Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

nachgeführt 7. 5. 2016

Aus presse und internet

28. 12. 1994

: Lustobjekt oder Regelwerk? Der Tagesspiegel, , Literaturspiegel
Schreibregeln sind keineswegs heilig, sondern unterliegen wie alle sprachlichen Phänomene dem Wandel. Wie schnell man sich an zuvor Unvorstellbares gewöhnt, ist fünf Jahre nach dem Mauerfall und ein Jahr nach der Umstellung der Postleitzahlen jedem klar. Wir hätten auch die totale Kleinschreibung überlebt. […] Die Experten wollten halt niemandem weh tun, die Gebildeten nicht verprellen und auch die nicht völlig enttäuschen, die angesichts zunehmender Schwierigkeiten von Schülern mit der Rechtschreibung für eine radikale Vereinfachung plädierten.

3. 12. 1994

: Wer den Fortschritt liebt, darf sich freuen ... (I). "Der Geküsste büßte den Kuss an der Küste" (26. November). Die Presse, , nr. 14.03, s. XIV, Spectrum, Tribüne der Leser
Bisher gehörte es zum Unterricht, die gewohnte Rechtschreibung zu lehren; die Schüler konnten mit Aufmerksamkeit und Fleiß bis auf den heutigen Tag die Rechtschreibung unserer Väter erlernen. Im übrigen kommen Wirtschaft, Wissenschaft, Gerichtsbarkeit und Presse mit der bisher geübten Rechtschreibung vortrefflich aus.
: Wer den Fortschritt liebt, darf sich freuen ... (II). "So oder auch anders" (23. November). Die Presse, , nr. 14.03, s. XIV, Spectrum, Tribüne der Leser
Einfacher wird die Rechtschreibung dadurch nicht — ganz im Gegenteil. Die Kinder müssen sich statt bisher eine nun mehr zwei Möglichkeiten der Rechtschreibung merken, und es wird immer noch unzählige Schreibweisen geben, die nicht gestattet sind.

2. 12. 1994

: Bitte nicht lachen. Die Zeit, , nr. 49, s. 63
Es handelt sich also nicht um eine große Vision besessener Sektierer, die sich des Allgemeinguts Sprache bemächtigen wollen, sondern um eine bescheidene Unfugbereinigungsaktion. So empfiehlt es sich, den Plan jetzt nicht kaputtzulachen. So bald gäbe es keinen anderen.

28. 11. 1994

Zu-cker für Theo. Der Spiegel, , nr. 48, s. 221 bis 222, Wissenschaft
So schrumpfte das allumfassend geplante Reformwerk, das Mentrup als Hauptbearbeiter und Koordinator zu verwirklichen trachtete, auf einen ortografischen Minimalkonsens — was vor allem jene bedauern, die keine Erinnerung mehr an häßliche Diktatzensuren haben. Immerhin aber ist das neue Regelwerk die erste Reform seit dem Jahre 1901, als auf der Berliner Orthographischen Konferenz die althergebrachte Thür abgeschafft und das Wörterbuch des Hersfelder Gymnasialdirektors Konrad Duden zum Wachorgan über die deutsche Sprache bestellt wurde.

26. 11. 1994

: Der Geküsste büßte den Kuss an der Küste. Die Presse, , nr. 14.025, s. 3, Die Seite drei
Umstrittenster Punkt der Reform war die Groß- und Kleinschreibung. Gegen die einstimmige Empfehlung der Kommission wird die gemäßigte Kleinschreibung […] nicht eingeführt. Vielmehr kommt die „modifizierte Großschreibung“. Zu deutsch: Noch mehr Wörter als bisher werden groß geschrieben. Die Kleinschreibung scheiterte letztlich politisch, und zwar am Widerstand einiger BRD-Länder. So bleibt das Deutsche die einzige Sprache mit Substantivgroßschreibung.

25. 11. 1994

: Reform für lange Zeit. Viele Reaktionen auf die neue Rechtschreibung. Stuttgarter Zeitung, , 50. jg., nr. 272, s. 18, Feuilleton
Das neue Regelwerk, das in Deutschland erst nach Zustimmung der Kultusminister und des Bundesinnenministeriums in Kraft treten wird, „ist unantastbar für lange Zeit“, sagte der deutsche Professor Gerhard Augst. Eine weitere Reform der Rechtschreibung würde bei den Bürgern nur Verunsicherung schaffen.

Da schweizer bürger weniger angst vor verunsicherung haben, halten wir es mit Gallmann.

28. 8. 1993

: Wie sanft ist die geplante Orthographiereform? Neue Zürcher Zeitung, (2551 wörter)
Die Vorschläge, die der Internationale Arbeitskreis für Orthographie in bezug auf die Zeichensetzung vorlegt, krempeln das bisherige Kommasetzungssystem um: Sie verwerfen heutige feste Regeln und stipulieren neue, die dann aber wieder mit einer Kann-Vorschrift relativiert werden. Solch vage Regelungen helfen nun aber bloss dem Schreiber; dem Leser helfen sie nicht, erschweren vielmehr das Verstehen und führen wohl zu einer weiteren Abkehr von den Printmedien. Man kann sich aber vorstellen, dass "das Schulsystem" mit solchen "Regeln" sehr gut arbeiten kann. Der "Entscheidungsspielraum" des Schreibers/Schülers wird grösser, seine Ausbildung darf geringer bleiben: Die "Entscheidung" ist so ein blosses Ignorieren dehnbarer Regeln . . .

stellungnahme

7. 1993

: Der Bindestrich – Regelausweitung, heutiger Gebrauch, Reformbestrebungen. Deutsch als Fremdsprache, , nr. 3, s. 163 bis 166
Abstract: Der Beitrag beschäftigt sich nach einer allgemeinen Einführung mit der Entwicklung der Regeln zum Gebrauch des Bindestrichs von 1876 bis zum heutigen Tage. Der Vf. geht dabei vor allem auf die Regelauffächerung seitens der „Duden"-Rechtschreibung ein. Beschrieben wird zudem der heutige Gebrauch und die daraus entstehende Problematik. Vorgestellt werden abschließend die Neuregelungsbestrebungen.
: Graphische Varianten bei der substantivischen Komposition. Deutsch als Fremdsprache, , nr. 3, s. 167 bis 171
Abstract: Der Beitrag behandelt substantivische Komposita (Typ Tomaten Ketchup), die weder zusammengeschrieben noch durch Bindestrich gekoppelt werden. Diese „diskontinuierlichen Komposita" verbreiten sich zunehmend. Die Vfn. zeigt, unter welchen Einflüssen sie entstehen und wie sie sich funktional in die deutsche Gegenwartssprache einordnen.

4. 1992

: Zu den Bemühungen um eine Reform der deutschen Rechtschreibung. Deutsch als Fremdsprache, , nr. 2, s. 72 bis 84
Abstract: Die Vf. erläutern Vorschläge zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, die von Expertengruppen aus den deutsch­sprachigen Ländern an die Regierungen übergeben wurden. Veränderungen soll es in folgenden Bereichen geben: Laut-Buchstaben-Zuordnungen, Getrennt- und Zusammenschreibung, Schreibung mit Bindestrich, Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Worttrennung am Zeilenende.

21. 9. 1990

: Reform oder Rewoluzjon. Siebenhundert Experten warnen vor dem "Analphabtentum". Die Zeit, , nr. 39, s. 85 (563 wörter)
Wo die Herrschenden stur jede Reform verhindern, wo mit dem Druck von außen die Unzufriedenheit im Inneren wächst, da, lehrt uns die jüngste Geschichte, ist die Revolution nicht weit. Das gilt auch in der Rechtschreibung. […] Wie es tatsächlich um den äußeren Druck auf die Rechtschreibung steht und wie um unsere Fähigkeit zur Bewahrung der althergebrachten Orthographie, lehrt uns eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur. „UNESCO: Analphatentum eine Herausforderung an das Weltgewissen.“ dpa schreibt diesen Satz Federico Mayor zu, dem Generaldirektor der Organisation. Vielleicht war dem Mann angesichts von 42 Millionen Analphabeten allein in den reichen Ländern der Welt die Orthographie wirklich schnuppe; vielleicht hatte auch nur ein Redakteur keine Lust mehr zum Dienst nach Vorschrift des Dudens. Beides würde auch erklären, wieso trotz der „Fortschritte in der Schulbildung“ für Mayor laut dpa „der Analphetismus Anlaß zur großer Sorge“ bleibt.

15. 3. 1990

: Rechtschreibreform und kein Ende. print, , nr. 11, s. 844, Magazin, Leserbriefe (473 wörter)
Die angebliche Kleinschreibung im Englischen und Französischen ist in der Praxis viel problematischer als die vielgeschmähte Regelung im Deutschen. Die «gemässigte Kleinschreibung» für das Deutsche einzuführen wäre wahrlich ein Schildbürgerstreich, wie ihn nur praxisferne (druckereiferne) Theoretiker aushecken können. […] Die anscheinend unaufhaltsame «Aufweichung» der Rechtschreibregeln […] und EDV-Neuerungen wie Textübernahme ab Disketten und Desktop-Publishing untergraben die Stellung des Druckereikorrektors. […] Man mag es bedauern, aber es scheint unausweichlich: Das Ende einer mehr als 500jährigen Tradition der Sprach- und Rechtschreibpflege durch die Buchdrucker ist absehbar.

«Aufweichung» und verbesserung ist nicht dasselbe. — Kurz nach den profetischen schlussworten begann die tradition der sprach- und rechtschreibpflege durch die internetuser.

21. 2. 1989

: "das/daß": Trennung seit 1333 nachweisbar. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , Briefe an die Herausgeber
Man muß sich damals wohl etwas gedacht haben, als Artikel/Pronomen "das" von der neuen Konjunktion "daß" rechtschreiblich geschieden wurde.

13. 1. 1989

: Wozu Rechtschreibung, wozu Rechtschreibreform? Nicht die Orthographie, sondern der Unterricht bedarf der Reform. Bayerische Staatszeitung,
Der Sinn einer Rechtschreibregelung ist nämlich nicht, daß sie möglichst leicht zu lernen ist, und sie ist auch nicht dazu da, daß möglichst alle Leute im Sinne der Regeln völlig korrekt schreiben. […] Es ist keineswegs notwendig, daß jedermann die deutsche Rechtschreibung mit all ihren Raffinessen völlig beherrscht.

6. 12. 1988

: Minister lassen "Keiser" sterben. Kernstück der Rechtschreibereform gekippt. Mannheimer Morgen,
Während die Reform der Laut-Buchstaben-Beziehung definitiv vom Tisch ist, wird über die vier anderen Teile des Reformpakets noch weiterberaten.

28. 10. 1988

: Duden ade? Vom falschen Fummeln an der deutschen Sprache. Die Zeit, , nr. 44
Auf fünf Gebieten haben die vom Institut angeheuerten Doktoren und Professoren Änderungen für nötig gehalten. Noch einmal wieder auf der Groß- und Kleinschreibung herumzureiten, hat man ihnen vorerst glücklicherweise untersagt.

4. 1988

neu : Ein neues wissenschaftliches Ja zur Rechtschreibreform. Sprachspiegel (), , 44. jg., nr. 2, s. 34 bis 38
Jetzt liegt ein Kompendium der Orthografiereform vor, in dem rund 1000 einschlägige Arbeiten und ins­besondere rund 80 Reform­programme mit Umsicht und Scharf­sinn aus­gewertet sind: Doris Jansen-Tang gibt in ihrem Werk „Ziele und Möglich­keiten einer Reform der deutschen Ortho­grafie seit 1901“ einen historischen Rück­blick und analysiert alle Ergebnisse, ins­besondere zur Klein­schreibung und Inter­punktion. […] Vielen Politikern, die letztlich über eine Rechtschreib­reform zu ent­scheiden haben, war bis jetzt an­gesichts des Wider­standes in sprach­fundamentalistischen" Kreisen stets das will­kommene Argument zur Hand, die Wissen­schaft wisse selber nicht, was sie wolle. Das läßt sich heute nicht mehr sagen.

21. 5. 1984

: Wie ein Minister den Kleinschreibern auf den Leim ging. Sonderbare, aber erfolgreiche Methoden eines österreichischen Vereins. Die Welt,
Sowohl der Verein als auch das Institut kämpfen seit Jahren um die Kleinschreibung. Dieser Kampf ist an sich nicht unehrenhaft. Er hatte in der Vergangenheit hervorragende Geister auf seiner Seite, allen voran Jacob Grimm. Freilich hatte er zu allen Zeiten auch mindestens ebenso prominente Gegner, von Johann Christoph Gottsched bis zur Dichterprominenz unserer Zeit.

6. 8. 1982

: Kleinschreibung — Blödsinn oder eine gute Sache? Blick, , 24. jg., nr. 180, s. 5, Leserseite
Mit einem Postulat hat sich Grossrat und Sekundarlehrer Ernst Bopp im Stile Winkelrieds in die Schlacht geworfen. Bedeutet sein Vorstoss eine Wende im Buchstabenkrieg?

9. 11. 1981

: "Der gefangene floh." Die letzte Schweizer Gemeinde gibt die Kleinschreibung auf. Stuttgarter Zeitung,
Ostermundingen im Kanton Bern, Wyssachen im Emmental und nun auch Binningen in Basel-Land haben kapituliert; nach sechs bis acht Jahren der gemäßigten Kleinschreibung sind sie reumütig zum Duden zurückgekehrt.

11. 2. 1981

: Der Duden ist wieder in Kraft. Schweizer Ort gab Kleinschreibung auf. Kölner Stadtanzeiger,
"Da sollte doch jemand endlich einen Anfang machen", dachte sich der heute 60jährige Gemeindeschreiber Hans Minder und tippte am 16. Februar 1972 ein amtliches Schreiben nach den Regeln der gemäßigten Kleinschreibung […] in die Maschine. Als der erwartete Proteststurm ausblieb, wurde mit sechs gegen eine Stimme der Beschluß gefaßt, vom 1. März 1973 an den amtlichen Schriftverkehr nur noch in Kleinschreibung zu veröffentlichen.

7. 2. 1981

: Das Ende der Kleinschreibung. Der Gemeinderat von Ostermundigen brach ein Experiment ab. Der Bund, , 132. jg., nr. 31, s. 22, Stadt und Region Bern
Obwohl die seither gesammelten Erfahrungen mehrheitlich positiv ausgefallen sind, hat der Gemeinderat […] das Experiment […] abgebrochen. Der Grund dafür liegt vorab darin, dass die erhoffte Signalwirkung weitgehend ausgeblieben ist.

11. 10. 1980

: Systemlose Rechtschreibung? Der Bund, , nr. 239
Wir sind ja allzumal Sünder, und ich möchte den sehen, der in Fällen wie dem folgenden immer ohne den Griff zum Duden auskäme: in bezug auf, aber: mit Bezug auf. Die Nummer, aber numerieren. Eine rotgestreifte Jacke, aber die Jacke ist rot gestreift. […] Die wenigen Beispiele begründen hinlänglich den Wunsch nach einer Orthographieform. Aber eben: Wir sind noch lange nicht so weit – nicht nur Gottes Mühlen mahlen langsam …

11. 9. 1980

: Glossen zu Duden 80. Schweizerische Lehrerzeitung, , nr. 37, s. 1395f., Zum Jubiläums-Duden 1980
Niemand wird sich wundern, wenn in einer auf allen Gebieten so hochproduktiven Zeit der Wortschatz ständig gesichtet und frisch registriert wird, denn die Sprache ist ja nicht etwas ein für allemal gleichsam in der Luft Präexistierendes, sondern ganz im Gegenteil etwas, das sich in allen Aspekten laufend wandelt. […] Und zu guter Letzt auch noch das, was ich eigentlich einleitend hätte erwähnen sollen, weil es der Humanität der Duden-Leute ein so gutes Zeugnis ausstellt. Ich meine die im Vorwort enthaltene Anspielung auf den Wert (oder Unwert) einer «einheitlich geregelten Rechtschreibung». Diese sei, heisst es, «jedoch kein Selbstzweck, und sie ist erst recht kein Gradmesser für Begabung und Intelligenz. Lehrer wie Lernende sollten daher zu einer aufgeschlossenen Einschätzung gelangen, die Überbewertung von Rechtschreibfehlern abbauen und Rechtschreibung als das betrachten, was sie ausschliesslich sein soll: ein geeignetes Mittel zur Erleichterung der schriftlichen Kommunikation.»