Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenpresseartikel → 1. 8. 1999 bis 15. 8. 1999
nachgeführt 29. 11. 2016

Aus presse und internet

13. 8. 1999

: Ein Albtraum ist Wirklichkeit geworden. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Der Lesefluss ist gehemmt, die Konzentration lässt schneller nach, ich brauche mehr Zeit zum Lesen, und da ich die nicht habe, lese ich einen geringeren Anteil der Artikel Ihrer Zeitung. […] Was früher Genuss war, wird zum Stress.
: Zweifelhafter Genuss von Gräueltaten. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Dass aber die F.A.Z. sich diesem büro­kratischen Monstrum untertänigst unterwirft und ihre Leser verwirrt und vergrault, hätte ich nie gedacht.
: Sieg der Systematiker. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
[…] aber dann hätte man das "ß" gleich komplett streichen können und von mir aus auch sollen. Auch wo es was Sinnvolles (Sinn Volles?) wäre, kann die Reform-Mafia nichts Richtiges machen.
: Immer wieder nötige Anpassung der Schreibsprache. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Es ist sicher falsch, wenn Steinfeld die Meinung vertritt, dass die gegenwärtige Rechtschreibreform ein Kind der Systemveränderer vor zwanzig, dreißig Jahren sei. […] War noch in der schön lesbaren Schrift von Wilhelm Wilmanns "Die Orthographie in den Schulen Deutschlands" […] die Überzeugung vorhanden, dass die Wissenschaft der Germanistik eine gewisse Glaubwürdigkeit bei ihren Bemühungen beanspruchen dürfe, so sitzen die wahren Germanisten heutigentags in anderen Hallen. […] in der Physik oder Astronomie käme niemand auf den Gedanken, die wissenschaftliche Argumentation mit der Elle der gesellschaftlichen Wünsche nach einfacher Begreifbarkeit der theoretischen Positionen zu messen.
: Schnitzer der Kommission. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Wenn man schreibt: "wie Leid es mir tut", müsste man ja auch schreiben: "wie Gut es mir tut".
: Gehorsam gegenüber einem Bürokratenputsch. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Ein subtil ausgedachter Racheakt für die jahrzehntelang zäh verfolgte, schließlich aber misslungene Kleinschreibung. Vielleicht, um auf diesem Neuschreib-Umweg dem Kleinschreib-Endziel doch noch nahe zu kommen?

Es sei daran erinnert, dass die eigennamengrossschreibung (substantivkleinschreibung) für den BVR ein nah-, nicht ein endziel ist. Das wort «schließlich» kommt wohl daher, dass einfache gemüter ihre eigene zeit als abschluss der geschichte sehen.

: Scheinheiliges Argument. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Es ist tatsächlich ein vorauseilender Gehorsam, der typisch für die Deutschen ist und jegliche Zivilcourage vermissen lässt. Das Argument der F.A.Z., man müsse der Rechtschreibung der Nachrichtenagenturen Rechnung tragen, da man vieles von ihnen übernehme, ist scheinheilig.
: Lieber zwei Orthographien als nur noch "Neuschreib". Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Doch Ihre Entscheidung, sich nunmehr nach den neuen Rechtschreibregeln zu richten, ist nichts anderes als "vorauseilender Gehorsam" — und ein Armutszeugnis für Ihre anspruchsvolle Zeitung. […] Es bleibt ein Gefühl ohnmächtigen Ärgers, das nunmehr täglich die Lektüre Ihrer Zeitung begleiten wird.
: Vereitelte Volksabstimmung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Der letzte Versuch, eine Volksabstimmung über die Reform herbeizuführen, ist in Berlin nicht "gescheitert", sie ist vielmehr mit allen erdenklichen Mitteln vom Senat vereitelt worden.
: Missachteter Sprachgebrauch. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 186, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Leserbriefe von Bürgern, die sich explizit gegen die "Rechtschreibreform" wenden, werden von den Redaktionen auf "Neuschreib" umgesetzt, Romane deutschsprachiger Autoren, die sich nahezu alle gegen die Rechtschreibreform ausgesprochen haben, desgleichen. Diese Vergewaltigung — anders kann man es kaum nennen — ist ohne Beispiel.
: Prozess: Bankräuber zeigte Reue und stellte sich bei Richter. 35-jähriger Angeklagter zu einjähriger Bewährungsstrafe verurteilt – Einweisung in Heim – "Biographische Katastrophe". Giessener Anzeiger, , Lokales
Der kuriose Fall geschah nach der Rechtschreibreform. Sonst wäre man wohlmöglich noch auf die Idee gekommen, "Bankreuber" in die Wörterbücher einzutragen, da der Überfall von aussergewöhnlicher Reue begleitet war: Ein 35-Jähriger hatte am 18. November 1998 eine Sparkasse in Gießen überfallen und mit der Beute eine Taxifahrt nach Frankfurt finanziert, um sich am Landgericht umgehend einem Richter zu stellen.
: Regelverletzung. Junge Freiheit, , nr. 33, s. 1, Kolumne
Auf welchen gemeinsamen Nenner lassen sich die Auseinandersetzungen um den Krieg im Kosovo und das Ladenschlußgesetz, um das russische Beutekunstgesetz und um den Schwangerschaftsabbruch, um die Einführung der Rechtschreibreform und um Rechtsextremismus in Deutschland bringen? Es sind die jüngsten eindrucksvollen Belege für eine um sich greifende Mißachtung geltenden Rechts: sowohl des Völkerrechts als auch des Staatsrechts, sowohl des Grundgesetzes als auch allgemeines Gesetze, sowohl internationaler Vereinbarungen als auch einschlägiger Gerichtsurteile.
: Ein Vandalenakt. Rechtschreibung: Die "Wetten dass?"-Reform. Junge Freiheit, , nr. 33, s. 2, Politik
Die Details dieses rücksichtslosen Durchsetzungsprozesses […] sind in der Tendenz so demokratiefern, daß man sich gezwungen sieht, von einem tendenziell verfassungsfeindlichen Vandalenakt zu sprechen. […] Die Reform selbst sei "praktisch identisch mit der des Reichserziehungsministers Rust aus dem Jahre 1944". Aber das muß uns nicht wundern. Totalitär Gestimmte von links oder rechts unterscheiden sich zwar begründungsideologisch, nicht aber machttechnisch. Schon gar nicht, was das alte Ziel betrifft: der Neue Mensch! Doch darf man diesen Zusammenhang überhaupt herstellen, wenn es lediglich um eine Rechtschreibreform geht? Man muß es. Keine Diktatur beginnt am Tag der Machtübernahme; alle beginnen mit dem Zerbrechen von Zivilcourage durch staatsgestützte Parteibürokratien lange zuvor.
: Auf ein Wort: Nimm ein "ei" mehr. Sächsische Zeitung online, , Kamenz
Keine Angst! Ich kommentiere nicht die neue Rechtschreib­reform, die eigentlich nur ein Reförmchen ist und täglich für Verwirrungen sorgt.
: Der große Test. "tick.et" ist der erste Feldversuch unter realistischen Bedingungen. taz Berlin, , nr. 5911, s. 22
Man könnte meinen, das Ziel des BVG-Großversuches zum elektronischen Fahrschein sei es, die Schmerzgrenzen der Rechtschreibreform auszuloten oder die Gesetze der Interpunktion außer Kraft zu setzen: "tick.et" heißt der neue Fahrausweis, "elektronisches Ticketing" das System.
: Bücherkauf im Supermarkt. Neue Lücken in der Buchpreisbindung. Die Welt, , Feuilleton
[…] dass in Zeiten wirtschaftlicher Not die Eigeninteressen vor die der Branche gehen. So haben sich Bibliographisches Institut/Brockhaus gründlich verrechnet, als sie mit aller Macht die Rechtschreibreform vorantrieben und über alle Querelen darüber massive Umsatzeinbußen erlitten.

12. 8. 1999

: "Ich werde weiter richtig schreiben." Gespräch mit Jura-Professor Rolf Gröschner aus Jena. Frankfurter Rundschau, , Schule/Bildung
Mir ging es um die Frage, ob Rechtschreibung in der Schule bedeutet, es wird gelehrt, wie man draußen schreibt, oder ist Rechtschreibung das, was eine Kommission für richtig hält?

Eine interessante anregung, dass die schule das lehren soll, was draussen geschrieben wird. Vielleicht würde dann noch mehr gross geschrieben (zu Verkaufen, es ist Zwecklos); vielleicht auch weniger, denn unser BVR ist ja auch draussen.

: Unerwartet große Resonanz. Fuldaer Zeitung, , Politik
Rund 140 Zeitungsleser haben an unserem Preisausschreiben zur Rechtschreibreform teilgenommen. Aber: Kein Einziger von ihnen konnte alle Neuerungen vollständig identifizieren. […] Als besonders hohe Hürden erwiesen sich dabei Wörter wie "stattdessen" (alt: "statt dessen") oder "existenziell" (alt: "existentiell"). Auch neue Trennungen ("ers-ter" statt "er-ster") erkannten nur sehr wenige.
(): Sprach Spiele. "Flusskrebs" zubereiten? Die Welt, , nr. 186, s. 13, Feuilleton
"Die Speisekarte bleibt so, wie sie ist. […] Die Rechtschreibreform ist absolut albern, die Sprache entwickelt sich schließlich seit Jahrzehnten selbst." Guido Richard ist Chefkoch im Berliner Restaurant Borchardt.

11. 8. 1999

: Rechtschreibung ohne Reform. Berliner Zeitung, , Feuilleton, Tagebuch (397 wörter)
Ein Blick in das neuerdings Gedruckte zeigt, dass nur das Allerauffälligste nach den neuen Regeln geschrieben wird, das doppelte "ss", das dreifache "fff", kurzum nur das, was hässlich ist und in die Augen springt. Selten aber wird getrennt geschrieben, was jetzt zu trennen wäre; selten wird groß geschrieben, was noch als klein geschrieben in Erinnerung ist.
Beamtenbund kämpft gegen Anglizismen. Frankfurter Neue Presse, , Lokales
Im Zuge der Rechtschreibreform hat der Deutsche Beamtenbund Hessen (DBB) seine Mitglieder aufgefordert, die zunehmende Verhunzung der deutschen Sprache durch Aufnahme immer neuer Anglizismen zu bekämpfen.
: Annaberg-Buchholz: Kühl und knackig auch mit Fünfzig. Freie Presse, , Erzgebirge
Aber Vanille, Erdbeer, Schoko sind nichts im Vergleich zum ungekrönten Renner von Reuter-Eis — dem "Kalten Kuß". Seit sage und schreibe 50 Jahren gibt es die kühle Reutersche Erfindung, und selbst die Rechtschreibreform konnte ihr bisher nichts anhaben: Keck, ja fast ein bisschen trotzig schimmert noch immer das "ß" von der Verpackung. Ob nun "ss" oder "ß", der großen Fangemeinde dieser leckeren Eisvariation ist die Reform völlig schnuppe, Hauptsache es schmeckt.
: Komma (,) um in Ulm und um Ulm herum abzutrennen. Teil 9: Der Umgang mit den Fremdwörtern / Komma oder nicht: Vieles ist neu, aber alles Bisherige bleibt erlaubt. taz Bremen, , nr. 5909, s. 24, Schlagseite
Das Infinitiv-Komma bleibt uns also noch lange erhalten, jedenfalls in der Zeitung. Das wird aber kaum auffallen. Leser der Sportseiten werden es gar nicht bemerken, denn die Sportberichtserstattung ist nahezu "infinitivfrei".
: Rechtschreibung: Reform ist kein Gewinn für Kinder. Ermöglichen die neuen Regeln bloß eine Leistungsverbesserung von 0,7 Prozent? Der Standard, , s. 31, Kommentar der anderen
In krassem Gegensatz zu den ministeriellen Zahlen sind die Ergebnisse einer schulpraxisnahen Untersuchung von Arnd Stein. […] Die neue Rechtschreibung ist im Wesentlichen die alte. Kinder, die Schwierigkeiten hatten, werden diese auch künftig haben. Die Rechtschreibreform ist eine Mogelpackung. Sie besticht durch das extreme Missverhältnis zwischen dem Einsatz von Mühe und Geld und ihrem (schul)lebenspraktischen Nulleffekt. Man sollte nicht versuchen, sie den Kindern als große Erleichterung anzudrehen.

10. 8. 1999

: Warum aus der "Schloßstraße" bald die "Schlossstraße" wird. Frankfurter Neue Presse, , Lokales
Bevor die Stadt nun in hektische Betriebsamkeit ausbricht und Aufträge an Schildermaler erteilt, sei ihr ein Anruf bei der "zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung" in Mannheim ans Herz gelegt. […] "In Zukunft sollte man solche Teile der Benennung von Straßen, Plätzen usw., die selbst keine Eigennamen darstellen, nach den amtlichen Regeln schreiben."
: "Schifffahrt mit drei F fällt nicht leicht." Frankfurter Rundschau, , 55. jg., nr. 183, s. 23, Frankfurt
Nur die Frankfurter Stadtverwaltung bleibt eine Insel — vorerst. "Es fällt mir nicht leicht, Schifffahrt mit drei F zu schreiben", gesteht Wilfried Olgemann, der Referent von Personaldezernent Horst Hemzal (CDU). […] Natürlich gibt es bei der Stadt wie immer Oberschlaue, die vorpreschen. Umweltdezernent Tom Koenigs (Grüne) lässt den Schriftverkehr seines Dezernats schon nach den neuen Regeln fertigen. Das Personaldezernat lässt sich auch nicht lumpen: "Wir haben", so Olgemann stolz, "den neuen Duden gekauft".
: Sofis Welt ist schön. Sonnenfinsternis, Parteien, Apokalypse usw. die tageszeitung, , nr. 5908, s. 10, Meinung und Diskussion
An was werden wir uns in drei, vier Jahren erinnern, wenn wir an den Sommer 1999 zurückdenken? Nein, nicht an den Kanzler Schröder, der wird längst Geschichte sein, sondern an die Sonnenfinsternis und an die Rechtschreibreform. Nichts hat uns nachhaltiger zu einem Volk von Gleichen geformt wie diese beiden Ereignisse: Kollektiv mussten wir die reformierte Blindenschrift erlernen.

9. 8. 1999

: Belämmert. Eine Woche neue Rechtschreibung. Hamburger Abendblatt, , Kommentare
Die letzten Proteste verlieren an Niveau. Eine Initiative verteilt Flugblätter, anonym, und die Antworten bitte hauptpostlagernd. Auch die Reformgegner sollten wissen, wann sie verloren haben. Wir haben in Deutschland wahrlich wichtigere Probleme zu lösen als permanent Konrad-Duden-Gedächtnisspiele zu veranstalten.
: "Immerhin ein interessantes Experiment" (I). Der Standard, , s. 23, Kommentar der anderen, Leserstimmen
Das Herumjammern und Abwarten einiger anderer Tageszeitungen interpretiere ich als ein Nicht-Umlernen-Wollen vieler JournalistInnen, die zwar anderen Berufsgruppen oft zu wenig Flexibilität, Reformwillen etc. attestieren, aber selbst […] nicht das nötige Engagement aufbringen wollen.
: "Immerhin ein interessantes Experiment" (II). Der Standard, , s. 23, Kommentar der anderen, Leserstimmen
Die alte Schreibweise war in vielen Punkten stupid. Die neue ist es auch. Zudem ist die ß-Schreibung ein Trauerspiel. (Für mich besteht darin das größte Ärgernis der Rechtschreibreform.)
: "Immerhin ein interessantes Experiment" (III). Der Standard, , s. 23, Kommentar der anderen, Leserstimmen
Auch die neue ß/ss-Schreibung ist entbehrlich: Sie ist nie besser, aber manchmal schlechter lesbar, und widerspricht in einigen Fällen der österreichischen Betonung.
: "Immerhin ein interessantes Experiment" (IV). Der Standard, , s. 23, Kommentar der anderen, Leserstimmen
sprache sollte zur kommunikation dienen und nicht zur maßregelung oder iq-test.

7. 8. 1999

: Märtbricht. Schon wieder ein Weltuntergang. Mein vierter... Basler Zeitung, , nr. 182, s. 37, Basel-Stadt
Und mir als Kolumnist hat die BaZ-Mediengruppe ein Heft geschickt, aus dem hervorgeht, wie ich in Zukunft was zu schreiben habe. Ich werde mich selbstverständlich genau daran halten, aber nicht an die neuen Regeln, sondern an das Deutsch, das ich mein Leben lang geschrieben habe.
: Trennungsschmerz. Deutsch schriftlich. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 181, s. 57, Feuilleton
Die Silbentrennung gehört zu den Gebieten, auf denen die Rechtschreibreform für neue Unübersichtlichkeit sorgt. […] Dass sie nun s-t trennt, leuchtet ein […]. Anders sieht es mit dem Prinzip der Wortstammtrennung aus: es wird de facto aufgehoben. […] Es versteht sich von selbst, dass ein Blatt von Format da nicht mittun darf. […] In gepflegten Texten haben Chi-rurgen und Pä-dagogen, die es inte-ressant finden, ei-nander mit dem Helikop-ter auf der Mai-nau zu besuchen, nichts verloren.
: Vergnügen ohne Ende. Nach dem Wochenendausflug noch ein Einkaufsbummel. Nürnberger Zeitung, , Politik, Kommentar
Hier soll nicht über Sinn und Unsinn der Ladenschlussregelungen (die im Grunde ja Ladenöffnungsbestimmungen sind) räsoniert werden. […] Aber es sei ein Wort gegen die deutsche Reglementierwut erlaubt, die auch in der so genannten Rechtschreibreform ihre seltsamen Blüten treibt, bei Befürwortern wie Gegnern. […] Dabei gehört Einkaufen zur Spassgesellschaft (mit ss wohlgemerkt, denn wir in Süddeutschland sprechen das a in Spass kurz, deswegen muss unsere regionale Rechtschreibung den neuen Regeln widersprechen).
: Verfehlt und wissenschaftlich widerlegt. Rechtschreibreform: Es lebe das Doppel-s; SZ vom 2. August (I). Süddeutsche Zeitung, , nr.180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Die Umstellung der Süddeutschen Zeitung […] offenbart […] ein obrigkeitsstaatliches Denken von erschreckendem Ausmaß. Chefredakteur Gernot Sittner legt es an den Tag, wenn er verkündet: "Verstöße gegen die neuen Regeln werden nicht geahndet, zumindest nicht bis zum Jahr 2005." Er scheint zu erwarten, dass von 2005 an eine Bundessprachpolizei Bußgelder für die Nichtanwendung des Neuschriebs ausstellen wird.
: Verfehlt und wissenschaftlich widerlegt. Rechtschreibreform: Es lebe das Doppel-s; SZ vom 2. August (II). Süddeutsche Zeitung, , nr.180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Aber jeder Lehrer, der Schüleraufsätze auf die Fehlerzahl untersucht und gewissenhaft Statistiken führt, wird feststellen, dass von einem wunderbaren Rückgang der Fehlerzahl nicht die Rede sein kann. Im Gegenteil: Die Fehlerzahl steigt im Durchschnitt leicht an! Eigentlich wäre gegen alle Kultusminister und Ministerialbeamten, die das, Märchen von der Schreiberleichterung verbreitet haben, ein gerichtliches Nachspiel erforderlich.
: Ein atemberaubendes Chaos. Neue Rechtschreibung: Nicht Heilslehre, sondern Alltagsinstrument; SZ vom 31. Juli/1. August (I). Süddeutsche Zeitung, , nr. 180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Getreu dem Wahlspruch eines japanischen Autoherstellers "Nichts ist unmöglich" machten sich einige Experten an die Arbeit. Das Ergebnis ist, bis auf die neuen Kommaregeln, atemberaubend. Jedenfalls erfüllt es den ursprünglichen Anspruch, einfacher zu sein, keineswegs, ist günstigstenfalls anders.
: Ein atemberaubendes Chaos. Neue Rechtschreibung: Nicht Heilslehre, sondern Alltagsinstrument; SZ vom 31. Juli/1. August (II). Süddeutsche Zeitung, , nr. 180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Ich möchte […] ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Aufgabe einer jeden Rechtschreibnormierung darin besteht, für jedes Wort möglichst eine und nur eine korrekte Schreibweise festzulegen […]. Wenn die in Deutschland an der Macht befindliche Sprachwissenschaft nicht in der Lage ist, eine sachlich fundierte und dem Geist der Sprache entsprechende Reform auszuarbeiten, so ist das traurig.
: Ein atemberaubendes Chaos. Neue Rechtschreibung: Nicht Heilslehre, sondern Alltagsinstrument; SZ vom 31. Juli/1. August (III). Süddeutsche Zeitung, , nr. 180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Wortvergewaltigungen, unlogische Zusammenhänge, oft hirnrissige Trennungen sowie unerklärbare Wortkombinationen sind jetzt an der Tagesordnung.
: Ein atemberaubendes Chaos. Neue Rechtschreibung: Nicht Heilslehre, sondern Alltagsinstrument; SZ vom 31. Juli/1. August (IV). Süddeutsche Zeitung, , nr. 180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Ich verstehe unter "maßhalten" etwas anderes als unter "Maß halten"!
: Ein atemberaubendes Chaos. Neue Rechtschreibung: Nicht Heilslehre, sondern Alltagsinstrument; SZ vom 31. Juli/1. August (V). Süddeutsche Zeitung, , nr. 180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
"Interesse" kommt von "zwischen sein": inter-esse, […] und wer‘s anders trennt, kriegt eines auf die ...").
: Desinteresse der schweigenden Mehrheit. Flop für Gegner der Schreibreform; SZ vom 29. Juli. Süddeutsche Zeitung, , nr. 180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Jedermann in England, Italien oder sonstwo, besonders in Frankreich, wo es sogar Gesetze zum Schutz der Sprache vor Fremdeinflüssen gibt — von denen wir uns ruhig eine Scheibe abschneiden sollten —[,] würde sich heftig dagegen wehren, wenn ein Provinzpolitiker eine Reform der Sprache gegen das ganze Volk beschlösse. Deswegen ist es beschämend, wenn sich von 3,4 Millionen Berlinern nur 80 000 gegen die Verhunzung ihrer Schriftsprache zur Wehr setzten beziehungsweise setzen konnten.
: Jetzt mehr klare Regeln. Rechtschreibreform: Saxofonmusik in allen Boutiquen; SZ vom 31. Juli / 1. August (I). Süddeutsche Zeitung, , nr. 180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Beispiele, in denen ich weiter auf alte Art oder abwechselnd in neuer und alter Orthographie schreibe: Orthographie ("Ortografie" wäre für mein Sprachgefühl erträglich, "Orthografie" nicht), Delphin, Telephon, placieren (weder nach neuer noch nach alter, sondern nach uralter Rechtschreibung), Differentialrechnung, Graphentheorie (Teilgebiet meines Faches, der Mathematik), hot Dog, multiple Choice, […]
: Jetzt mehr klare Regeln. Rechtschreibreform: Saxofonmusik in allen Boutiquen; SZ vom 31. Juli / 1. August (II). Süddeutsche Zeitung, , nr. 180, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Die Nachrichtenagenturen […] wollten Fremdwörter aus lebenden Sprachen nicht eindeutschen. Als Beispiel gibt die SZ ausgerechnet Necessaire an. Diese Form ist aber bereits eingedeutscht. Die französische Schreibweise wäre nécessaire mit kleinem Anfangsbuchstaben und Akzent.
: Unterm Strich. Die Samstagskolumne. Südkurier,
Nein, keine empörten Stimmen, keine Vergällten — die erwarteten Leserbriefe und Protestanrufe sind ausgeblieben. Wo seid Ihr, Erbsenzähler, die Ihr penibel jeden Fehler entdeckt, Buch führt und die gesammelte Liste der falschen Schreibungen einschickt?
: Kutips zum Wochenend. taz Bremen, , nr. 5906, s. 23, Kultur
Wir haben schon immer geahnt, dass nach Rechtschreibreform und Sonnenfinsternis nichts mehr so sein wird, wie es war.
Zippert zappt. Die Welt, , Feuilleton
Also sollen Dipsy, Tinky Winky, Laa-Laa und Po offensichtlich Erwachsene an den Kinderkanal binden. […] Vielmehr werden auch Eltern rasch begreifen, sich mit Stammellauten wie Eh-oh und Uh-oh zu verständigen. Und der Rechtschreibreform folgt endlich die konsequente Modernisierung auch der deutschen Restsprache.
: Bitte, wie schreibt man "Oacheln"? Die Presse, , Chronik
Die ersten Tage in "neuer Rechtschreibung" haben die Zeitungsredaktionen wacker überstanden. "Hoppalas" nahmen die Leser langmütig hin. […] In der ersten Woche nach der Umstellung konzentrierten sich alle Schreiber dieses Landes besonders auf die Einhaltung der Regeln, die so gebieterisch über sie hereingebrochen sind. […] "Die Presse" hat sich an dieser "Reform" nicht beteiligt, gestützt durch die jüngste Leser-Umfrage. Aber sie hat natürlich spiegelverkehrt die selben Probleme wie jene Redaktionen und Nachrichtenagenturen, die umgestellt haben (umgestellt wurden).

Dieselben schreibt man allerdings alt und neu zusammen.

: Schreibreform: Begrüßte Verweigerung (I). Die Presse, , nr. 15.438, Spectrum, s. XI, Tribüne der Leser
Herzlichen Glückwunsch und Dank der "Presse", daß sie getan hat, was selbstverständlich sein sollte: nämlich die Leser befragen, wenn so etwas Einschneidendes vorgenommen werden soll wie die sogenannte Rechtschreibreform.
: Schreibreform: Begrüßte Verweigerung (II). Die Presse, , nr. 15.438, Spectrum, s. XI, Tribüne der Leser
Es ist aber auch nicht anzunehmen, daß angesichts einer immer stärker um sich greifenden geistigen Nivellierung nach unten ein stärkeres Engagement für ein Kulturgut "Deutsche Sprache" zu erwarten ist.

6. 8. 1999

: Glossiert. Da bin ich sprachlos. Aachener Nachrichten, an-online,
Wenn ich nur daran denke, wie lange es bei mir gedauert hat, bis ich kapiert hatte, dass man "nummerieren" nur mit einem "m" schreibt. Und jetzt gilt plötzlich das Stammlaut-Prinzip und man schreibt "nummerieren" jetzt so, wie ich mir das erfolgreich abgewöhnt hatte.
(): Die Schicksale hinter den Zahlen. Lesertelefon. Berliner Zeitung, , Freizeit
Klaus Schrotthofer, stellv. Chefredakteur, beantwortet Leserfragen. […] Herr Gins, Siemensstadt: […] Viele Leser hätten sich gefreut, wenn die Berliner Zeitung den Unsinn der Rechtschreibreform nicht mitgemacht hätte […]. Ja, auch manchen Journalisten fällt die Umstellung schwer. Aber es wäre kaum möglich gewesen, als einzige Zeitung bei der alten Rechtschreibung zu bleiben, während fast alle anderen Medien und Agenturen umstellen.
: Aus dem Schloßplatz wird kein Schlossplatz. Frankfurter Neue Presse, Höchster Kreisblatt, , Lokales
"Oh Gott, daran hat bei uns ja noch niemand gedacht", lacht Gabriele Dehmer, Leiterin des Frankfurter Straßenbauamts. […] Die Leiterin des Straßenbauamts geht davon aus, daß die neue Rechtschreibung zukünftig bei der Bestellung von Schildern angewandt wird.
: Großes Interesse an Rechtschreibung. STZ intern. Stuttgarter Zeitung, , Stuttgart
Das Interesse unserer Leser an den neuen Rechtschreibregeln übertrifft alle Erwartungen. Bereits wenige Tage nach dem Angebot, sich durch eine kostenlose Broschüre über die neue StZ-Schreibweise zu informieren, ist die erste Auflage von 2000 Exemplaren vergriffen.
: Jedem seine Schreibreform. Quergeschrieben: Der "Presse"-Kommentar von aussen. Die Presse, , Innenpolitik
Die neue Schreibweise gilt erst seit ein paar Tagen, aber jetzt schon zeigen sich zwei Phänomene. Erstens: das Chaos ist größer als anfangs erwartet. Zweitens: es macht nichts. […] Kein Schaden, wenn künftig die Orthographie ein bißchen weniger wichtig wird.

5. 8. 1999

: Bibliothèque Nationale: Wehe, wenn der Wurm drin ist. Basler Zeitung, , Ausland
Die wirkliche Katastrophe in der neuen Pariser «BN» ist das Informations- und Suchsystem. […] Allein die französische Orthographie stellt jeden Informatiker vor irrwitzige Probleme.
: Unnütz, aber harmlos. Herrje, die Rechtschreibreform! Weltwoche, , nr. 31, Ressort Wissen
Auch diese Zeitung hat mit der vorliegenden Ausgabe umgestellt. Weil jedoch bei uns – wie anderswo – selten von behänden Gämsen die Rede ist, die sich aufwändig schnäuzen und dank überschwänglicher Tipps ihr Potenzial erhöhen, werden viele Leser den Vollzug kaum bemerken. […] Streiten wir also nicht weiter darüber, ob uns die Reform gefällt oder nicht. Wir haben etwas bekommen, was wir nicht wollten und auch nicht brauchen. Wo es uns nicht passt, können wir ja davon abweichen.
: Sprachberaterin hilft per Telefon bei neuer Rechtschreibung. Der heiße Draht zur fehlerlosen Rechtschreibung führt jeden Mittwoch ins Haus des Buches. Leipziger Volkszeitung Online, , Meldungen aus der Region Leipzig
Der Verfall der deutschen Kultur droht, glaubt man einzelnen Anrufern. Ruth Geier denkt dagegen praktisch. "Sprache ist ein Werkzeug, um Dinge auszudrücken und sich selber zu präsentieren", sagt die Germanistin.
"Ich stelle mich nicht um!" Mainpost, , Schweinfurt-Land
Welche Meinung haben Bewohner des Landkreises Schweinfurt? Obwohl Werner Aumüller und Ulrike Bayer aus Obereuerheim einräumen, dass vieles durch die Rechtschreibreform vereinfacht sei, bezeichnen sie diese als "Quatsch". Einerseits sei es schwer, all die Änderungen zu verinnerlichen [,] und andererseits "ist es einfach unsinnig, dass keine einheitliche Lösung gefunden werden konnte und die Rechtschreibreform nicht in ganz Deutschland gilt", beschwert sich das Pärchen.
: "Sie Drecksack" fällt schwer. Warum die Duz-Freudigkeit immer mehr zurückgeht. Saarbrücker Zeitung, , Themen des Tages
Unserem "Du" wird seit der Rechtschreib-Reform in der Anrede auch keine so große Bedeutung mehr beigemessen: Duzt man jemanden, so besteht kein Anlass mehr, durch Großschreibung besondere Ehrerbietung zu bezeugen.
: Kirche Vorreiter der Rechtschreibreform. Stuttgarter Zeitung, , Kreis Böblingen
Der deutsche Protestantismus sollte beim Anwenden der neuen Rechtschreibung eine Vorreiterrolle einnehmen. Dafür hat sich der Leonberger Dekan Hartmut Fritz in einem Schreiben an alle Pfarrämter und kirchlichen Einrichtungen seines Kirchenbezirks ausgesprochen.
: Ein Känguru als Kampagnenkiller. Die Welt, , Wirtschaft
Während seit Sonntag die Nachrichtenagenturen und die meisten Zeitungen auf das neue Regelwerk umgestellt haben, wird es in der Werbung wohl ein buntes Nebeneinander von Alt und Neu geben.
Pressestimmen. The Independent. Die Presse, , nr. 15.436, s. 2
Das britische Blatt mokiert sich über die deutsche Rechtschreibreform. […] Die Art, wie diese Fragen entschieden werden, scheint unsere nationalen Vorurteile zu bestätigen.
: Umstellung mit kleinen Problemen. Der Standard, , s. 31, Leserstimmen
Als wissenschaftlichen Leiter der Rechtschreibkommission freut es mich sehr, dass ich Ihnen zur geradezu vorbildlichen Umstellung auf die neue Schreibung gratulieren kann.
: Orthografischer Imperativ. Der Standard, , s. 31, Leserstimmen
Durch das Reförmchen (bzw. Reformerl; wurde der austriakische Diminutiv nicht im EU-Beitrittsakt festgeschrieben?) ist zumindest die enge Beziehung zwischen Orthografie und Selbstverantwortung sichtbar geworden.
: Semantische Begründungen. Der Standard, , s. 31, Leserstimmen
Anstatt Absurditäten wie Teeei hervorzuheben (schreiben Sie doch weiterhin Tee-Ei, wenn es der Lesbarkeit dient), wäre es meiner Meinung nach lohnender, über die gerade von Schriftstellern beklagte angebliche Sprachverarmung nachzudenken.
: 60 Jahre Majonäse und das Tee-Ei. Der Standard, , s. 31, Leserstimmen
Die eindeutschende Schreibweise Majonäse steht schon seit mehr als 60 Jahren so im Duden.

4. 8. 1999

: (Bären-?)Dienst am Leser. Zur letzten Etappe der Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 178, s. 50, Feuilleton
Mit der Leserfreundlichkeit haben auch die Reformgegner stets argumentiert, anders als die Reformbetreiber, deren zentraler Impuls darauf zielt, das Schreibenlernen zu erleichtern. Der Dissens ist grundsätzlich und scheint unüberbrückbar.

Es ist das schicksal jeder rechtschreibreform, wegen angeblich schlechterer lesbarkeit abgelehnt zu werden — das war schon bei der abschaffung der fraktur so, die natürlich viel besser lesbar war. Das schreibenlernen ist uns ein anliegen, aber nur einfache gemüter denken monokausal.

: Wer wann wie Neu-Deutsch schreibt. Viele Unternehmen haben sich bereits auf die Rechtschreibreform eingestellt. Berliner Morgenpost, , Berlin
In den Bundesbehörden und -verwaltungen ist seit dem 1. August die neue Rechtschreibung Amtssprache und wird in jedem amtlichen Schriftverkehr verwendet. Der Berliner Senat bietet noch kein einheitliches Erscheinungsbild.
: Starke Ablehnung. Berliner Zeitung, , Leserbriefe (93 wörter)
Es ist bedauerlich, dass die Diskussion um die Rechtschreibreform derartig emotional geführt wird. Es geht hier nicht um einen Eingriff in die Sprache, sondern lediglich um eine Reform der Schreibweise.
: Die neue Rechtschreibung: Behörden gehen sie langsam an. Umstellung sorgt für keine große Aufregung bei Ämtern — Endgültiges In-Kraft-Treten der neuen Regeln bis 2005 — Schulungen und Rechtschreibkonverter. Fränkischer Tag, , Hassberge
Pünktlich ein Jahr nach der offiziellen Einführung der Neuerungen nahmen sich die Medien der neuen Regeln an und versuchen seit vier Tagen, sich und die Bevölkerung an das teilweise befremdliche Schriftbild zu gewöhnen. Wie schnell mahlen die Mühlen der Behörden? Der FT fragte in Amtsstuben im Landkreis nach, was in Sachen neue Rechtschreibung passiert.
: Änderung von Straßennamen nicht geplant. Keine Auswirkungen der Rechtschreibreform. Leipziger Volkszeitung Online, , Meldungen aus der Region Leipzig
Muss das Sporergäßchen künftig Sporergässchen heißen? […] Auf Straßen und Plätze haben die geänderten Regeln keine Auswirkungen, meinen die Fachleute. […] Wie Familiennamen mit ß durch die Reform nicht verändert werden, so hätten auch die Straßenbezeichnungen "als Ganzes" Bestandsschutz.

Und wenn nun in einem neubaugebiet ein neues gässchen entsteht? Gewiss wird man nicht nur wegen der neuregelung schilder austauschen, aber ein gäßchen wird selbstverständlich zum gässchen. Wem soll denn mit einer in alle ewigkeit fortgesetzten sonderschreibung gedient sein? Oder wird der name auch beibehalten, wenn ein gässchen zur vierspurigen durchgangsstrasse ausgebaut wird?

: Noch etwas unsicher im Umgang mit "scharfem S". Telefonaktion der Zeitungsgruppe Main-Post zur Rechtschreibreform. Mainpost, , Bayern
Die seit Montag auch in den deutschsprachigen Tageszeitungen umgesetzte neue Rechtschreibung gehört offenbar nicht zu den Themen, die viele Leserinnen und Leser der Zeitungsgruppe Main-Post besonders bewegen. Gerade mal zwei Dutzend Anrufe registrierten die Vertreter der Redaktion gestern Vormittag am Servicetelefon. […] "Mehr Reform" gewünscht hätte sich auch ein Leser aus Würzburg, nach dessen Ansicht nur eine grundsätzliche Kleinschreibung (Eigennamen und Satzanfänge ausgenommen) eine wirkliche Vereinfachung bringen würde.
: Warum wir uns "nahe stehen" und nicht mehr "nahestehen". Dr. Klaus Heller und Professor Dieter Herberg beantworteten Fragen unserer Leser zur neuen Orthografie. Mannheimer Morgen, , Kultur
Bei unserer gestrigen Telefonaktion, bei der Leser Fragen stellen konnten, wurde auch grundsätzliche Kritik an den neuen Regeln geübt […]. Die meisten Fragen an Professor Dieter Herberg und Dr. Klaus Heller vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache drehten sich allerdings um die Inhalte der Reform.
: Rätselraten um Straßennamen. Anwendung der Rechtschreibreform auf diesem Gebiet in Rathäusern noch unklar. Nordkurier-Online, , Lokales Fenster Neustrelitz
Heißt die jetzige Schloß- im Zuge der Durchsetzung der Rechtschreibreform beispielsweise in den Städten Neustrelitz und Mirow künftig richtigerweise Schlossstraße?
: Trotz Reform: Darß bleibt Darß. "...und wenn die ganze Flussschifffahrt den Bach runter geht." Schweriner Volkszeitung, , Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern
Na ja, schön findet sie hier eigentlich niemand — die Rechtschreibreform. Und hilfreich auch nicht. In den vorpommerschen Dörfern Lüßmitz, Lüßvitz, Bußvitz und Voßberg nimmt man sie aber gelassen hin — solange der Ortsname nicht angetastet wird. "Dat würd' echt to wid gahn", wie ein oller Fahrensmann aus Lüßvitz auf der Insel Rügen meint. "Wieso de ut Sassnitz sich ümnannt hebb'n, dat weet ick ok nich."
: Querspalte. Undurstig. die tageszeitung, , nr. 5903, s. 5
Ist es nessessär, über die Rechtschreibreform noch weitere Worte zu verlieren? Schon, aber nur ein paar, sind die Neuregelungen doch ein dankbares Thema, wenn in geselligen Runden der Gesprächsstoff ausgeht: Ja, da werden Millionen verdient, Wörter vergewaltigt und Sinne entstellt.
: Kritiker finden Rechtschreibfehler. die tageszeitung, , nr. 5903, s. 7
Nach Auffassung des Reformgegners Friedrich Denk hat in den Medien die Umstellung noch nicht geklappt. Schon auf den ersten Blick habe er Fehler gefunden.
Die anderen. "The Independent" (London) über die deutsche Rechtschreibereform / "De Standaard" (Brüssel) zur Dioxinkrise / "Die Presse" (Österreich) zum Steuervorschlag von SPD-Fraktionschef Peter Struck. die tageszeitung, , nr. 5903, s. 12
Die Briten sind für lexikalischen Pragmatismus, die Franzosen halten sich an die Akademie Française, die Deutschen warten auf Befehle von oben. Nur stellt sich jetzt heraus, dass sie das gar nicht tun.
: Hardrock gegen die Midlifecrisis. Wird Friseur zum Frisör, geht die Kutür vor die Hunde / Fremdwörter / Teil 8. taz Bremen, , nr. 5903, s. 24
Klar, dass sich niemand an die feinen Herrschaften aus der griechischen Wissenschaft und Kunst herangewagt hat. Philosophie, Philharmonie und Rhythmus bleiben bis auf weiteres unnahbar und unangetastet.
Gérard Mortiers Verharmlosung. Salzburger Nachrichten,
Statt Tschüss Peymann! heisst's Adieu Mortier! Der Steinkauz findet, daß die Herren einander sehr ähnlich sind, wenn auch festzustellen ist, dass der Belgier das schönere Deutsch spricht. Und Französisch sowieso: Er weiß, dass man Chance sagt und nicht Schangse, welche Variante bekanntermassen (oder -maßen?) nicht einmal in der Rechtschreibreform eine Schanze hatte. So, womit auch der Steinkauz seinen Senf zum Tema (oder heißt — heisst?!? — es noch immer Thema?) der Woche gegeben hat.

3. 8. 1999

: Gleitzeit. Frankfurter Rundschau, , Feuilleton, Times mager
Die printmediale Einführung der Rechtschreibreform beispielsweise kommt mit dem Charme anarchischer Beliebigkeit daher. Das Diktat der Presseagenturen, vom 1. August an die neuen Schreibungen über die Ticker zu schicken, zeitigt seit gestern ein öffentliches Üben in den meisten Blättern. […] Die angewandte Rechtschreibreform und die forcierte Aufweichung des Ladenschlussgesetzes sind nur zwei Beispiele dafür, dass sich die Republik im Übergang befindet.
: Einführung der Rechtschreibreform löst Kritik aus. Initiative stellt neues Wörterbuch mit alten Regeln vor. Heilbronner Stimme,
Die Einführung der neuen Rechtschreibung bei den meisten deutschen Zeitungen ist nach Ansicht des Reformgegners Friedrich Denk ein "schwarzer Tag für die deutsche Sprache, die deutsche Literatur, die Zeitungen und die Demokratie." […] Das am Montag in München vorgestellte Werk des Erlanger Professors Theodor Ickler soll die "allgemein übliche Rechtschreibung" in Deutschland festhalten, wie Matthias Dräger von der Bürgerinitiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" sagte. "Nach der Reform haben die Millionen, die sich der Neuregelung verweigern, sonst kein Nachschlagwerk mehr […]", sagte Ickler.
: Frau Zahn merzt den Fehlerteufel aus. Und erklärt uns die Rechtschreibreform. Frankfurter Neue Presse, , s. 12, Lokales
Die Frankfurterin Ingeborg Zahn kann über die Wichtigtuer, die das Thema aufbauschen, nur lachen. "Im Grunde sind es nur ein paar Regeln, die man sich merken muss. Die sogenannten Experten erklären das oft viel zu kompliziert. Ich benutze ganz einfache Merksätze", sagt die 55-jährige, die als freie Korrektorin arbeitet. […] Zu den häufigsten Fehlern gehört ihrer Meinung nach die Schreibung von "am besten". "Die meisten schreiben das ,b' groß. Dabei handelt es sich doch um eine Steigerungsform von ,gut' und nicht um ein substantiviertes Adjektiv", so die begeisterte Korrekturleserin.
: Schönste Nebensache. Peter Blochwitz, die Rechtschreibung, der Fußball. Lausitzer Rundschau, , Kultur
Es ist einem schier unmöglich, nachdem man sich Blochwitz' Texte 'reingezogen hat, noch vergnatzt über das Mäuslein zu sein, das ein kreißender Berg von vermeintlichen Sprachexperten geboren hat. Die Leichtigkeit, mit der der Autor sich des Reförmchens annimmt und uns klar macht, dass "muss" jetzt immer mit "ss" zu schreiben und was sonst noch zu beachten ist, baut Brücken zu noch Ungewohntem, fremd Aussehendem.
: Ausnahmen. Lausitzer Rundschau, , Lübben
Ich muss zwar manche Wörter anders schreiben, aber regelmäßig im Duden nachschlagen, ob sie nicht doch so wie früher geschrieben werden.
: "Duden" für Reformgegner. Mannheimer Morgen, , Kultur
Einen Tag nach der Übernahme der Rechtschreibreform durch die meisten deutschsprachigen Zeitungen hat die Initiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" in München ihren "Ersatz für den Duden" vorgestellt. Die "Deutsche Einheitsorthographie" wurde von dem Erlanger Linguistik-Professor Theodor Ickler verfasst.
Gegner lassen nicht locker. Nürnberger Zeitung, , Bayern
Matthias Dräger […] setzt auf die EU. Er hofft, dass der Europäische Gerichtshof die Reform noch stoppt.
OP kennzeichnet Änderungen der neuen Rechtschreibung. Oberhessische Presse,
Überwiegend mit Zustimmung reagierten gestern Leserinnen und Leser auf die Einführung der neuen Rechtschreibung in der OP. […] Auf einer Zeitungsseite werden wir den gesamten August die Änderungen im Vergleich zur alten Rechtschreibung durch Kursivschrift kennzeichnen — um so die Gelegenheit zu geben, sich spielerisch näher mit den Regeln der neuen Rechtschreibreform vertraut zu machen.
: Reformgegner schlagen zurück. Stuttgarter Nachrichten, , Hintergrund
Einen Tag nach der Übernahme der Rechtschreibreform durch die meisten deutschsprachigen Zeitungen hat die Initiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" in München ihren "Ersatz für den Duden" vorgestellt.
: Straßenschilder bleiben vorerst in der alten Rechtschreibung. Stadt nutzt die Übergangsregelung bis 2005 aus — Nur 17 Straßennamen müssen den neuen Regeln angepasst werden. Stuttgarter Zeitung, , Stuttgart
Der Rathausmitarbeiter versichert, dass bei neuen Straßennamen auf jeden Fall gleich die neue Konsonantenschreibung berücksichtigt werde. Als günstig für die Stadt Stuttgart erweist sich nach Ansicht von Baumann die große Zahl an Personennamen, wie Johannes-Brenz-Platz oder Theodor-Heuss-Straße, da diese vor allen orthografischen Reformen gefeit sind.
: Dänen lachen zuletzt. Süddeutsche Zeitung, , Berlin-Seite
In Berlin treffen sich in dieser Woche 3000 Esperanto-Anhänger aus 65 Ländern. Die Geschäftsführerin des Deutschen Esperanto-Bundes, Ursula Niesert, hat den Weltkongress mit organisiert. […] SZ: Sind sie von der Rechtschreibreform betroffen? Niesert: Nein. Unsere Grammatik ist seit der Erfindung vor über hundert Jahren unverändert. Nur der Wortschatz erweitert sich.
: Wir Wunderkinder. Beim Sommerkonzert zu Ehren der Karl-Böhm-Stiftung treten junge Virtuosen auf – und wackere Corps-Studenten applaudieren. Süddeutsche Zeitung, , München
Ums Besondere geht es, seit sich Bjørn Lillegraven, Redner der Münchner Corpsstudenten, die das Konzert veranstalten, auf der Bühne im Samtvorhang verheddert hat. "Auch in Zeiten der Rechtschreibreform und sonstiger Versuche der Nivellierung: Was ist so verwerflich an Eliten?" rief er in den Saal. Das fragt sich auch Michael Samtleben vom Corps Saxo-Thuringia: "Man braucht eine kleine Schicht von exquisiten Leuten auf allen Gebieten."

Die kleine schicht von exquisiten leuten auf dem gebiet der rechtschreibung findet sich im Bund für vereinfachte rechtschreibung.

: Zwischenruf. Bundesrat-Blues (bzw. -Ode). Salzburger Nachrichten,
Die gute Nachricht zuerst: Die Rechtschreibreform trifft den Bundesrat nicht. Abschaffen schreibt man auch fürderhin nicht mit drei "f". Die schlechte: Heide Schmidt redet vom Auflösen, Van der Bellen, Lugner und sogar der prominente Sozialdemokrat Nowotny, von dem wir immer dachten, daß er unter dem Namen Konecny im Bundesrat sitzt.
: Soufflé. Mehr Dialekt! Der Standard, , s. 11, Kommentar
A echta Bayer schert si um di Rechtschreibreform von dene Preuß'n an Schmarr'n! Peter Gauweiler etwa hat andere Sorgen mit Sprachtraditionen. Als CSU-Abgeordneter im Bayerischen Landtag forderte er, schleunigst einen Bericht zur "Rettung der bayerischen Sprache" zu erstellen.

2. 8. 1999

: Jetzt gelten die neuen Regeln. Rechtschreibreform: Auch die AZ stellt ab heute um. Aargauer Zeitung,
Dabei handelt es sich keineswegs um eine umwälzende Neuerung, denn von den rund 120 000 deutschen Wörtern, wie sie der "Duden" auflistet, ändern nur gerade deren 185 ihre Schreibweise und in vielen Fällen gilt sogar die Freiwilligkeit.
: Ab heute gelten die neuen Schreibregeln. Rechtschreibreform: Keine einschneidenden Änderungen, doch behutsame Vereinfachung und Anpassung. Aargauer Zeitung,
Jetzt wird es für nahezu 100 Millionen Menschen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz mit der deutschen Rechtschreibreform richtig ernst: In den meisten Zeitschriften und Zeitungen — darunter auch der AZ — werden alle Texte nach den neuen Regeln veröffentlicht.
: BaZ-Deutsch: Auf dass die Spaghetti ihr «h» nicht verlieren. Basler Zeitung, , Tagesthema
Keiner der radikalen «Verbesserungs»-Vorschläge aus den Anfängen der Orthografie-Diskussion hat sich letztlich durchsetzen können. Auch in Zukunft wird in der Basler Zeitung ein typisch italienisches Nudelgericht «Spaghetti» heissen. […] Dass in der Schweiz eine andere Sprachkultur gewachsen ist als bei den deutschprachigen Nachbarn, darf sich getrost in einem anderen Sprachbild dokumentieren. […] In der BaZ bleibt der Denker schön altmodisch «Philosoph», und der Bildermacher wird schön neuzeitlich zum «Fotografen» verschlankt.
: «Es ist eine massvolle Reform.» Gespräch mit Rainer Schmatz, Leiter Korrektorat der «Neuen Luzerner Zeitung». Neue Luzerner Zeitung, , Tagesthema
Die Rechtschreibreform gilt jetzt auch für unsere Zeitung. Was ändert damit? Und was bezweckt die ganze Sache? […] Schmatz: Wir haben mehrere Zeitungsseiten unter Berücksichtigung der neuen Orthografie korrigiert und festgestellt, dass es pro Seite durchschnittlich sechs bis sieben Änderungen gibt. Also werden die Neuerungen den Leserinnen und Lesern nicht ins Auge stechen.
: Dass jetzt die Reform gilt, bringt kaum Stresssituationen... Aachener Zeitung,
Eine kleine AZ-Umfrage hat ergeben, dass es auch in der Europastadt Aachen in vielen Bereichen vorerst weitgehend beim Alten bleibt — zumindest, solange der Trend zur reformierten Schreibe sich noch nicht durchgesetzt hat. […] «Ich habe den Eindruck, dass wir momentan dringendere Probleme angehen müssen», meint auch Manfred Piana, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes, lapidar. Und ist sich zumindest darin mit Achim Plaum, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei der Sparkasse, einig — nicht zuletzt im Hinblick auf die Herausforderungen an Kollege Computer in Sachen Jahrtausendwende. […] Dass sein Dienstherr — das Wissenschaftsministerium — dem Gelehrten längst befohlen hat, im offiziellen Schriftwechsel grundsätzlich die neuen Regeln zu beachten, ficht Christian Stetter nicht an. «Das ist doch absurd. Von mir aus kann die Ministerin mir bei dienstlichen Schreiben ja einen Rechtschreibfehler anmalen . . .»
: Die neue Rechtschreibung. Berliner Morgenpost, , Titelseite
Wir übernehmen die «modifizierte» Rechtschreibung — was bedeutet, dass nicht jeder Unsinn der Rechtschreibreform mitgemacht wird. […] So wird denn in Zukunft bei uns Katarina Witt «Eis laufen», aber der Artist «seiltanzen». Warum das so sein soll, hat auch der Streit der vergangenen Monate nicht erhellen können. Aber wir werden uns daran gewöhnen. Alfred Brehm schrieb vor gut 100 Jahren sein «Illustrirtes Thierleben», und die deutsche Sprache hat keinen Schaden dadurch genommen, dass inzwischen ein «e» hinzukam und ein «h» wegfiel.
: Rechtschreibreform hat die Presse erfasst. Express,
Um Nachsicht bei Fehlern, «Verständnis für Rückfälle» und um Gelassenheit angesichts der Reform baten am Sonntag mehrere Zeitungen.
: Rechtschreibkonflikt im Norden. Express,
Seit fast einem Jahr ist Schleswig-Holstein eine Rechtschreibinsel. […] Doch jetzt peilt ausgerechnet die CDU, die im Vorjahr vehement das Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform unterstützt hatte, einen raschen Kurswechsel hin zur modernen Schreibweise an.
: Zum Tage. Frankenpost, , Kultur
Korrekte Rechtschreibung, nach allen Regeln der Reform, wird bei uns gross geschrieben, ich meine groß geschrieben - oder doch, unreformiert, großgeschrieben?
: Der vergiftete Sieg. Frankfurter Allgemeinen Zeitung, , nr. 176, s. 1, kommentar
Die Reform hat nun gesiegt, und zwar auf dem Verwaltungsweg. Das ist ein würdiger Triumph für ein Unternehmen, das vor zwanzig, dreißig Jahren aus dem Idealismus entstanden war, den Sprachlosen in dieser Gesellschaft könne mit den Mitteln der Rechtschreibung zu Anerkennung und Stimme verholfen werden. Denn auf diese Idee geht der Vorsatz zurück, mit Hilfe des Staates einen Bruch in der Entwicklung der deutschen Schriftsprache zu verfügen. Von den großen Plänen der Reform, in deren Zentrum einst die Kleinschreibung der Substantive stand, ist kaum etwas geblieben.
: Theorie bleibt Theorie. Kommentar. Frankfurter Rundschau, , Wirtschaft
In der Ökonomie ändert sich mit der neuen Rechtschreibung relativ wenig. […] Die Verfasser von Bilanzen müssen allerdings etwas umdenken. Denn aus Überschuß wird Überschuss. Der Verlust hingegen prangt unverändert im allerdings gewandelten Abschluss.
: Jetzt neue Rechtschreibung im Abendblatt. Hamburger Abendblatt, , Hamburg
Auch bei uns in den Redaktionen herrscht Kopfschütteln über manches, das sich die Reform-Germanisten ausgedacht haben. Die eine oder andere Ungereimtheit wird eines Tages von selbst der Macht des Faktischen erliegen, weil sie nicht angenommen wird.
: Eine sehr, sehr deutsche Reform. Hamburger Abendblatt,
Doch wer ein richtiger Deutscher ist, strebt nach Regeln, die in erster Linie klar und erst in zweiter Linie plausibel zu sein haben. […] Die "neue" Rechtschreibung von 1998/99 soll einfacher sein als die "alte" von 1901/1902. Ist sie einfacher? Für Klein Fritzchen im Deutschunterricht wohl kaum. Ausnahmen wurden aufgehoben, andere dafür neu geschaffen.
: Wir über uns: Rechtschreibreform. Hannoversche Allgemeine,
Heute ist es so weit, heute ist Premiere! […] Vom heutigen Montag an setzt die HAZ die Rechtschreibreform um. Sie tut dies ohne Euphorie, eher gleichmütig, weil sich auch die in Deutschland wirkenden Nachrichtenagenturen entschlossen haben, von nun an die neuen Regeln anzuwenden. […] Neben dem schier undurchdringlichen Dickicht der Getrennt- und Zusammenschreibung, das trotz vieler Änderungen hübsch weiterwuchert, wurde das Regelwerk freilich auch gelichtet.
: Kommentar: Rechtschreibung — Im Fluss. Hannoversche Allgemeine,
Jetzt kommt die Reform in den Alltag. […] Diese Rechtschreibreform ist nie eine Sache des Volkes gewesen. […] Bei der Umstellung der Postleitzahlen zum Beispiel war mit Millionenbeträgen um Akzeptanz geworben worden, bei der neuen Rechtschreibung hielten es die Kultus­minister aber nicht einmal für nötig, Broschüren für ein besseres Verständnis ihrer Pläne zu drucken. […] Weil es nach dem langen Streit außer in den Schulen überall an Akzeptanz und Einsicht fehlt, wird es lange Zeit Verwirrung geben. […] Aber war es nicht schon lange so? Das Institut für deutsche Sprache in Mannheim hat gerade erst vor ein paar Jahren fast der Hälfte aller Deutschen für ihre Rechtschreib­kenntnisse die Noten "mangelhaft" oder "ungenügend" gegeben. Sie pflegten also längst ihre eigene Orthografie. Dass die Reform keine echte Hilfe­stellung bietet, weil sie halbherzig ausgefallen ist und auf eine radikale Erleichterung der Schreibung verzichtet, ist daher das Problem — und nicht, dass private Briefe nicht den gleichen Regeln folgen wie Behörden­schreiben und dass Alt und Neu vielleicht auf einer Zeitungs­seite nebeneinander stehen.
Ordnung wollten schon die Gebrüder Grimm. Mainpost, , Hintergrund
Die heutige Reform ist keine Nacht-und-Nebel-Aktion. Mit den Vorarbeiten begann man schon in den 70er Jahren in Berlin, Rostock und Mannheim.
: Eine Philosophie zur neuen Orthografie. Rechtschreibreform im Alltag. Mainpost, , Meinung
Die Reform ist im Fluss und nicht mehr aufzuhalten. […] So empfiehlt sich eine vorwiegend von Zuversicht getragene Philosophie der Orthografie. Zu lange wurden deren Veränderungen von Gegnern verteufelt, so lange, bis selbst beim Gutwilligsten jede ordentliche innere Einstellung dazu flöten ging. […] Wir mussten den Blick auch auf unsere Leser von morgen richten. Die Zukunft soll gleichsam Empfehlung für alle sein, die orthografischem "Schnelllauf" oder "See-Elefanten" nicht das Geringste abgewinnen können.
: Telefonaktion zur Rechtschreibung. Mannheimer Morgen, , Kultur
Um unseren Lesern Gelegenheit zu geben, sich mit Fachleuten über die Reform zu unterhalten und Fragen zu stellen, haben wir Dr. Klaus Heller vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache für eine Telefonaktion eingeladen. Am morgigen Dienstag, 3. August, wird er zwischen 16 und 18 Uhr zusammen mit seinem Kollegen Professor Dieter Herberg in unserer Redaktion am Telefon sein.
: Bei "Pappplakat" sträuben sich dem Kulturamtschef die Haare. Die Rechtschreibreform auf dem Weg in die Amtsstuben - doch willkommen ist sie dort nicht. Nordkurier-Online, , Lokales Fenster Demmin
Landkreis-Sprecher Jörg Rau geht noch weiter. Obwohl die Kreisverwaltung mit dem Stichtag 1. August offiziell die neue Rechtschreibregelung in ihrem Schriftverkehr eingeführt […] hat, will Rau sich bis auf weiteres an die alten Regeln halten. "Ich lehne diese Reform ab, weil ich es für absolut unverständlich halte, sich mit einem derartigen Aufwand und derartigen Kosten mit solchen Dingen zu befassen. Die Sprache wird vom Leben geschrieben, und nicht von irgendwelchen Gesetzgebern."

Vgl. dreikonsonantenregel. Im übrigen hat hier wohl das leben ein komma zuviel gesetzt.

: Kommentar/Hintergrund: Nussdorf, Eussertal, Rot. Rheinpfalz, , Landau
Volksaufstände (die Nußdorfer haben da ja eine gewisse Tradition zu wahren) sind nicht zu erwarten, weil die Väter und Mütter der Rechtschreibreform die Eigennamen von ihrem Tun unberührt ließen. Doch ist dies kein Freibrief für alle Zeiten. So legte sich das ehrwürdige Cöln in modernen Zeiten das proletarische K zu, ohne dass die Gebeine der heiligen drei Könige bis ins Mark erschüttert wurden.
Hausmitteilung. Betr.: Orthografie. Der Spiegel, , 31/1999, s. 3 (190 wörter)
Beginnend mit dieser Ausgabe hält sich auch der SPIEGEL - weitgehend - an die Regeln der neuen Rechtschreibung, obwohl er vor knapp drei Jahren (nicht ganz unernst) signalisiert hatte, er werde "die Reform ignorieren, es bleibt beim gewohnten Deutsch". Warum? Zum einen, weil die "Reformer" in der Zwischenzeit ihre eigene Reform noch einmal reformiert und einigen Schwachsinn beseitigt haben; zum anderen, weil, zeitgleich mit den Nachrichtenagenturen, nahezu alle deutschen Zeitungen und Zeitschriften nun in Neu-Deutsch schreiben und der SPIEGEL nicht als Mahnmal gegen eine überflüssige Reform allein in der Presselandschaft stehen kann und will.
: Es lebe das Doppel-s. Süddeutsche Zeitung, , nr. 175, s. 4, Meinungsseite
Als das SZ-Magazin vor ein paar Jahren in einem Anflug von vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Kultusministern, die die Reform zu verantworten haben, sich in einer kompletten Ausgabe bereits an die neuen Regeln hielt, fiel das kaum auf. Und von den mehr als 700 Wörtern, die dieser Artikel umfasst, hat sich bei nicht mehr als 20 nun die Schreibweise verändert (die mehrmalige Verwendung zum Beispiel von "Orthografie" und "dass" mitgerechnet).
taz intern. die tageszeitung, , nr. 5901, s. 4, Aktuelles
Die taz-Korrektur hatte die Umstellung sorgfältig vorbereitet und mit der Redaktion abgestimmt. Es wäre dennoch vermessen zu behaupten, nun sei allen alles klar.
: Hängen Sie am "h"? die tageszeitung, , nr. 5901, s. 20, Die Wahrheit
Falls Sie die Zeitung nicht von hinten lesen, werden Sie gemerkt haben, dass Ihr Lieblingsblatt heute die Rechtschreibreform eingeführt hat. […] In der fiirtn und leztn Fase köntn dii Wörter fiileicht fon alem übrign Balast befreit wern, nemlich fom ein oder andren Umlaut, man were in der Lage, sich meer an dii Umgangsschprache anzuleen. […] Eine derart faeinfachte Schprache were für dii EU als Hauptschprache beschtimt interesant.
: Glückwunsch zum Teeei. Neue Rechtschreibung: Die Gegner sollten an die Konsumenten denken. Der Standard, , s. 24, Kommentar
Eine Fortschrittstat ist diese Rechtschreibreform nun wirklich nicht. Zu halbherzig einerseits, zu grotesk andererseits. […] Deshalb allerdings die Bevölkerung zum Widerstand aufzurufen, wie es Die Presse seit Monaten tut, ist ein Scheinaufstand gegen eine Scheinreform. Ist ein verzopfter Sturm im Wasserglas. […] Wenn man also sagt, diese Reform machen wir nicht mit, sollte man nicht auf dem Alten bestehen, sondern müsste den notwendigen Fortschritt proben.
: Strauß/Strauss: Das Konzert zur neuen Rechtschreibung. Der Standard, , s. 12, Kultur
Es läuft an allen Ecken und Enden des Musikwesens das Strauß/ss-Jahr und dank Inkrafttreten der Rechtschreibreform gibt es pünktlich neuartige Einsichten. Strauß Johann wäre korrekt, Strauss Richard daneben, wenn es sich um zwei Vögel handelte und nicht um zwei Eigennamen.

1. 8. 1999

Die neue Rechtschreibung für Erwachsene. Express Online,
In diesem Online-Special (www.express.de/aktuell/extra/rechtschreibung) finden Sie umfassende Informationen zur neuen Rechtschreibung der Zeitungen. […] Die Zeitungen setzen nur etwa 95 Prozent der neuen Regeln um. […] Deshalb heißt dieser Sonderteil "Die neue Rechtschreibung für Erwachsene", für Schulkinder gelten die amtlichen Regeln.
: Rechtschreibreform hat die Presse erfasst. Agenturen, Zeitungen und Zeitschriften stellen um. Handelsblatt, , Wirtschaft und Politik: Nachrichten
Die vollständige Umsetzung der Reform wird aber noch Zeit benötigen. Viele Redaktionen bitten die Leser um Nachsicht, falls sich am Anfang noch Fehler einschleichen.
neu : Hausorthographien der Zeitungen. , , Wissenschaft
Jedes Wort, das aufgrund der Neuregelung schwer lesbar bzw. von der Bedeutung her falsch geschrieben ist und daher auch falsch ver­standen wird, schafft Verwirrung und stört die Zu­friedenheit des Lesers mit seiner ihm ansonsten lieb­gewordenen Zeitung. Der Beschluß der Nachrichten­agenturen ist von vorn­herein nicht auf End­gültigkeit an­gelegt, sondern auf Änderung. Heißt es doch, daß man die Entwicklung „beobachten“ und ggf. „re­agieren“ wolle. Da die meisten Neu­schreibungen schlicht­weg falsch sind, weil sie gegen Semantik und Grammatik der Sprache verstoßen, ist eine Beobachtungs­phase nicht vonnöten, man kann gleich „reagieren“. Die Nachrichten­agenturen und die Zeitungen könnten also sehr schnell den Beschluß fassen, den Zeitungs­lesern ihr Ver­gnügen am Zeitungs­lesen durch Rück­kehr zur bis­herigen Schreib­weise zurück­zugeben.