Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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1999-1-20

Jahresbericht des vorsitzers für 1990

Schweiz
Generalversammlung
Publikationsorgan "Rechtschreibung"
Übrigens . . . Das zitat des jahres

In einer hinsicht ist das durchsetzen einer rechtschreibreform im jahre 1990 einfacher geworden, und zwar — betrachtet man eine karikatur in der Rechtschreibung 111/1976 — um genau 25 prozent.

So könnte man den wegfall eines deutschsprachigen staates, das heisst den beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland, interpretieren. Ob sich diese administrative vereinfachung auch politisch für uns positiv auswirkt, ist allerdings nicht sicher; gerade die föderalistische Bundesrepublik macht es uns ja nicht einfach. Im moment geht die diskussion ungeachtet der umwälzungen planmässig weiter — getreu der alten erfahrung, dass staaten und reiche kommen und vergehen, aber die rechtschreibung bleibt.

Einen meilenstein bilden die "2. wiener gespräche zur reform der deutschen rechtschreibung" vom mai 1990. Diese politische konferenz — die zweite von geplanten drei — mit teilnehmern aus allen deutschsprachigen ländern nahm die bisher geleistete wissenschaftliche arbeit zustimmend zur kenntnis. Bekanntlich und zu unserem kummer ist die gross- und kleinschreibung nicht bestandteil des in einem ersten schritt zu verwirklichenden reformpakets. In diesem punkt hat die konferenz unter anderem dank einem votum der schweizer delegation wieder anlass zu hoffnung gegeben. Im bericht der edk ost (konferenz der erziehungsdirektoren der ostschweizer kantone und des fürstentums Liechtenstein) wird zwar die etappierung der reform mit der zurückstellung der grossschreibungsfrage begrüsst, aber an der konferenz wandte man sich gegen eine tabuisierung des temas: "Zur Gross- und Kleinschreibung hält Landammann Höhener fest, dass ein Bedürfnis nach Reformen besteht. Seiner Auffassung nach ist die modifizierte Grossschreibung ohne weiteres möglich. Denkbar ist aber auch eine gemässigte Kleinschreibung."

Ende september trafen sich die wissenschafter aus allen deutschsprachigen ländern zur achten arbeitstagung in Mannheim. Aus der Schweiz nahmen daran die folgenden mitglieder der edk-arbeitsgruppe teil: T. Bachmann, P. Gallmann, H. Glinz, H. Sitta und H. Stricker. Erstmals war der BVR nicht vertreten. Behandelt wurden die laut-buchstaben-beziehungen einschliesslich der fremdwortschreibung und zeichen wie apostrof usw. Damit liegen nun zu allen teilbereichen regelwerke vor: laut-buchstaben-beziehungen, getrennt- und zusammenschreibung einschliesslich bindestrich, gross- und kleinschreibung, zeichensetzung und worttrennung. Die nächste tagung wird turnusgemäss in Zürich stattfinden und sich vor allem mit der verabschiedung des gesamtregelwerks befassen.

Die arbeitsgruppe rechtschreibreform der konferenz der kantonalen erziehungsdirektoren, in der der BVR als beobachter vertreten ist, tagte unter dem vorsitz von prof. H. Sitta wieder dreimal in Zürich.

Kurz nach den wiener gesprächen fand an der pädagogischen akademie in Feldkirch (Vorarlberg) eine fortbildungsveranstaltung für lehrer statt, wobei auch die Schweiz in erscheinung trat, nämlich durch prof. H. Sitta als referenten und den schreibenden als zuhörer.

In den medien schlug die ortografie im abgelaufenen jahr keine grossen wellen, mehr noch die französische als die deutsche. Kurz nach der letzten jahresversammlung erschien ein interview mit dem schreibenden in der Klettgauer Zeitung / Schaffhauserland. Ein grösserer artikel erschien im Lehrerinnen- und Lehrer-Magazin (Zürich). In der fachzeitschrift print (früher Schweizerische Buchdruckerzeitung) entstand eine umfangreiche debatte zwischen zwei typografen als gegner und einem berufskollegen sowie dem schreibenden als befürworter einer reform. Die von der tochter unseres gründungsmitglieds Heinrich Beglinger betreute zeitschrift Sonnseitig leben gratulierte unserem geschäftsführer Walter Neuburger zu seinem amtsjubiläum und gab gleich die telefonnummer bekannt, unter der sich ein nachfolger melden könnte.

BVR

Am 20. januar fand in Basel die jahresversammlung statt. Sie musste die jahresbeiträge erhöhen. Der vorstand tagte einmal, nämlich im november, dagegen gab es ein dutzend besprechungen zwischen geschäftsführer und vorsitzer.

Das organ Rechtschreibung erschien dreimal im gesamtumfang von 24 seiten. Nummer 150 — die fünfzigste von René Schild redigierte! — enthielt eine kritische stellungnahme zu den laufenden wissenschaftlichen und politischen bestrebungen sowie überlegungen zur schreibfreiheit anhand einer rezension der ostdeutschen wissenschaftlerin R. Baudusch über ein buch von Chr. Stetter. In nummer 151 findet man u. a. die abschlusserklärung der 2. wiener gespräche und informationen zur geplanten rechtschreibreform im französischen. In der november-nummer findet man die beiden ersten artikel aus der debatte im print.

Das bekannte diktat von O. Kosog liegt in neuer, leichter lesbarer gestaltung vor. Als neues werbemittel wurde ein kugelschreiber mit BVR-aufdruck geschaffen, während man die zündhölzer wohl auslaufen lässt.

Um einen wechsel des geschäftsführers zu erleichtern, ist die neue briefadresse des BVR ein postfach in Zürich.

10 136 informationsschriften sandte der geschäftsführer mit seinen helfern vor allem an die lehrerschaft der kantone Luzern und Basel stadt sowie an die teilnehmer der lehrerfortbildungskurse von Handarbeit und schulreform in Stans.

An der zu diesen lehrerfortbildungskursen gehörenden lehrmittelausstellung gab es auch wieder einen recht grossen BVR-stand.

Wegen des verschobenen drucks eines büchleins und ausstehender rechnungen schliesst die jahresrechnung mit einem vermögenszuwachs von über 6000 franken.

Der mitgliederbestand hat sich leider etwas vermindert, nämlich um 48 auf 1428. Davon sind 249 mitglieder auf lebenszeit, 20 mehr als im vorjahr, und 16 kollektivmitglieder.

Wir beklagen den hinschied von Heinrich Beglinger, Zürich, Fritz Heussler, Rheinfelden, Fritz Hunziker, Oberentfelden, Victor Neuburger, St. Gallen, Paul Pfeil, Liestal, Hans Schraner, Interlaken, und Hans Sommer, Brügg.

Es ist fast unglaublich, dass sich unter den im letzten jahr — im dezember — verstorbenen ein gründungsmitglied des BVR befindet, das wir noch vor wenigen jahren an der jahresversammlung begrüssen durften. Es ist Heinrich Beglinger, der damit in schöner weise die kontinuität unserer bewegung verkörperte.

Allen mitglieder des BVR danke ich für ihre treue. Den vorstandsmitgliedern und anderen helfern gilt unser dank für ihren einsatz.

Der vorsitzer
Rolf Landolt


Übrigens . . .

Das zitat des jahres

Prof. H. Sitta zur tatsache, dass es in der von ihm ge­leiteten arbeits­gruppe rechtschreib­reform keine einzige frau gibt

Die recht­schreibung scheint eine männliche an­gelegenheit zu sein.