Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenpresseartikel → 15.–31. 8. 1999

Aus presse und internet

31. 8. 1999

: Mini-Golf, Musik, Keramik. 13 Verbände vertreten den Landkreis Bautzen beim achten "Tag der Sachsen" in Riesa. Sächsische Zeitung online, , Bautzen heute
Einen reinen Informationsstand präsentiert der Bund für "Deutsche Sprache und Schrift" e. V. Dort liegen Flugblätter aus zu Fragen der deutschen Schrift, ihrer Geschichte und richtigen Anwendung sowie zur Sprache. Ein Thema wird "der tiefere Inhalt der Rechtschreibreform" sein, erläutert Holger Schmidt, Ansprechpartner für Ostsachsen.
Das Wetter: Fahrt in den Gnorzing. die tageszeitung, , nr. 5926, s. 20, Die Wahrheit
Arbeitslos gewordene Mitglieder der Kommission zur Reform der Rechtschreibung haben sich ein neues Betätigungsfeld gesucht und wollen nun die bisher vier Jahreszeiten um eine fünfte erweitern. Die neue Jahreszeit soll "Gnorzing" heißen und wird "das Beste aus allen alten Jahreszeiten in sich vereinigen".

30. 8. 1999

: Deutsch schriftlich. Die allein Stehenden und das frisch gebackene Ehepaar. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 200, s. 27, Feuilleton
Solche sprachliche Missgeburten kann man antreffen in Zeitungen, bei denen die Rechtschreibreform in Kraft gesetzt worden ist […]. […] bei der Getrennt- und Zusammenschreibung hat die Reform wohl am stärksten ins Regelgefüge eingegriffen.

Nein, das regelgefüge ist bei der worttrennung am zeilenende und der s-schreibung stärker tangiert. Hier geht es um einen eher graduellen unterschied: In welchem ausmass will man die rechtschreibung als bedeutungsträger ge- bzw. missbrauchen. Muss man das homonym sein differenzieren? Im letzten jahrhundert bejahte man diese frage (seyn = hilfsverb, sein = pronomen); heute geht es ohne. Ebenso geht es ohne differenzierung bei das schwarze Schaf und bei frisch gebacken. Die neuregelung folgt also einem begrüssenswerten trend. Er ergibt sich einfach daraus, dass eine übertriebene differenzschreibung in der praxis nicht funktioniert und damit den zweck nicht erfüllt.

28. 8. 1999

Ein Gespräch mit dem Geheimen Rat. Frankfurter Neue Presse, , Veranstaltungen
Alle reden über Goethe. Wir nicht. Wir lassen ihn selber sprechen. Wir baten Deutschlands größten Dichter zum Interview. […] Was denken Sie über die Rechtschreibreform? Mir war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig. Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an; sondern darauf, dass die Leser verstehen, was man damit sagen wollte! Und das haben die lieben Deutschen bei mir doch manchmal getan.
: Wächter der Sprache. Die Welt, , nr. 200, s. 12, Feuilleton, Kommentar
Eine Academie française, also eine autoritäre, apodiktisch urteilende, politisch lenkende Instanz wollte er [die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung] niemals sein. Eine Autorität ist er geworden. Er verdankt es nicht zuletzt den Preisen, die er vergibt […]. Erst der amtierenden Kultusministerkonferenz blieb es vorbehalten, diese Autorität in Frage zu stellen, als sie die Einwände der Akademie gegen die neue Rechtschreibung vom Tisch wischte.
: Das Trennen von s-t tut Willi Lemke weh. Bremer Prominente ignorieren die Rechtschreib-Reform. Weser Kurier, , Bremen
"Nein, ich wende sie nicht an" - klare Worte von Bildungssenator Lemke. Gerade aus seinem Munde kommen sie etwas unerwartet. Die Begründung: "Ich spreche nach den alten Regeln fehlerfrei Deutsch. Na ja, fast fehlerfrei. Aus Zeitgründen kann ich mich da jetzt nicht einarbeiten."

27. 8. 1999

: Fast unangefochtene Instanz. Seit 50 Jahren besteht die Deutsche Akademie in Darmstadt. Fränkischer Tag, , Kultur
Mit einem 70-prozentigen Finanzierungsanteil von Bund, Land und Stadt Darmstadt — der Rest kommt aus der Privatwirtschaft — spricht die öffentliche Hand ein gewichtiges Wort mit im Kuratorium. Akademie-Präsident Christian Meier hinderte das in der Auseinandersetzung um die neue Rechtschreibung nicht daran, mit den deutschen Kultusministern hart ins Gericht zu gehen, ohne allerdings darauf sonderlich Einfluss nehmen zu können.
: Profithannes, Postmädel und die Kaisertochter. Die Gebrüder Schultes produzierten eine bunte Palette von Zigarren. Heidenheimer Neue Presse, 27. 8. 1998, HNP-Kreisnachrichten
Die Gebrüder Schultes ließen sich die fantasievollen Namen ihrer Zigarren, Zigarillos, Zigaretten, Rauch-, Kau- und Schnupftabak allesamt patentieren und damit unter den Schutz des "Waarenzeichens" stellen (die zwei a in Waarenzeichen fallen nicht unter das Diktat der Rechtschreibreform 1999, sondern stehen auf den Urkunden des Kaiserlichen Patentamts).
: In Amtsstuben und Büros gilt noch das alte daß. Neue Rechtschreibung wird in Berglen, Leutenbach und Schwaikheim bisher ganz liberal gehandhabt. ZVW-Online (Zeitungsverlag Waiblingen), , Rems-Murr-Nachrichten
"Bunt gemischt" liest sich alles, was im Leutenbacher Rathaus verfasst wird. Sein Vorgänger, so Bürgermeister Jürgen Kiesl, habe "noch große Seminare gemacht". […] Er habe bereits einen Brief an den Gemeindetag schreiben lassen, damit die rechtliche Verpflichtung der Gemeinden zur Anwendung der neuen Regeln überprüft werde. […] Aufgrund der kommunalen Selbstverwaltung müsse es seiner Meinung nach sowieso in der Entscheidung der Gemeinden liegen, wie sie sich verhielten.

Dann könnten doch gemeinden auch die eigennamengrossschreibung ausprobieren, wie es vier schweizer gemeinden zeitweise (z. b. Biel vor 65 jahren) gemacht haben?!

26. 8. 1999

: Und immer noch nach alten Regeln. Hamburger Abendblatt, , Norddeutschland
Nach Recht und Gesetz müssen die Lehrer von heute an zwar weiter die alten Regeln lehren — trotz absehbarer Gesetzesnovelle. Es gebe aber immer einen pädagogischen Spielraum, der in der Verantwortung des Lehrers liege, meinte ein Abgeordneter. Im Klartext: Die Pädagogen könnten schon früher die reformierte Schreibweise anwenden, allerdings auf eigenes Risiko.
Das Aus für den Strich. Stuttgarter Nachrichten, , Stuttgart
Immer wenn Walter kommt, ist auch mit einer frisch ausgebrüteten Idee zu rechnen. Dieses Mal hat er sich die Rechtschreibreform vorgenommen. Dabei hat er ein bisher Sinn stiftendes Element entdeckt, dessen Gebrauch laut Walter dazu führt, dass der Gemeinsinn stiften geht. Es geht um den Strich. […] In einem Interview hat er jetzt bemängelt, "wir", also Sie, ER und ich, seien leider "immer noch ein Bindestrichland". […] Baden-Württemberg, sagt Walter, müsse künftig aus Gründen der Identität zusammengeschrieben werden. […] Sehen Sie hier oben, Walterdöring, was Sie ohne Bindestrich anrichten?
: Wegen eines falschen "ß" wird keinem gekündigt. Kirchen, Verbände, Verwaltungen und Betriebe bemühen sich mehr oder weniger eifrig, die neuen Rechtschreibregeln anzuwenden. Stuttgarter Zeitung, , Kreis Böblingen
Vorreiter ist das Landratsamt, das bereits seit dem 1. Januar des Jahres offiziell den neuen Regeln folgt. "Jeder wichtige Bereich hat einen Duden bekommen, jeder Mitarbeiter ein kleines Druckwerk mit den Änderungen", sagt Pressesprecherin Tatjana Buck. […] Die Umsetzung "klappt immer besser", schätzt sie die Orthografie im Landratsamt ein. Eine Dame würde es mit dem Doppel-s gar übertreiben: Die Frauenbeauftragte Heidi Boner-Schilling schreibe als gebürtige Schweizerin standhaft überhaupt kein Eszett — das wird geduldet.

25. 8. 1999

: Erleichterung mit leichten Mängeln. Rechtschreibreform: Schulen ziehen überwiegend positive Zwischenbilanz. Lampertheimer Zeitung, , Nachrichten aus der Region
Abgesehen davon, daß man beim Scrabble-Spielen wunderbar schummeln und Bonuspunkte einheimsen kann, solange noch die Schreibweisen beider Rechtschreibungen gültig sind (bis zum Jahr 2005), wird es beim Kreuzworträtseln schon etwas schwieriger. Und die Gameshow-Fans können sich bereits jetzt auf die erste "Glücksrad"-Folge im Fernsehen freuen, die nach den Regeln der neuen Rechtschreibung gespielt wird.
: Behördenname bekommt ein "f " hinzu. Rechtschreibreform beschert Schifffahrtsamt anderen Schriftzug. Landeszeitung Lüneburger Heide, , Lokales
Keine andere Behörde trifft die Reform der Rechtschreibung so wie das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) in Lauenburg. […] "Daran werden wir uns gewöhnen", meint die Leiterin des WSA Lauenburg, Bettina Kalytta. Ein erster Schritt wurde jetzt getan. "Den Kopf unseres Briefpapiers haben wir bereits nach der neuen Schreibweise gestaltet", sagt Kalytta.
: Vom Roß zum Ross und vom Schloß zum Schloss? Rechtschreibreform trifft auf wenig Gegenliebe / Straßenschilder bleiben. Leipziger Volkszeitung Online, , Meldungen aus der Region Borna/Geithain
Auf eine langjährige Tradition verweist Marie-Luise Jahr von der Roßschlächterei in Pegau. "Wir sind seit 66 Jahren Familienbetrieb, da schreiben wir uns doch nicht gleich mit dreifach-s." Ähnlich reagiert Gabriele Alexander vom Hotel "Weißes Roß" in Groitzsch. "Uns gibt es schon seit 1642 unter diesem Namen. Wir wollen das nicht ändern." Doch als sie auf der Speisekarte den Schriftzug von 1870 sieht, stutzt sie: Früher schrieb man "Weisses Ross", was heute aber auch nicht korrekt ist.
: Vom Sinn und Unsinn der neuen Rechtschreibreform. Zu: "Ende einer Gespensterdebatte"; Welt vom 12. August. Die Welt, , s. 11, Forum, Leserbriefe
Wenn Die Welt — ich kann's nicht verstehen warum — die neue Rechtschreibung mitmacht, dann sollte Die Welt wenigstens bei argen Verschlimmbesserungen in Klammem angeben, was gemeint ist.

24. 8. 1999

: Phantomschmerzen der Deregulation. Hinter der Ladenschlussdebatte steht die Frage, wer Gewinner und wer Verlierer der postindustriellen Gesellschaft sein wird. die tageszeitung, , nr. 5920, s. 12, Meinung und Diskussion
Eine Farce ist das, sicher. So überflüssig wie eine Rechtschreibreform oder eine Sonnenfinsternis. Weil in Wirklichkeit gar nichts verhandelt wird, sondern alles schon mehr oder weniger beschlossene Sache ist. Aber auch eine höchst symbolische Installation, die sehr tief in unsere Gefühlslagen reicht, wie zum Beispiel an den höchst aufgeregten Anrufen während der einschlägigen Radiosendungen zu belegen ist.

23. 8. 1999

: "Glückwunsch" live aus der Innenstadt. Frankfurter Neue Presse, Höchster Kreisblatt, , Lokales
Das Panoptikum hat sich am Wochenende bei einer Best-of-Show anlässlich des zehnjährigen Bestehens mit aktuellen und ehemaligen Mitgliedern im Posthof selbst überboten. […] Sebastian Wagner und Wolfgang Judith als genervte Besucher des Okrifteler Kinos beschweren sich über den Schnösel "Im Sperrsitz vor mir". Gemäß der Rechtschreibreform wird "Vom Winde verweht" neu synchronisiert. Da bleibt es nicht beim Austauschen von Buchstaben, nein, ganze Wörter werden gewechselt: "Deine Eulen, Jupp, sie öffnen mir den Furz."
: Deutsche Rechtschreibung fordert Suchmaschinen heraus. Wer das Netz absucht, muss die neue und alte Schreibweise berücksichtigen. Handelsblatt, , Computer und Technik
Computer lieben das Eindeutige. Für sie sind Kreppapier und Krepppapier zwei verschiedene Worte, die beispielsweise von einer Datenbank-Software unterschiedlich eingeordnet werden.

Aber wie das eben so ist mit dem eindeutigen: Hier geht es um wörter.

: Wie heißt der Kerwevadder? Mannheimer Morgen, , Bürstadt/Biblis
So manch einer wurde am Wochenende in der Kerweredd von Bobstadts Kerwevadder Rupert Getrost auf die Schippe genommen. […] Seinen Unmut über die Rechtschreibereform ließ Getrost freien Lauf. Da er stets die Hausaufgaben seiner Tochter kontrollieren muss, hat er mit Schwierigkeiten zu kämpfen: "In einer Zeit von leeren Kassen, sollte man so einen Blödsinn lieber lassen", erklärte der Kerwevadder.

Hier hat man mit oder ohne "blödsinn" in sachen kasus und komma mit schwierigkeiten zu kämpfen.

21. 8. 1999

: Jahrhundertvitrine. Das Kopiergerät. Tages-Anzeiger, , Kultur
Um nicht nur eine, zwei, höchstens drei Kopien zu verfertigen, sondern zehn oder hundert, war ein anderer Weg zu beschreiten: man hektografierte. Wollte beispielsweise ein Achtundsechziger während der Studentenrevolte ein Flugblatt mit Sprüchen von Mao oder Marcuse verbreiten, so brauchte er zuallererst eine mit Wachs beschichtete Matrize (die sich bis heute so schreibt, also bei der Rechtschreibereform kein -tz- abgekriegt hat).
Diepgen zeigt sich erst zum Schluss. CDU wirbt für ein "Bündnis für Berlin" / 22 Parteien zur Abgeordnetenhauswahl zugelassen. Berliner Zeitung, , Berlin
Bei dieser Wahl treten 26 Direktkandidaten an, vor vier Jahren waren es nur sechs. Die hohe Zahl liegt nach Auskunft des Landeswahlamtes vor allem an den Gegnern der Rechtschreibreform, die diesmal angetreten sind, nachdem deren Organisation als Partei nicht zur Wahl zugelassen worden war.
Redaktion. Frankfurter Neue Presse, Taunus-Zeitung, , Lokales
In der Fachsprache wird das als "Laut-Buchstaben-Zuordnung" bezeichnet. Ein Gastronom trieb dieses Prinzip nun aber auf die Spitze. Wahlweise bot er "Jegerschnitzel" oder "Geschnizeltes" an.
: Französisch ist auf dem absteigenden Ast. Frankfurter Neue Presse, Höchster Kreisblatt, , Lokales
Anforderungen im Berufsleben und gesellschaftlicher Wandel schlagen sich deutlich im Kurs- und Seminarangebot der Volkshochschule nieder. […] Was eigenartigerweise für viele kein Thema ist: die neue deutsche Rechtschreibung. Vom 8. September an wird ein entsprechender Kurs angeboten, doch die Nachfrage ist gering.
: Rechtschreibreform? "Ja und Nein", sagt das Amt. In Weidener Ämtern herrscht die große Schreibfreiheit. Mittelbayerische Zeitung,
Die Oberpfälzer Nachrichten haben nachgefragt. […] Das Einwohnermeldeamt gibt sich verrätselt. […] Genaueres lässt sich der Dame nicht entlocken. "Ich verbinde sie weiter", hat sie kaum gesagt, da erklingt auch schon, was bei der Recherche am häufigsten zu hören war: Warteschleifenmusik. Die Schleife dreht und dreht sich und irgendwann kommt man doch zur Landung: Bei Sigrid Vogelstetter vom Personalrat […]. "Bis zum Jahr 2000 gilt auf jeden Fall noch die alte Regelung, amtseinheitlich, denn es sollten schon alle gleich schreiben." Und dann? "Dann werden wir was neues hören."

Was neues ist jedenfalls die kleinschreibung der substantivierung.

: Voll korrekt. Süddeutsche Zeitung, , 55. jg., nr. 192, s. 4, Meinungsseite
Alle reden über die Rechtschreibreform, wer aber stöhnt mit uns, den Produzenten des geschriebenen Wortes, die im Zuge des downsizing den geliebten Korrektor (Menschen) verloren und dafür ein Korrekturprogramm (Maschine) bekommen haben?
: Lesezirkel. Auf Abwägen. Süddeutsche Zeitung, , 55. jg., nr. 192, s. 14, Feuilleton
Als kürzlich im Deutschen Theater Mozarts "Il Rè pastore" in der Staribacherschen Bearbeitung aufgeführt wurde, begannen einige Münchner Kritiker vor Begeisterung fast zu taumeln. Das kam daher, dass "Mozart groovt" und im Saal sogar "heftiges Zucchero-Feeling" aufkam (SZ). […] Die Rechtschreibreform hat ähnliche Wallungen ausgelöst wie Mozarts Groove, weswegen manche Kollegen vorsichtshalber gleich richtig falsch schreiben, ehe sie lange im Wörterbuch herumblättern. Ein paar Beispiele: […] "Bayer ertrank beim Kajak fahren" (AZ); "Nichts der Gleichen" (tz); die dpa schließlich erfand, wohl von einer Gämse gestoßen, die Vokabel "abwägig". Ein kurioser Fall ereignete sich eben jetzt hier in der SZ, indem es sich bei der Besprechung von Marcel Reich-Ranickis Buch als nötig erwies, den Namen des Autors zu trennen. Unser Rechtschreibprogramm hielt Ranicki für etwas Ähnliches wie Zucker und trennte folglich "Rani-cki". Da der Mann indessen weder Zucker ist noch so ausgesprochen wird, hätte man dem Programm mit einem Befehl zur Seite springen und den Namen in "Ranic-ki" trennen müssen.
: Insekten kriegt jeder Blödmann. taz Hamburg, , nr. 5918, s. 26, Hamburg Aktuell
Rüdiger Nehberg hat gelernt, ohne die Zivilisation auszukommen. Für die Landrechte der Indianer läßt er sich jetzt zum dritten Mal über den Atlantik treiben. […] Das wird Monate dauern, weil sich Nehberg und sein 28jähriger Partner Lars Spanger von der Strömung und günstigen Passatwinden vom Senegal nach Brasilien treiben lassen wollen. […] "Man nimmt sich viel Zeit", sagt Nehberg. Zur Unterhaltung wird er einige Brockhaus-Bände und die neue deutsche Rechtschreibung in verschiedenen Varianten studieren.

20. 8. 1999

: "Lieber alt und richtig als neu und falsch." Behörden und Firmen stellen Rechtschreibung allmählich um. Badische Zeitung, , Lörrach
Die Lörracher Behörden planen eine allmähliche Umstellung. Eilig hat es dank der Übergangsfrist keiner, die neuen Regeln einzuführen, ergab eine Umfrage der Badischen Zeitung.
: "Die Harald Schmidt Show" (Sat 1). Fast alles wie gehabt. Frankfurter Rundschau, , TV-Kritiken
Nun war zu lesen, das Konzept des kleinen Fernseh-Varietés sei überarbeitet worden. Bangigkeit machte sich breit: Ist der Alltag nicht schon unübersichtlich genug geworden mit Steuer- und Rechtschreibreform und der Kaperung von teuren Fußball-Rechten durch den kleinen Privatsender tm 3?
: Chinesisch verstehen. Die Welt, , Feuilleton
"Mindest zwei Jahre braucht man", sagt Andreas Guder, Experte für die Übermittlung von chinesischer Schrift, "um wenigstens Chinesisch gut lesen zu können." Von Schreiben gar nicht zu reden. Kurios, aber wahr: Gerade die Schwierigkeiten des Erlernens der chinesischen Orthographie sind der Hauptgrund, warum Chinesisch ausgerechnet in Südostasien immer mehr an Einfluss verloren hat.
: Frauen wollen Klestil. Oder Klima. Der Standard, , s. 17, Kommentar
Im Kampf gegen die Rechtschreibreform ist "Die Presse" trotz der abendländischen Erbitterung, mit der sie ihn führte, weitgehend allein geblieben.

19. 8. 1999

: Das neue deutsch. touring, , nr. 14, s. 3, Editorial
Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe, wie viele andere, ziemlich mühe mit der neuen ortografie. […] Als anhänger der gemässigten kleinschreibung finde ich, dass eine grosse chance vertan worden ist, die deutsche rechtschreibung wirklich einfacher und damit allen zugänglich(er) zu machen.
: Hässliche neue Wörter (I). Stern, , nr. 34, s. 9, Briefe
Der Coup der steuerfinanzierten Sessel... sagen wir ...hocker war erfolgreich.
: Hässliche neue Wörter (II). Stern, , nr. 34, s. 9, Briefe
Wenn unser Staat trotz wirklich fundamental wichtiger Probleme sich mit solchem Killefitz […] beschäftigt […], gibt es nur eine legitime Reaktion des Volkes: Verweigerung!
: Hässliche neue Wörter (III). Stern, , nr. 34, s. 9, Briefe
Könnte man nicht auf die ganz hässlichen neuen Wörter wie Tipp, Majonäse, Fassette verzichten?
: Internetz oder Die Ritter des Dudens. Unverdrossen zieht die "IG Muttersprache" aus Graz gegen Anglizismen zu Felde. Ein Kampf gegen Windmühlen? Kleine online,
Die Rechtschreibreform hingegen ist kein Thema für die Grazer Freunde der deutschen Sprache. "Da ist innerhalb des Vereines kein gemeinsamer Nenner zu finden", vermutet Werner Pfannhauser, Professor für Lebensmitteltchemie an der TU Graz und Obmann des Vereines, "schade ist, dass mit dieser Reform ein Stück Kultur verloren geht, beispielsweise durch das Ändern der ,ß'-Regeln".

18. 8. 1999

: Mit Wundertüte zum Neuanfang. Frankfurter Neue Presse, , Wetteraukreis
24 sind es hier, die sich ab jetzt mit der neuen Rechtschreibreform auseinander setzen dürfen.
: Reformgegner geben auf. Berliner Morgenpost, , Berlin
Die Initiatoren des Volksbegehrens gegen die Rechtschreibreform wollen auf eine Anfechtung des Begehrens offenbar verzichten.

17. 8. 1999

: Babylonische Verwirrung. Tages-Anzeiger, , Leserforum
Den Zeitungsleser erwartet also eine babylonische Sprach­verwirrung sondergleichen, anscheinend verursacht durch eine Akademiker-Kaste, die sich damit vor Arbeits­losigkeit schützen will.
: Aperçu. Nöie Rächtschraibung. Tages-Anzeiger, , Kultur
Genau für die Anwendung der neuen Rechtschreibung im hiesigen Arbeits­umfeld hat der Luzerner Lehrer Ignaz Wyss ein handliches Buch verfasst, in dem er - nicht hunderprozentig designsicher, aber übersichtlich und anwendungs­freundlich - den Einstieg in den Umstieg erleichtert.
: 1212 Seiten für die WM 2010? Allgemeine Zeitung, Main-Rheiner, , Sportmeldungen
Ergo hat das 1212 Seiten umfassende Dossier, mit dem der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in der vorigen Woche seine WM-Bewerbung für 2006 angemeldet hat, wenig Eindruck hinterlassen. […] Und ob Fifa-Boss Sepp Blatter […] das überhaupt alles lesen und – was viel wichtiger wäre – als Schweizer nach der Rechtschreib­reform auch verstehen kann?
: Was ein Mann tun muss, um Herr Mussmann zu werden. Eigennamen bleiben von der Rechtschreibreform unberührt - Änderungen sind aber in bestimmten Fällen möglich. Frankfurter Rundschau, , 55. jg., nr. 189, s. 19, Frankfurt
Denken wir uns einen Herrn Mußmann. […] Er hat aufmerksam die Diskussion um die Rechtschreib­reform verfolgt und weiß, dass seit kurzem die Zeitungen kein "ß" mehr in Wörtern wie "dass", "Hass", "Nuss" oder "Verdruss" schreiben.
Saar-Tribüne. Saarbrücker Zeitung, , Sport
Da stand plötzlich auf der Anzeigentafel: "Steht auf, wenn ihr Saar­brücker seit!" […] Aber keine Panik, nur ein kleiner Wort­verdreher - das passiert jedem mal.
: Bezichtigung. die tageszeitung, , nr. 5914, s. 14, Kultur
Über den Wolken ist die Verständigung grenzenlos; alle Missverständnisse bleiben darunter - denn alle Piloten sprechen Englisch. Die Frage ist nur, wie? […] Von den 37 großen Flugzeugkatastrophen seit 1996 wurden mindestens 13 durch Sprach­probleme verursacht. […] Anders als viele meinen, ist Englisch keine einfache Sprache. Schreibweise und Aussprache haben wenig miteinander zu tun. Wer Englisch lernt, kann von einer Rechtschreib­reform nur träumen. Massive Aussprache­probleme, willkürliche Betonung der Silben und mehr als 150 unregel­mäßige Verben machen selbst gestandenen Fliegern zu schaffen.

16. 8. 1999

: Scheinheilig schreiben. Amberger Nachrichten,
Mit der Abschaffung der geltenden Schreibweisen hat die Politik die Axt an einen der letzten Grundwerte unserer Gesellschaft gelegt. Nicht, dass vorher alle dem Duden bis aufs i-Tüpfelchen gefolgt wären. […] Man wusste: Perfektion war nicht erreichbar. […] Jetzt soll also alles viel einfacher geworden sein. Schon das entlarvt jeder als dreiste Lüge. […] Darüber hinaus blendet die neue Rechtschreibung mit einer falschen Toleranz. […] Die ohne Not herbeigezwungene Reform fördert nicht das rechte Schreiben, sondern die Scheinheiligkeit und die Doppelmoral.
: Rechtschreibung: Keine Reform auf Straßenschildern. Höchster Kreisblatt (Frankfurter Neue Presse), , Lokales
"Wir haben uns da noch keine Gedanken gemacht", erzählt Bernhard Schulz, der Leiter der Verkehrsbehörde im Hofheimer Rathaus. […] Wie viele der 540 Hofheimer Straßenschilder nach der neuen Rechtschreibung ausgetauscht werden müssten, weiß Bernhard Schulz nicht. Es mache durchaus Sinn, räumt er ein, um im gleichen Atemzug zu bedenken zu geben, dass ein Austausch aber natürlich eine Kostenfrage sei. […] Insofern werde die Stadt Hofheim Straßenschilder nur austauschen und nach der neuen Rechtschreibung beschriften lassen, wenn einmal Defekte vorliegen und ein Austausch ohnehin erforderlich werde. […] Sollten aber neue Straßen benannt werden müssen, so werde man auf die Neuregelungen selbstverständlich Rücksicht nehmen.
: Früh-Stück. Literarischer Gipfel. Mainpost, , Kitzingen
Welche Erkenntnisse hat uns dieser Sommer bisher beschert? Nun, wir wissen jetzt definitiv, dass es ein Leben nach Nostradamus und der Sonnenfinsternis gibt, dass Strom gelb ist, dass im Fernsehen so viele Wiederholungen wie noch nie laufen und daß — ups, jetzt ist es uns doch noch einmal heraus gerutscht — die Rechtschreib-Reform doch nicht ganz so schlimm ist wie befürchtet.