schon setzt die F.A.Z. noch eins drauf; Schifffahrt nicht mehr mit notfalls akzeptablen drei "f", sondern nunmehr gar mit deren vier. So geschehen am Beispiel von "Schiffffahrtskaufmann" Carl Dirks, […] Autor des in der Ausgabe vom 4. September […] rezensierten Buches "Der Krieg der Generäle".
: Neuer Angriff auf Rechtschreibreform. Sindelfinger Zeitung, , Politik
Die Initiative "Wir stoppen die Rechtschreibreform" rief zur Unterstützung eines Volksbegehrens als Schritt zum Volksentscheid auf. […] Die Aktivisten haben bereits 20 000 Unterschriften in einer Volksinitiative zusammengetragen und damit erreicht, dass sich der Landtag in der nächsten Woche mit dem Thema befasst.

8. 9. 1999

: Religiöses Plakat sorgte für Ärger. Basler Zeitung, , Basel-Stadt
Das Plakat, das 1998 für die jährliche Tiefpreiskampagne der Firma City-Disc ausgehängt wurde, zeigte einen jungen Mann mit gefaltenen Händen und einer CD als Heiligenschein. Unter dem Titel «Preisopfer» steht das Bibelzitat «...Vergebt Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun...». […] Diese Kampagne habe […] die religiöse Überzeugung anderer verletzt. So lautete die Anklage. […] P.S. Zum Glück sind Grammatikfehler nicht unter Strafe gestellt: Das Plakat enthält nämlich (auch nach der damals geltenden alten Rechtschreibung) einen Grammatikfehler: das grosse «I» vor «Ihnen».
: "Staatsorientierte Denke muss endlich weg." FDP mobilisierte Prominenz im Wahlkampf. Aachener Nachrichten, an-online, , Nachrichten
"Vielmehr konzentriert sich der schlanke Staat auf seine Kernaufgaben und verliert sich nicht in der Kür. Ob man Flanelllappen mit zwei oder drei Ls schreibt, das mach ich sowieso so, wie es mir einfällt. Da muss sich doch nicht auch noch der Staat drum kümmern."
: Bekenntnisse eines Netzautoren. Spiegel Online, , Netzwelt
Während die großen und bedeutenden deutschen Schriftsteller sich trotzig und voller Ingrimm weigern, nach der neuen Recht­schreibung zu dichten und zu denken, kämpft sich so ein kleiner Netzautor wie ich tapfer durch das 389 Seiten umfassende HTML-Regelwerk des W3-Konsortiums, das genau vorschreibt, wie eine Webseite auszusehen hat, damit sie dem ISO Standard 8879 entspricht. Ich bin eben ein ordentlicher Mensch und halte mich, ohne zu klagen, sowohl an die neue Recht­schreibung als auch, soweit dies überhaupt in der Macht eines schwachen Erdenwurms liegt, an sämtliche Standards und Netiquetten im Internet.

7. 9. 1999

neu : Rechtschreibreform: Klage eingereicht. Gegner ziehen vor Gericht. Berliner Zeitung, , s. 21, Lokales (107 wörter)
Gegen die Umstände des Begehrens sei am Montag Einspruch vor dem Verfassungsgerichtshof eingelegt worden, sagte Jörg Seppelt, Anwalt der Initiatoren, auf Anfrage. Das Volksbegehren war Anfang Juli gescheitert.
: Genossen. Frankfurter Rundschau, , Frankfurt
Bekanntlich haben ja unsere südlichen Nachbarn die recht' Schreib-Reform dergestalt durchgeführt, dass sie einen solchen Namen auch verdient. Da kann man neuerdings lesen, so lange man will — auf dieses dämliche, superüberflüssige "ß" wird man nimmer mehr stossen.
: NPD kündigt Demo an. Kreis lehnt Protest ab. Nordkurier-Online, , Lokales Fenster Ueckermünde
Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) hat in der Haff-Stadt eine Demonstration beantragt. […] Grotesk wirkt die Begründung der NPD für ihren geplanten Ueckermünder Zug. Im Antrag führt man unter anderem an, gegen die Rechtschreibreform sowie die Konsolidierung der rot-grünen Regierung protestieren zu wollen.

6. 9. 1999

: Rechtschreibreform: Klage eingereicht. Gegner ziehen vor Gericht. Berliner Zeitung, , Berlin
Gegen die Umstände des Begehrens sei am Montag Einspruch vor dem Verfassungsgerichtshof eingelegt worden, sagte Jörg Seppelt, Anwalt der Initiatoren, auf Anfrage.
: Auch Erwachsene müssen noch einmal umlernen. Volkshochschule bietet Kurse zur Rechtschreibung. Lausitzer Rundschau, , Forst
Nahezu ein Jahrhundert musste vergehen, um Reformvorschläge von Experten aller deutschsprachigen Länder in die Tat umzusetzen. Keine radikale Änderung, sondern eher eine "kleine Lösung", die, je mehr man sich damit beschäftigt, doch recht einleuchtend erscheint und die den Menschen die Angst vor dem Schreiben nehmen soll.
: Karl geht jetzt auf eine "Italiänische Reise". Comic: Neuer Band der Autoren Apitz und Kunkel erzählt eine Geschichte rund um Goethe. Mannheimer Morgen, , Kultur
Zur Feier des Anlasses rücken Apitz und Kunkel in ihrem neunten Comic die "Italiänische Reise" Goethes in den Mittelpunkt des Interesses. Dabei ist das "ä" nicht etwa Diktat der Rechtschreibreform, sondern der Originaltitel des Werkes aus der Feder des gebürtigen Hessen Goethe.

4. 9. 1999

: Alltag gestalten. Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer. Hamburger Abendblatt, , Reportage, Kommentar
Jetzt werden ein Sparpaket und eine Steuerreform, bei der es um plus-minus ein paar Hundert Mark pro Jahr und Familie geht, als das größte Reformwerk seit Bestehen der Bundesrepublik tituliert. Ein verkaufsoffener Sonntag scheint ein untragbarer Einschnitt in unsere Kultur. Die Rechtschreibreform haben wir mit Ach und Krach und nach endlosem Hickhack ertragen.
: Singt schön! Augenblick mal! Rheinische Post, rp-online, , Düsseldorf aktuell
Die deutsche Sprache ist doch eine recht schwierige Sprache, daran ändert auch unsere kleine Rechtschreibreform nichts.
: Erfolge mit dem ewigen Lehrling. Am 16. September startet der dritte "Werner"-Film / Rötger Feldmann gibt Auskunft. Schweriner Volkszeitung online,
Was denken Sie über die Rechtschreibreform? — Für mich ist das egal. Ich schreibe immer meinen eigenen Kram, also "Flensburch" und "Hamburch". Wir haben schon immer so geschrieben, wie wir sprechen - z. B. "Volles Rooäää!!!".

Lotz, Carsten: STOP bleibt STOP, Schloß wird Schloss. Bis auch Verkehrsschilder neue Namen tragen, dürfte noch viel Wasser den Main hinunterfließen. Volksblatt Würzburg, , Schweinfurt-Land

Die Aufschrift des Stoppschilds wird sich nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums jedoch nicht nach der neuen Rechtschreibung richten, da sie im "Wiener Übereinkommen über Straßenverkehrszeichen" international einheitlich geregelt ist. Wie das die deutsche Sprache handhabe, sei in diesem Fall irrelevant. Ob zur besseren Verständlichkeit des jetzt nicht mehr deutschen Begriffs "STOP" in Zukunft ein Hinweis unter dem Stoppschild angebracht wird, war nicht in Erfahrung zu bringen. Denn in Frankreich wird das internationale STOP in einem Zusatzschild bereits übersetzt. Das wäre vielleicht auch eine Lösung für Deutschland: "Bitte hier anhalten!"

3. 9. 1999

: Gott lachte. Frankfurter Neue Presse, , Kultur
Gott lachte vermutlich auch über die deutsche Rechtschreibreform, die bei den Kommas weitgehende Freiheit gewährt. Und das kann dann so aussehen: "Der Mensch denkt, Gott lenkt. Der Mensch, denkt Gott, lenkt."

Und welches von beiden ist gemäss den früheren kommaregeln falsch?

: "Man kann nicht immer mit dem Duden dasitzen." Sekretärinnen noch auf Distanz zur neuen Schreibregelung. Südkurier, , Singen
Ganz locker geht man auch in der Rechtsanwalts-Kanzlei Grüntker und Herrmann mit den neuen Rechtschreibregeln um: "Bei uns achtet kein Mensch darauf", gibt Anna Maria Kamm freiweg zu. Auch an der Korrespondenz, die im Büro eingehe, könne sie keine Änderungen in der Schreibweise feststellen.

2. 9. 1999

Namen und Nachrichten. Mit Werner vor dem Tor. Berliner Morgenpost, , Berlin
1981 trat [die Comic-Figur] Werner erstmals im Buch auf. «Aber Lehrling wird er wohl ewig bleiben», meint Brösel [Rötger Feldmann]. Nebenbei macht er sich sogar Gedanken über die Rechtschreibreform: «Ist mir egal. Ich schreibe Hamburch oder volles Rooäää.»
Notizen aus Sainte Luce. Rechtschreibreform kein Problem für Lehrer und Schüler. Fränkischer Tag, , Erlangen-Höchstadt
Während für die Schüler in Herzogenaurachs Partnerstadt Sainte-Luce am Montag erst der Ernst des Lebens nach den Ferien beginnt, müssen die Lehrer heute schon wieder ran. […] Priou, Gymnasiallehrer in Nantes, erklärte, dass er sehr schnell die Vorgaben umgesetzt habe und damit die Schüler von Anfang an die neue Schreibweise erlernten. […] Insgesamt sehe er die Reform als Vereinfachung an, die für ihn gar nicht weit genug gehe.
: Alle Parteien für Rechtschreibreform. Volksinitiative kündigt Verfassungsklage an. Kieler Nachrichten, , Schleswig-Holstein
Der Landtag will den Volksentscheid zum Stopp der Rechtschreibreform an den schleswig-holsteinischen Schulen nach knapp einem Jahr wieder außer Kraft setzen. […] Die Volksinitiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" kündigte […] "gegen diese Verarschung des Volkes" Verfassungsklage an.
: Verfassungsklage zu Orthografie angedroht. Stuttgarter Zeitung, , Politik
Die Gegner der Rechtschreibreform werden "mit aller Wahrscheinlichkeit" Verfassungsbeschwerde erheben, wenn der schleswig-holsteinische Landtag den erfolgreichen Volksentscheid gegen die Reform gesetzlich aufhebt.

1. 9. 1999

: Wahlkampf in Berlin — diesmal ohne Visionen. Vor dem Ende des langjährigen komfortablen Provisoriums. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 202, s. 5, Ausland
22 Parteien treten insgesamt an, von denen die meisten keine Chancen haben. Auch nicht die Gegner der Rechtschreibreform, deren Organisation vom Landeswahlamt nicht als Partei zugelassen wurde. Schon deshalb gibt es diesmal nicht weniger als 26 Direkt-Kandidaten, während es 1995 nur 6 waren.
Schauerromantik für Arme. Wo die Ästhetik des Hässlichen poppt: Zum Jubiläum des finsteren Szenemagazins "Maul". Berliner Zeitung, , Berlin Berlin
Wirklich gut ist an diesem dubiosen Erzeugnis der Schrott-Presse nur, dass es sich konsequent den törichten Regeln der neuen Rechtschreibung widersetzt. Zwar hält es sich genauso wenig an die alten Normen, geschweige denn an die Standards des guten Geschmacks.
Auf ein Wort. Der deutschen Sprache einen Bärendienst erwiesen. Frankfurter Neue Presse, , Lokales
Stichwort Rechtschreibreform. Kirsten: Überflüssig und lächerlich. Damit hat man der deutschen Sprache einen "Bärendienst" erwiesen. Wulf Kirsten (64) wird Samstag 26. Stadtschreiber von Bergen-Enkheim.
: Es ist alles ein Rätsel. Seit auch Rätselhefte neu rechtschreiben, kriegt mancher Leser nichts mehr raus. die tageszeitung, , nr. 5927, s. 14, Flimmern und Rauschen
"Wir lassen Ausnahmewörter und Zweifelsfälle einfach weg. Bis sich die Reform wirklich durch­gesetzt hat, kommen ,Delfin' und ,Spagetti' eben nicht mehr vor", erklärt Peer-Gunnar Timm, Geschäfts­führer von "Kanzlit", einer der großen Rätsel­agenturen Deutschlands, die Kreuzwort­rätsel an Zeitschriften aller großen Verlage liefert.