Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)


Aus presse und internet

30. 6. 1999

SDA: Weiber sind jetzt Frauen. Tages-Anzeiger, , Kehrseite
Die Lutherbibel ist in der neuen deutschen Rechtschreibung erschienen. […] Insgesamt 123-mal musste das Wort "Greuel" umgeschrieben werden: Bannungen, Geisterbeschwörungen und Zeichendeutereien wie etwa im fünften Buch Mose seien dem Volk Israel von nun an eben ein "Gräuel". Die meisten Änderungen betreffen aber den Wechsel von "ß" zu "ss" nach kurzem Vokal.
epd: Neuer Ärger für Schüler: Lutherbibel in neuer Rechtschreibung. Kieler Nachrichten, , Kiel
Schleswig-Holsteins Schüler stehen vor einer weiteren Klippe in Sachen Rechtschreibung: Jetzt ist auch die als Schulbuch verwendete Lutherbibel in neuer Schreibweise erschienen. Nach Auskunft des Bildungsministeriums in Kiel dürfen die Lehrkräfte die neue Lutherbibel verwenden.
: Bald Majonäse in der Zeitung. Umstellung im August — Uni wartet ab. Kölner Stadt-Anzeiger, , Köln
Am 1. August wird manches anders: Der "Kölner Stadt-Anzeiger" stellt — wie auch die großen Nachrichtenagenturen — auf die neuen Rechtschreibregeln um. Doch wie halten es andere Institutionen? Eine Umfrage ergab vor allem eines: Die Kölner verabschieden sich — obwohl in allen nordrhein-westfälischen Schule schon seit 1. August 1998 anderes gelehrt wird — nur langsam vom guten, alten "ß".
: "Man sollte überhaupt kein Wörterbuch kaufen." Reform-Befürworter Thilo Castner: "Es gibt substanzielle Vereinfachungen und Erleichterungen." Nürnberger Nachrichten, , Politik
Die neue Rechtschreibung scheint sich allmählich durchzusetzen, doch ausgestanden ist der Reformstreit deshalb noch nicht. Wir haben einen profilierten Reformgegner — den Linguistik-Professor Theodor Ickler von der Universität Erlangen-Nürnberg — und einen überzeugten Befürworter der Umstellung — Dr. Thilo Castner, Studiendirektor an der Städtischen Wirtschaftsschule (i. R.), nochmals um ihre Argumente pro und kontra gebeten.
: Alte Orthografie in den Amtsstuben bald passee. Mitarbeiter in den Verwaltungen lernen neue Rechtschreibung. Nordkurier-Online, , Waren
In den Amtsstuben gewöhnen sich die Mitarbeiter gerade an die neuen Rechtschreibregeln. Allerdings noch nicht überall in vollem Umfang, sondern im Schritttempo. […] Landrat Gert Schultz (CDU) verkündete zwar auf einem Kreisausschuss, dass die neuen Regeln in seiner Verwaltung keine Chance hätten, solange er Landrat sei, doch musste er sich offenbar eines Bessren belehren lassen.
: Trenn', wie Du normal sprichst. Teil 3: Fen-sterln oder fens-terln? TAZ Bremen, , nr. 5873, s. 24, Schlagseite
Ja, auch las-ten, denn unser aller Eselsbrücke: "Trenne nie st, denn es tut den beiden weh", hat sich mit der neuen Regel erübrigt.
: Wer klopft schlecht — Spechtler oder der Specht? Kleine Online, , Serie
Der Literat Alois Brandstetter hat erhebliche Probleme mit der Reform. In einem feinsinnig-amüsanten Brief an einen der Ober-Sprachregler erläutert er sie. […] In meinen Augen, lieber Franz Viktor Spechtler, ist die Rechtschreibreform unnötiger als ein Kropf. Davon bin ich überzeugt, sowahr ich Brandstetter und nicht Brandstätter heiße.

29. 6. 1999

: "Panter mit Albtraum". Lehrmittel allmählich aktualisieren — Vorrang für Deutschbücher. Fürther Nachrichten, , Lokales
Was ist aus den Schulbüchern mit der alten Schreibweise geworden? Wurden sie alle weggeschmissen? "Natürlich nicht", antwortet Schulrat Klaus Werner vom Staatlichen Schulamt und betont, daß dieses Thema für die Verwaltung eigentlich schon längst "gegessen" sei.
: Im Profil. Rudolf Hoberg Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. Süddeutsche Zeitung, , 55. jg., nr. 146, s. 4, Meinungsseite
Mit der Rechtschreibreform ist er zwiefach verbunden. Einmal sitzt er in der Kommission, die das Unternehmen begleiten und bis 2003 ein Gutachten darüber erarbeiten soll, was vom Sprachvolk akzeptiert und was verweigert wird. Sodann wird gerade die GfdS vielfach mit Fragen und Klagen zu diesem Thema eingedeckt, weil die Leute sich mit gewissen Dingen partout nicht abfinden, mögen sie linguistisch-formal noch so gut zu begründen sein.
: Schreibreformgegner geben nicht auf. "Hausorthographien" von Zeitungsverlagen sorgen für weitere Konfusion. Die Welt, , nr. 148, s. 5, Deutschland
Wo immer eine Institution zur Anwendung der neuen Regeln übergeht, tut sie dies mit willkürlichen Änderungen dieser Regeln. […] Abwegig ist der verbreitete Eindruck, daß es durch den Übergang der Nachrichtenagenturen zu einem "Durchbruch" der neuen Rechtschreibung in den Medien kommen werde. Er wird allenfalls die verwirrende ß-Regel betreffen. In fast allen anderen neuen Regelungen führen die Agenturen eigene Ausnahmen und Sonderregelungen ein, die so in keinem der jetzt schon erschienenen 16 Wörterbücher zu finden sind.
: Rächnung oder Rechnung — auch das ist jetzt die Frage. Quanta kosta nuiche Orthografia? Was sagt Daumen mal pi? Erstes Resultat: vor allem die Schulbuchverlage nagen am besagten Daumen. Kleine Online, , Serie
Bis auf ganz geringe Ausnahmen sind alle Schulbücher bereits aktualisiert. Nach den Schulbuchverlagen kamen vor allem die Kinder- und Schulbuchverlage unter Druck. […] Mit Geltung der neuen Rechtsschreibregeln verlangte der Markt nur noch Kinderbücher, die nach der neuen Rechtschreibregel abgefaßt sind. […] Große Publikumsverlage, die sich an ein Erwachsenenpublikum wenden, lassen sich mit der Umstellung Zeit und verlegen auch neue Werke "wie es unsere Autoren wollen".

28. 6. 1999

: Komplizierte Kuchen. Frankfurter Neue Presse, , Blick in die Welt
Wenn der Zeitungsverkäufer Zeitungen verkauft und der Eisverkäufer Eis, was verkauft dann ein Spitzenverkäufer? […] Die deutsche Sprache war schon kompliziert genug; da hätte es nicht auch noch der Rechtschreibreform bedurft.
Im Dunkeln. Lausitzer Rundschau, , Lübben
Zugegeben, es fällt mir schwer, mich mit den neuen Schreibweisen überhaupt auseinanderzusetzen. Mühsam habe ich sie in 46 Jahren "gefressen".

26. 6. 1999

: Der Norden in der Rechtschreib-Falle. Volksentscheid gilt nur für Schulen — Aber was passiert in den Amtsstuben? Kieler Nachrichten, , Schleswig-Holstein
Der Erfolg der Reformgegner im Norden hat Schleswig-Holsteins Schulen bundesweit isoliert und die Rest-Verwaltung brütet über Auswege aus der Orthographie-Falle. Noch im Juli will das Kabinett entscheiden. […] Ausgebildet werden künftige Lehrer nach den neuen Regeln. Steigen sie in den Schuldienst ein, müssen sie gemäß der "Orthographie alt" unterrichten.

Die neue kommasetzung ist immerhin (in der «alt» schreibenden zeitung) auf dem vormarsch: «Der Erfolg hat isoliert[,] und die Rest-Verwaltung brütet.»

: Die Sache mit dem "f". Lausitzer Rundschau, , Weißwasser
Ob man Schiffahrt mit zwei oder drei "f" schreibt, ist Hans-Dietrich Genscher völlig egal. Viel wichtiger für ihn ist, daß mit der Schiff(f)ahrt Arbeitsplätze geschaffen werden, so der ehemalige deutsche Außenminister am Mittwoch im Nieskyer Bürgerhaus beim 6. Wirtschaftsgespräch.
: Literaten protestierten, Eltern zogen vor Gericht. Doch Karlsruhe wies Verfassungsbeschwerde zurück – Schleswig-Holstein tanzt aus der Reihe. Nürnberger Nachrichten, , Politik
Teil 3 unserer Serie: Die neue Rechtschreibung stieß auf Widerstand und weckte Emotionen. […] Die ersten Reaktionen auf die neuen Rechtschreibregeln, die vor drei Jahren in Wien beschlossen und unterzeichnet wurden, fielen gemäßigt bis wohlwollend aus. Das kam vor allem daher, dass noch kaum jemand diese neuen Regeln kannte – jedenfalls nicht bis ins Detail, in dem ja erwiesenermaßen der Teufel steckt.

25. 6. 1999

: Auf ein Wort: Der mit dem gelben Pullover. Sächsische Zeitung, regionalausgabe Görlitz,
Hans-Dietrich Genscher, der in seinen langen Jahren als deutscher Außenminister nahezu jeden Winkel des Erdballs besuchte, war das erste Mal in unserer Region. […] Aber auch er versteht sich im Austeilen von Seitenhieben. Er frage sich, ob es angesichts überfüllter Hörsäle und maroder Schulgebäude nichts wichtigeres gäbe, als die Rechtschreibung zu verändern.

In anbetracht der schreibung «nichts wichtigeres» könnte man sagen: die veränderung der rechtschreibung ist nicht wichtig, aber normal.

: "Liebe taz..." Bald Wärder Bremen? Betr.: "Die neue Rächtschreibung", Teil 2, taz vom 23. Juni. TAZ Bremen, , nr. 5869, s. 24, LeserInnenbriefe
So ist's recht! Wenn es eine Grundform mit "a" gibt, wird ein Wort mit "ä" geschrieben. Logisch. Folglich: […] SCHNÄUZEN - von Schnauze. Äh, also … putzt sich jetzt hier ein geklontes, mutiertes Tier die Nase, oder besitzt der Mensch jetzt eine Schnauze? Ja, klar: Man sagt ja auch "Halt die Schnauze!" Also: logisch! Allerdings … schreibt "schüler" jetzt auch Sätzer - von Satz? (Anm. der Red.: nein, nein, nein: bei der taz hieß der Satzmann immer "Säzzer").

23. 6. 1999

: Sekunde mal! Mainpost, , Daily X
Eigentlich müßte ich sie gut finden, sie ist modern und in vielerlei Hinsicht gar nicht so schlecht. Trotzdem: Ich will sie nicht, wollte sie nie haben! […] Früher war alles ganz einfach — jetzt muß ich ständig nachfragen, damit ich nichts falsch mache.
: Stadt Güstrow schreibt nach neuen Regeln. Verwaltung setzt Rechtschreibreform um. Nordkurier-Online, , Teterow
Güstrows Hauptamtsleiter Gerhard Harnisch sieht der Umstellung auf die neuen Schreibweisen gelassen entgegen. […] Und im übrigen seien es die Mitarbeiter des Rathauses gewohnt, daß immer mal neue Anforderungen auf sie zukämen, betont der Hauptamtsleiter.
: Dumm, dümmer, Duden. Der Tagesspiegel, , Kultur
Es geht um mehr als nur ein paar neue Schreibweisen. Der Ärger richtet sich auch, und zum nicht geringen Teil, gegen die Arroganz der Macht, die zumindest im Prozeß der Durchsetzung zum Ausdruck kommt: in der Unbelehrbarkeit, der Besserwisserei, die etwas Erstaunliches hat.
: Vom Vorkäsen. Heidelberger Gesprächskreis zur optimalen Verwertung einer Wortschöpfung. die tageszeitung, , nr. 5867, s. 20
Die Rechtschreibreform wurde an dieser Stelle und auch später jedoch in keiner Weise angesprochen, wahrscheinlich, weil sie in den Medien zur Zeit keine Rolle spielt.
: Spuren verwischen. Teil 2 der taz-Serie zur Rechtschreib-Reform: Behende oder behände? TAZ Bremen, , nr. 5867, s. 24
Nach der neuen Rechtschreibung sollen die Wörter so geschrieben werden, wie sie nach heutigem Sprachgebrauch zusammengehören, und es ist nicht mehr entscheidend, wie sie früher einmal zusammengehörten.
: Spitzfindig den Kern getroffen. »Kabarratz« präsentiert im AudiMax der Uni sein Programm »Zunge im Mixer«. Trierischer Volksfreund, , Stadt Trier
Und Peter J. Hoffmanns Umsetzung der deutschen Rechtschreibreform war schlicht perfekt verdreht.

22. 6. 1999

: Waren die alten Duden-Regeln zu kompliziert? Über zehn Jahre lang beriet die Kommission, die von den Kultusministern eingesetzt worden war. Nürnberger Nachrichten, , Politik
Teil 2 unserer Serie: Rechtschreibreformer peilten Vereinfachung und Vereinheitlichung an. […] Eine grundsätzliche Frage am Anfang: Könnten die Deutschen (und natürlich auch die Österreicher und Schweizer) nicht einfach so weiterschreiben wie bisher? […] Selbstverständlich könnten wir das tun, ähnlich wie die Franzosen, Italiener oder Briten, die über eine Rechtschreibreform nicht einmal ernsthaft nachdenken.
: 60 000 Stimmen gegen Rechtschreibreform. Süddeutsche Zeitung, , nr. 140, s. 10, Berlin
Fast 60 000 Berliner haben bisher im Rahmen eines Volksbegehrens gegen die geplante Rechtschreibreform gestimmt. Für den Erfolg der Initiative sind jedoch rund 240 000 Unterschriften erforderlich.

21. 6. 1999

: Rechtschreibreform: Fast 60 000 Gegner. Frist endet am 9. Juli. Berliner Zeitung, , Berlin
Für das Volksbegehren "Schluß mit der Rechtschreibreform" sind bisher 58 576 Unterschriften geleistet worden.
: Notiert. Reform. Frankfurter Neue Presse, Nassauische Neue Presse, , Lokales
Am Samstag war die Redaktion der NNP in Klausur gegangen, um in einem Schnellkursus die wichtigsten Grundregeln der neuen Rechtschreibung zu verinnerlichen - ein recht frustrierendes Unterfangen, wie sich herausstellen sollte. Ein übers andere Mal mußte sich die gute Dozentin entschuldigen, daß sie die Reform ja nicht erfunden habe.
: Kurznachrichten. München: 600 Sekretärinnen tagen. Rheinische Post, rp-online, , Vermischtes
So gibt es Seminare zur Rechtschreibreform und zur Informationsbeschaffung per Internet.
: Hyperlinks. Teeei und allerlei zur Schreiberei. Der Standard, , s. 15, Kommunikation
Ab 1. August ist es so weit: Die deutschsprachigen Zeitungen — und damit auch DER STANDARD steigen schweren Herzens um auf die Neue Deutsche Rechtschreibung.

20. 6. 1999

: 58 576 Voten gegen Rechtschreibung. Berliner Morgenpost, , Berlin
Am meisten Widerspruch gegen die geplante Rechtschreibreform gab in dieser Zeit mit 4357 Stimmen in Tempelhof.

19. 6. 1999

Gämse mal nich so an! Stuttgarter Nachrichten, , Stuttgart
Im Zoo schaut das Känguruh auf einen Sprung beim Panther vorbei und wird bös angefaucht. […] Der Panther ist nämlich sauer. Er hat erfahren, daß ihm die Menschen das h gestohlen haben. "Ich soll jetzt Panter heißen. P-a-n-t-e-r! Ein furchtbarer Imageverlust!"

18. 6. 1999

: Im August kommen die neuen Regeln. Die Nachrichtenagenturen übernehmen die Rechtschreibreform. Nürnberger Nachrichten, , Politik
Alle diese Texte liefern die Agenturen also bald nach reformierter Art, und weder Tageszeitungen noch Illustrierte oder Magazine werden sich dem Trend entziehen können – nicht einmal der Hamburger Spiegel, der den Duden-Regeln von 1901 in der heißen Diskussionsphase noch ewige Treue geschworen hatte.
taz: Unterschriften zur Rechtschreibreform. TAZ Bremen, , nr. 5863, s.21
Die Bremer Initiative "WIR gegen die Rechtschreibreform" hat erneut 2.500 weitere Unterschriften gegen die Rechtschreibreform gesammelt.

17. 6. 1999

: "Da musst du ein bisschen hexen". Städtische Volksbücherei besitzt nur wenig Lektüre für Erstleser mit neuer Rechtschreibung. Fürther Nachrichten, , Lokales
Zu Beginn einer Serie über die Umsetzung der neuen Regeln nehmen die FN die städtische Volksbücherei in der Fronmüllerstraße unter die Lupe. […] "Die erwachsenen Leser achten nur auf den Titel. Die Rechtschreibregeln sind ihnen völlig egal", weiß Ulrike Herzog, die sich allerdings oft Kritik von jungen Müttern anhören muß. Denn die Exemplare für sogenannte "Erstleser", also Jungen und Mädchen, die gerade in der Schule die neuen "Gesetze" eingetrichtert bekommen, sind größtenteils veraltet. Und die Gefahr ist groß, daß sich Schreibweisen einprägen, die in ein paar Jahren als falsch gelten.

16. 6. 1999

: Den Redakteuren über die Schulter geschaut. Schweiklberger Gymnasiasten informierten sich über die Arbeit einer Lokalredaktion. Passauer Neue Presse, , Lokalteil Vilshofen
Ebenso interessant für die Klasse war das Thema Rechtschreibreform. Es wurde ihr erklärt, daß ab dem 1. August 1999 diese auch in der Zeitung offiziell eingeführt wird.
: Die neue Rächtschreibung / Teil 1. TAZ Bremen, , nr. 5861, s. 24
Der Countdown läuft. Schon in zwei Monaten werden Sie "Neuschreib" auf ihrem Frühstückstisch liegen sehen. […] In den kommenden drei Monaten werden Bremer Lehrerinnen und Lehrer Sie hier an dieser Stelle jeden Mittwoch ein kleines Stück in die neue Rechtschreibung einführen.

15. 6. 1999

: Für fixe Buchpreise und Widerstand gegen die neue Rechtschreibung. Die Presse, , Kultur/Medien
"Nachvollziehbar" findet der Kulturpolitiker der rotgrünen Regierung, daß die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" soeben die neuen Rechtschreibregeln übernimmt, dabei aber ihre eigene Variante wählt. Ob ihm das nicht Bauchschmerzen bereite, wenn sich jeder seine eigene Rechtschreibung zurechtlegt? "Eigentlich nicht", ruft Naumann im Gespräch mit der "Presse" indirekt zum bürgerlichen Widerstand auf. Wie weit könne diese Art von bürgerlichem Widerstand gehen? "Der Widerstand wird nicht zu Mißverständnissen führen, sondern einfach zu unterschiedlichen Schreibweisen. Allerdings wird das den Lehrern das Leben schwer machen, und den Schülern auch." Naumann sieht in der Rechtschreibreform eher eine zivilisatorische Fehlentwicklung.
: Kommentar: Mitnichten mit Nichten. Rheinpfalz Online, , Lokales
Durch Schulen, Verlage, Druckereien, literarische Zirkel und Goethe-Institute geht ein Aufatmen. Mit Einführung der Rechtschreibreform darf man Schifffahrt mit drei "f" schreiben!

14. 6. 1999

: Sprachpflege wird wichtiger denn je. Umsetzung der Rechtschreibreform in Tageszeitungen. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 134, s. 30, Feuilleton
Ab 1. August werden die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen ihren Kunden die Texte so liefern, wie sie nach den neuen Regeln der Rechtschreibreform zu formulieren sind. Sie werden allerdings die Reform nicht vollumfänglich umsetzen. An einem kürzlich durchgeführten Seminar in Darmstadt wurde die Arbeitsweise der Agenturen kritisiert und der redigierenden Gilde vorgeworfen, sie arbeite zu wenig sorgfältig.
: Welche Rechtschreibung für Schleswig-Holsteins Behörden? Landesregierung muß jetzt über die Amtssprache entscheiden. Hamburger Abendblatt, , Norddeutschland
Das rot-grüne Kabinett steht damit vor einem Dilemma. Sind die Kieler bundestreu, wird in den Schulen anders geschrieben als in den Amtsstuben - übrigens auch in den Schulämtern. Und die Schülerinnen und Schüler würden sich zu Recht fragen, warum sie als einzige in Deutschland die alten Regeln pauken und sie verbindlich anwenden müssen. Zeigt das Kabinett aber Herz für die Pennäler, dürften einige Staatsdiener rotieren.
kleine wehwehchen. Der Spiegel, , nr. 24, s. 217
Der Dauerstreit um die neuen Rechtschreibregeln nimmt mitunter skurrile Züge an: Eine Gruppe österreichischer Schriftsteller propagiert jetzt die generelle Kleinschreibung — und wendet diese auch gleich an.

13. 6. 1999

: Unterschriften gegen neue Rechtschreibung. Berliner Morgenpost, , Berlin
Exakt 46 647 Menschen haben in Berlin bisher im Rahmen des Volksbegehrens gegen die Rechtschreibreform einen Unterschriftsbogen ausgefüllt.

12. 6. 1999

: Jeder schafft sich seine eigenen Regeln. Bis zum 1. August entsteht ein Chaos der Wörter. Südwest Presse Online, Schwäbische Donau Zeitung, , Politik
"Es kann nicht darum gehen, eine eigene private Orthographie zu gründen", schreibt die Wochenzeitung "Die Zeit" - und schildert auf fünf vollen Seiten, weshalb man leider in diesen, jenen und noch einigen anderen Punkten von den neuen Rechtschreibregeln abweichen müsse. […] Doch das Tohuwabohu hat auch sein Gutes: Die durchaus nicht in allen Punkten geglückte Rechtschreibreform wird auf diese Weise von vielen Seiten verbessert. Bis zum Jahr 2005, wenn die Neuerung endgültig Verbindlichkeit erhält, wird es zur Reform der Reform kommen müssen. Das letzte Wort ist noch längst nicht gefallen.

11. 6. 1999

In Kürze. Rechtschreib-Sonderreform. Die Presse, , Kultur/Medien
Mit einer eigenen Version der Rechtschreibreform beginnt die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit in ihrer jüngsten Ausgabe.

10. 6. 1999

: Neue Rechtschreibung in der ZEIT. Zusammengestellt und erläutert, kritisiert und vorsichtig repariert. Die Zeit, , 54. jg., nr. 24, s. 37 bis 42
Ob sie einem nun mehr oder weniger oder gar nicht gefällt, sie wird bald eine Selbstverständlichkeit sein. […] Ab 2005 wird sie für alle Schulen des deutschen Sprachraums die einzige verbindliche Rechtschreibung sein - ausgenommen die Schulen in Schleswig-Holstein und etwaiger weiterer Bundesländer, die auf Grund eines Volksentscheids aus der Reform ausscheren und Deutschland zurück in die orthografische Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts zwingen. […] Die ZEIT folgt der Neuregelung jedoch nicht pauschal, sondern geht in mehrerlei Hinsicht einen eigenen Weg zwischen Alt und Neu.
: Wie schreibe ich das? Die ZEIT folgt nun den neuen Regeln — aber nicht ganz. Die Zeit, , 54. jg., nr. 24, s. 1
In den nächsten 100 Jahren versucht bestimmt niemand mehr eine Rechtschreibreform. Auch die jetzige hätte nicht stattgefunden, hätte jemand geahnt, welche plötzlichen Leidenschaften ein Thema entfacht, das sonst als eines der langweiligsten der Welt gilt. […] So viel Aufregung, und ein so schütteres und nur teilweise geglücktes Ergebnis? Nein, das wird niemand wiederholen wollen.

9. 6. 1999

: Werbeschlachten. Frankfurter Rundschau, , Feuilleton, Times mager
Auf jeden Fall ist Einsicht in den Marktcharakter der Öffentlichkeit zu wünschen. Der Markt hat Platz für Fakten und Ideen, die er warenförmig sortiert und wertet, ausstellt und ausscheidet; nach ebenso rationalen wie irrationalen Prinzipien. Dieser Markt ist einmal Bühne für die hochdramatische Auseinandersetzung zwischen Pepsi und Coca, ein andermal für die bewaffnete Moralität der Weltgemeinschaft wider den scheußlichen Diktator im Irak oder ethnische Säuberungen in Serbien, zum dritten für den Streit um die Rechtschreibreform oder die Fortsetzung einer lebendigen (und subventionierten) Theaterkultur in Deutschland.
: Im Turm von Babel. Was wird aus der deutschen Sprache im vereinigten Europa? Süddeutsche Zeitung, , Feuilleton
Der Stellenwert der deutschen Sprache ist umso ungewisser, als von einer einheitlichen Sprachpolitik keine Rede sein kann. […] Unterdessen haben sich hierzulande die Kultusminister und Philologen in der Diskussion um die Rechtschreibreform aufgerieben. Statt die Unerläßlichkeit mutter- wie fremdsprachlicher Kompetenz in den Blick zu rücken, haben sie sich ganz nutzlos darüber gestritten, ob es nun richtig sei, wenn man ,Schiffahrt' mit drei f schreibt.
: Bürokratismus in Jammerland. 630-Mark-Regelung führt zu Kündigungen / SZ vom 28. Mai. Süddeutsche Zeitung, , nr. 129, s. 13, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Bei der Einführung der innerörtlichen Geschwindigkeitsbegrenzung […] wurde gejammert — für viele ging die Welt anscheinend unter. Bei der Durchsetzung der Anschnallpflicht für Autofahrer — es schien das Ende der persönlichen Freiheit angebrochen zu sein. Bei der Einführung der Postleitzahlen — andere Länder hatten sie längst. Aber da gab es ja noch die Rechtschreibreform, welch ein Gejammer. Da haben doch Experten der Bundesrepublik Deutschland, der DDR, der Schweiz sowie Liechtensteins und Österreichs mehr als zwanzig Jahre lang an diesem Projekt gearbeitet. Und als die Reform dann in die Tat umgesetzt werden sollte, wurde in diesem unserem Lande wieder gejammert.
Reform unter Mißachtung des Volkswillens. Zu: "Unterschriften sammeln im Hinterhof"; Welt vom 27. Mai (I). Die Welt, , nr. 131, s. 11, Forum, Leserbriefe
Scheitert die Unterschriftensammlung zuvor, dann erweist sich das Instrument "Volksbegehren" als bewußte Fehlkonstruktion der Parteien, um Volkswillen zu verhindern. […] Wenn der Durchbruch nicht gelingt, kann man nur hoffen, daß die WELT ab 1. August einen Weg findet, die Agenturmeldungen in die gewohnte Schreibung zu konvertieren.
Reform unter Mißachtung des Volkswillens. Zu: "Unterschriften sammeln im Hinterhof"; Welt vom 27. Mai (II). Die Welt, , nr. 131, s. 11, Forum, Leserbriefe
Wenn unsere Volksvertreter unser Anliegen nicht ernst nehmen, so müssen sie sich nicht wundern, wenn die Bürger eines Tages bei der Tierschutzpartei oder bei den Bibeltreuen Christen ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen. […] Es ist eine Blamage für die Regierung, die ein Dummdeutsch in die Amtssprache übernimmt, und die ihre Diener zwingt, dieses anzuwenden.

Auch in gescheitdeutsch setzt man zwischen gleichgerichteten nebensätzen kein komma: «… die übernimmt und die zwingt».

8. 6. 1999

Gegen Rechtschreibreform: Alle Unterschriftenstellen. Berliner Morgenpost, , Berlin
Noch bis zum 9. Juli können die Berliner sich beim Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform eintragen.

7. 6. 1999

: kleinschreibung, tugend und protest. profil, , 30. jg., nr. 23, s. 214—215
"abschließende bemerkungen zu einer elenden ‚debatte'": Die wiener schule für dichtung nimmt Stellung zur Rechtschreibreform. […] um versäumtes wenigstens metaphorisch nachzuholen, haben wir entschieden, unsere ablehnung mit einem zeichen zu verbinden vom heutigen tag an — unter beibehaltung gewisser "dichtericher freiheiten" im rahmen der bisherigen orthographie — generell die kleinschreibung zu verwenden.

4. 6. 1999

: Dämpfer für Reformgegner. Berliner Gericht weist Klagen zu neuer Rechtschreibung ab. Frankfurter Rundschau, , Nachrichten Inland
Das Verfassungsgericht des Landes Berlin hat am Mittwoch zwei Klagen von Bürgerinitiativen zurückgewiesen: die der Gegner der Rechtschreibreform und die der Antragsteller auf ein Volksbegehren für "mehr Demokratie".
(Interview mit Staatsminister Dr. Michael Naumann.) Hörzu, , nr. 23
Ich war zwölf Jahre lang Geschäftsführer von Verlagen, und als solcher weiß ich immer noch nicht, was uns veranlaßt hat, die neue Rechtschreibung einzuführen. Schon die erste Rechtschreibe-Reform und die Jahrhundertwende war eine Katastrophe, weil Sie so wunderschöne Schreibweisen wie Tau mit th unterbunden hat.

3. 6. 1999

: Keine besseren Bedingungen für Volksbegehren gegen Schreibreform. Rhein-Neckar-Zeitung, rnz-online, , Politik Inland
Die Bedingungen für das Berliner Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform werden nicht verbessert. Das Berliner Verfassungsgericht wies am Mittwoch die Klage der Reformgegner ab, die die Unterschriftenlisten an mehr Orten hatten auslegen lassen wollten.
AP: Niederlage für Gegner der Rechtschreibreform. Verfassungsgericht weist Beschwerde ab. Berliner Zeitung, , Berlin
Die Berliner Gegner der Rechtschreibreform sind am Mittwoch mit einer Klage für bessere Bedingungen ihres schleppend laufenden Volksbegehrens gescheitert. Der Verfassungsgerichtshof des Landes erklärte sich für nicht zuständig. […] Ein "Volksbegehren" und seine Organisatoren seien kein Verfassungsorgan, somit sei der Verfassungsgerichtshof nicht zuständig.
: Gegner der Rechtschreibreform unterlagen. Rechtsschutzlücke — Senat muß Volksbegehren-Prozedere nicht verändern. Berliner Morgenpost, , Berlin
Die Richter erklärten sich für nicht zuständig, dies sei vielmehr das Verwaltungsgericht. Doch das Verwaltungsgericht hatte sich bereits in einer Klage vor vier Wochen für unzuständig erklärt und auf das Verfassungsgericht verwiesen. «Dies ist eine Rechtsschutzlücke», sagte der Anwalt der Reform-Gegner, Jörg Seppelt. […] «Wir werden in den fünf Wochen, die uns jetzt noch bleiben, versuchen, das Unmögliche möglich zu machen», sagte Gernot Holstein, der das Volksbegehren vertritt.
: Am Volk vorbei. Berliner Morgenpost, , Berlin
Manchmal ist für Demokraten die Demokratie — zumindest wie sie praktiziert wird — schwer zu verstehen. […] Hat da jemand Angst vor dem Erfolg des Volksbegehrens?
ADN: Rechtschreibreform-Gegner abgewiesen. TAZ Berlin, , nr. 5850, s. 20
Der "Berliner Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege" sei zur Organklage nicht berechtigt, hieß es.
AP: Niederlage für Berliner Volksbegehren gegen Rechtschreibreform. Entscheidung des Landesverfassungsgerichts. Kieler Nachrichten,
Der Verein hat nun nach Worten seines Sprechers Gernot Holstein ernsthaft Sorge, die nötigen 243.000 Unterschriften für einen Volksentscheid über die Rechtschreibreform in Berlin nicht bis Fristablauf am 9. Juli zusammenzubekommen.
ADN: Niederlage für Gegner der Schreibreform. Berliner Verfassungsrichter lehnen Antrag zu Volksbegehren ab — Wenig Erfolg bei Stimmensammlung. Die Welt, , nr. 126, s. 4, Hauptstadt
Die Beteiligung an dem vom 10. Mai bis 9. Juli laufenden Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform ist bislang äußerst schleppend.

2. 6. 1999

: Blitz gescheit und Grund verkehrt. Der Tagesspiegel, , nr. 16709, s. 25, Kultur
Im Gehorsam vor der Idiotenregel "im Zweifelsfall getrennt" geben sich die Agenturen noch päpstlicher als der Papst; im Auseinanderreißen des Zusammengehörigen sind sie noch verbohrter als die amtliche Neuregelung. […] Nun müssen wir Mut maßen, daß auch Blitz gescheite Leute Grund verkehrt agieren können, wenn sie Brand aktuell sein wollen. Und wie werden die Zeitungsredaktionen reagieren, wo ja, wie man hört, noch immer Leute sitzen, die ihr Handwerk verstehen? Vielleicht werden sie ganz bescheiden bei den Nachrichtenagenturen anfragen, wer ihnen eigentlich das Mandat erteilt hat, an der Sprache herumzupfuschen und dabei noch rabiater durch den Porzellanladen zu trampeln als die Kultusminister.

1. 6. 1999

TOP-10-SACHBUCH. Frankfurter Neue Presse,
(1) Duden. Die deutsche Rechtschreibung. Bibl. Inst., 38 Mark
: Langsam stirbt der "Seelefant". Beliebt ist die neue Rechtschreibung nicht. Aber sie wird hingenommen — wie ein unabwendbares Schicksal. Bisher wurden erst 16000 Unterschriften dagegen gezählt. Scheitert das erste Berliner Volksbegehren? Der Tagesspiegel, , nr. 16708, Die dritte Seite
Peil ist gerade dabei, alle seine Zeitungen abzubestellen, auch den Tagesspiegel. Ich schlage ihm vor, das ruhig zu tun, aber mit dem Tagesspiegel noch ein bißchen zu warten. Geht nicht, sagt Peil, wißt ihr, was ihr schreibt ab August, wenn die neue Rechtschreibung für euch verbindlich wird? "Mode bewußt", schreibt ihr, und "ein selbst bewußter Mann". - Unmöglich!, rufe ich. Der Verfasser der Peilschen Wörterliste lächelt ein trauriges, defätistisches Lächeln wie alle Menschen, die zuviel wissen und sehr darunter leiden. […] Vielleicht sechzig Neuschreibversehrte sind in den Spandauer Ratskeller gekommen. […] Aber kein Reform-Befürworter ist im Raum. Also überzeugt man sich selbst noch einmal von dem, was man längst schon weiß. Auf revolutionären Versammlungen ist das so.

6. 1999

: Rechte Neuschreibung. NZZ-Folio, , nr. 6, s. 80, Leserbriefe
Die Mai-Nummer des NZZ-Folio fällt durch verschiedene Neuerungen auf. Doch eine wichtige Neuerung fehlt mir sowohl im Folio als auch in der NZZ nach wie vor, nämlich der Schritt zur seit dem 1. August 1998 im deutschen Sprachraum eingeführten neuen Rechtschreibung.